Teil 12 – Kenwood, Alpine, Pioneer

445 Deutsche Mark. Das war die Summe, die auf meinem letzten Lohnscheck der Firma Demers stand.
Eine Woche zuvor hatte die Chefin mich in ihr Büro gerufen, und mir mitgeteilt dass sie das Ausbildungsverhältnis mit mir beenden würde.
Eigentlich nur allzu verständlich, bin ich doch in letzter Zeit nur noch allzu sporadisch auf der Maloche aufgetaucht.
Und entweder hatte ich halb tot den Arbeitstag über mich ergehen lassen, weil ich mich mal wieder aufgerafft hatte auf Turkey arbeiten zu gehen, oder im Vollrausch supereuphorisch, neben meinem Lieblingsgesellen Heinz, mit Siphons und Rohren rumjongliert.
Beide Gemütszustände trugen offensichtlich wohl nicht allzu gut zu einem gesunden Arbeitsverhältnis bei.

Wie auch immer, mein zweites Standbein aka “Bachelor of Shore and Blech Scientologist”, nahm mittlerweile sowieso viel zu viel Zeit in Anspruch, und wie heißt es doch so schön?
Man soll Prioritäten im Leben setzen, und so konzentrierte ich mich darauf, diesen Weg zu perfektionieren und der beste in diesem Fach zu werden.
Da es aber bis jetzt leider keine staatlichen Vergütungshilfen für diesen Fachbereich gab, musste ich mich nach einem anderen Weg umschauen, um an Kohle zu kommen.

Arkan war mittlerweile auch gut dabei was die Shore anging, doch hatte er es wenigstens noch geschafft seine Kfz Mechaniker Ausbildung zu Ende zu bringen.
Und was die Beziehung mit Dania anging?
Wir waren mittlerweile in unserem zweiten Beziehungsjahr, aber fetzten uns extrem oft.
Natürlich war auch hier oft der Grund dafür mein Shorekonsum, aber auch andere belanglose Kleinigkeiten ließen es oft in einen Kleinkrieg, a la Mr. and Mrs. Smith, ausarteten.
Und bei mir zuhause? Viel zu retten gab’s da nicht mehr. War ich zu dieser Zeit auch wirklich der Meister aller Ausreden, schaffte ich es irgendwann nicht mehr, das Gerüst meiner Lügen aufrecht zu erhalten.
Das ich voll drauf war, war mittlerweile allen in der Familie klar.
Der Großteil meiner privaten Besitztümer wechselte nach und nach den Besitzer, und wurde in Bares umgesetzt, sodass das Inventar meines Zimmers irgendwann nur noch aus einer Matratze, und einem uralten kleinen Röhrenfernseher bestand.
Das meiste davon landete in dem großen Zigeunerheim in Köln Dellbrück.
Die Sinti und Roma dort haben einem wirklich alles abgekauft, aber besonders scharf waren sie auf Gold.
Das Heim, welches zwischen Dellbrück und Mauspfad lag, bestand aus einem riesengroßen Gebäude, welches auf einem noch größeren Grundstück lag.
Dort lebten an die 40 bis 50 Roma Familien. So auch Piko, ein 17 jähriger Zigeuner, mit Pech schwarzen, glatten langen Haaren, bis zum Arsch.
Immer mal wieder ging ich mit ihm auf große Einkaufstour nach Köln, in die Innenstadt. Und Leute, ich sag euch was. Wenn einer das Klauen in die Wiege gelegt bekommen hat, dann Piko!
Es war bemerkenswert, wie er mit seinen Langfingern den halben Laden leer räumte.
Durch ihn lernte ich das halbe Zigeunerheim kennen, und hatte somit nie Probleme, Ware an den Mann zu bringen.

Finanzielle Unterstützung gab es von meinen Eltern schon lange nicht mehr. Ich konnte zwar noch zuhause wohnen, musste aber früh morgens mit der letzten Person das Haus verlassen, und konnte auch erst wieder rein, wenn jemand da war.
Mein Tag drehte sich nur noch darum, genug Stoff klar zu machen.
Eine Zeit lang hatten wir hauptsächlich immer Zigaretten geklaut.
Damals war das noch ziemlich easy, da zu 99 Prozent die Tabakwaren vorne, ungesichert an der Kasse waren.
Und ich rede nicht von ein paar Schachteln Kippen. Nein Man, wenn wir mit unserer Tour fertig waren, waren unsere Tüten meist mit um die 100 bis 120 Schachtel Zigaretten gefüllt. Manchmal auch um einiges mehr. Ihr könnt euch ja ausrechnen, was da ungefähr bei rum gekommen ist.
Drei Schachteln haben wir meistens für acht bis zehn Mark verkauft.
Da kamen dann schon einige hundert Mark pro Tag bei rum.
Es war halt ein leichter und schneller Weg um an Bares zu kommen. Kippen konnte man immer ziemlich schnell verticken.
Meistens gingen wir in Spielhallen, Imbisse, Baustellen, oder laberten einfach Leute auf der Straße an, die am Rauchen waren.

Tipp an alle Nachahmer:
Man sollte es möglichst vermeiden, keine Zivilbullen anzusprechen, wenn man die geklauten Zigaretten an den Mann bringen will.
So wie es mir einmal, mit einer bis zum Rand gefüllten Aldi Tüte, mit frisch geklauten Zigaretten, passiert ist.
Meine Ausrede, die Zigaretten seien ein Weihnachtsgeschenk gewesen, zog da anscheinend nicht mehr.
Der Zivi Bulle ging mit mir durch alle umliegenden Geschäfte und kontrollierte die Überwachungskameras.
Das Fazit dieses Tages?
Die Kippen waren weg, stattdessen gab`s ne Anzeige, und ich verbrachte den Tag auf der Wache.

Auch Autoradios waren damals ziemlich begehrt und auch noch recht teuer.
Besonders Marken wie Alpine, Kenwood etc..
Eine abgebrochene Antenne, das dickere Ende mit einem Stein platt geklopft, und jeder VW war innerhalb zehn Sekunden geöffnet.
Es war wirklich extrem leicht.
Mit der platt gedrückten Antenne, die praktisch wie ein großer Schlitzschraubenzieher fungierte, musste man einfach nur unter den Türgriff durchstoßen, und schon erreichte man den Türknopf, den man nun, mit ein bisschen Übung, nach oben schieben und somit die Tür öffnen konnte.
So gingen wir immer öfters auf nächtliche Tour.
Stellten wir uns anfangs noch etwas tollpatschig an, so perfektionierten wir unsere Handgriffe nach und nach immer mehr, sodass die ganze Aktion irgendwann nur noch Sekunden dauerte.

Es war ein Sonntagabend. Ich lag gerade mit Dania auf der Couch in Ihrem Zimmer, welches sich im Dachgeschoss eines kleinen Reihenhauses Ihrer Eltern, in Köln Holweide befand.
Nach einem heftigen Streit, inklusive anschließendem Versöhnungssex, chillten wir beide vorm TV, und ich verfolgte mit einem offenem Auge, den Schrott, der dort gerade lief.
Es dürfte so gegen 23.30 Uhr gewesen sein, als mich ein lautes Hupen, dessen Klang ich sofort erkannte, aufschrecken ließ.
Obwohl ich genau wusste wer das war, ging ich zum Dachfenster, und sah Arkan in seinem blauen Opel.
Er kam gerade von Uli. Wir hatten nachmittags schon verabredet, dass er mich später bei Dania abholen sollte.
Ein kurzes Handzeichen an Arkan, ein Küsschen an Dania, und ab nach unten. Auf der mittleren Etage machte ich noch einen kurzen Abstecher ins Badezimmer, und vernichtete noch schnell meine letzte Shore inklusive Röhrchen.
Wir hatten noch ca. ‘n halbes Gramm, welches Arkan und ich untereinander aufteilten, bevor er mich nachmittags bei Dania raus ließ. Er selber fuhr dann weiter zu seiner Freundin Uli, die nur zwei Kilometer weiter entfernt wohnte.
Leise ging ich am Wohnzimmer der Eltern vorbei, mit dem Ziel auf keinen Fall den Vater von Dania, der in letzter Zeit immer öfters cholerische Anfälle und Wutausbrüche bekam, zu begegnen.
Kam ich mit der Mutter noch einigermaßen zurecht, so konnte mich der Vater von Anfang an nicht richtig leiden, und ich muss sagen, dass dies auf Gegenseitigkeit beruhte.
Eines Abends ging es sogar so weit, dass der alte Sack sich doch tatsächlich mit mir prügeln wollte.
Stinkbesoffen betrat er Danias Zimmer und fing an mir irgendwelche Schimpfwörter an den Kopf zu werfen.
Bis dahin fand ich die Sache ja sogar noch ganz lustig. Doch als er dann noch anfing, wie ein tobender Stier, auf mich loszugehen, konnte der Opa wirklich von Glück reden, dass die Mutter und Dania energisch dazwischen gegangen sind, denn sonst weiß ich wirklich nicht wie die Sache an diesen Abend für ihn ausgegangen wäre.

“Hey mein Bruder.”, ich öffnete die Tür des blauen Kadett’s, und grüßte Arkan, der ziemlich müde aussah, mit einem Grinsen.

“Alles klar jung”, erwiderte er, und liest dabei den Motor seines Opel aufheulen.

“Was los Arkan? Siehst so fertig aus. Hat Ulli dich richtig rangenommen, oder was?”, sagte ich, zündete mir ne Kippe an, und legte meine Beine aufs Armaturenbrett.

“Von wegen Mann. Hast du noch was? Mir geht’s nicht gut?”, murmelte er und lenkte den Opel auf die Bergisch Gladbacher Straße, in Richtung Dellbrück.

“Sorry Bro. Eben das Letzte platt gemacht. Und gerade mal den Affen verjagt damit.”, antwortete ich und viel dabei kurz in Gedanken.

Es war komisch und neu Arkan so reden zu hören, war er doch sonst immer die vernünftige Stimme, die mich eher davon abhielt weiter in die Scheiße abzurutschen.
Ich wusste nicht, wie ich dies finden sollte, doch ein Teil in mir fand es alles andere als toll.

“Willst du nicht mal ‘ne Pause machen, Arkan?”, fragte ich Ihn, mit leiser Stimme.

“Genau! Das sagt mir der, der jeden neuen Tag mit ’nem dicken Blech beginnt?!”, konterte er, und preschte über eine Ampel, die schon seit einigen Sekunden auf Rot gewechselt hatte.

“Arkan Man, das ist doch was anderes. Du mu…”, und noch bevor ich meinen Satz beenden konnte, unterbrach er mich.

“Alter, hör auf. Nerv nicht! Was machen wir denn jetzt? Wo kriegen wir jetzt Kohle her”, ergänzte er mit energischer Stimme.

„Hmm.. Keine Ahnung. Geschäfte haben alle schon zu. Hmm… Autos? Fahr doch erst mal nach Dellbrück.”, antwortete ich ihm.

Arkan bog den Wagen auf die Dellbrücker Hauptstraße ab, und wir fuhren die Straße einmal komplett nach unten bis zur Straßenbahn.
Beim Charly (Dönerbude) drehten wir um, und fuhren bis zum Muckefuck zurück. Schon von Weitem sahen wir einige Leute vor der Kneipe stehen.
Wir parkten den Opel an der Straßenseite, grüßten einige der Jungs und Mädels, die wir kannten, und setzten uns auf den Fahrradständer, der vor dem danebenliegendem Schreibwarenhandel stand.
Einer der Jungs, namens Winkler, stellte sich zu uns. Wir zündeten uns alle eine Kippe an und quatschen, bzw. planten unsere “Tour”.
Der Winkler wohnte, zusammen mit seiner Mutter, direkt auf der Dellbrücker Hauptstraße.
Er hing immer mal wieder mit uns ab, verbrachte aber doch meistens seine Zeit mit seiner Freundin, mit der er schon damals ziemlich lange zusammen war, und bestimmt auch noch heute ist.
Ich kiffte oft mit ihm zusammen, und auch andern Drogen war er nicht abgeneigt. Auch Shore rauchte er ab und an. Aber so was war nie geplant bei ihm. Und auch wenn ich ihn schon jahrelang nicht mehr gesehen habe, bin ich mir sicher, dass er nie mit dieser Droge ein Problem bekommen hatte oder auch wird.
Er war einer von dieser seltenen Gattung. Einer von diesen 0.0001 Prozent.

Wir hingen noch etwas vorm Muckefuck ab, bis wir uns dann schließlich, so gegen halb 1 bis 1Uhr auf dem Weg machten.
Die Nacht von Sonntag auf Montag war gut geeignet für unser Vorhaben.
Die meisten Menschen gingen früher ins Bett und die Straßen waren um diese Zeit wie leer gefegt.
Und einen Dritten Man mit dabei zu haben, war auch nicht schlecht.
Sechs Augen sehen halt mehr als vier, wobei ein paar Augen ja sowieso mit der Aktion selber beschäftigt ist.
Die andern beiden standen am besten so um die 50 Meter, in beide Richtungen vom ausgesuchten Auto entfernt, Schmiere.
Da ich damals wirklich immer der schnellste beim Knacken war, hab ich zu 90 Prozent auch diesen Part übernommen.
Es war mir sogar auch immer am liebsten, denn beim Schmiere stehen war ich um einiges nervöser, als bei der Aktion selbst.

Der erste Golf war schnell geöffnet.
Ein kurzer Stich unterm Türgriff, ein leises „Klack“, und die Tür war auf.
Ich kniete mich mit einem Bein in den Fahrerraum und checkte erst mal alles nach Kohle oder anderen Wertsachen ab.
Das Radio selbst war schnell entfernt, da diese ja immer in einem Einbaurahmen steckten. Diesen Rahmen aber rauszuholen, war um einiges schwerer. Entweder man hatte hier rohe Gewalt angewendet, oder aber man nahm sich etwas mehr Zeit diesen sauber auszubauen.
Nachdem wir in unmittelbarer Nähe noch zwei weitere Radios klargemacht hatten, hörten wir hier erst mal auf und gingen zurück zu Arkan’s Auto. Es war nie gut, länger an einem Ort als absolut nötig zu bleiben, und deshalb entschieden wir uns nach Thielenbruch zu fahren.
Wir parkten den Wagen in einer Seitenstraße, und versuchten dort noch mal unser Glück.
Drei Radios reichten nicht aus, bekam man doch meistens so zwischen 80 und 120 DM pro Gerät.
Arkan und ich wollten mindestens ’nen 5er Beutel klar machen, und der Winkler wollte ja auch noch etwas Kohle abhaben.

Also auf ein Neues. Auf dem großen Parkplatz an der Bahnhaltestelle parkten eine Menge Autos. Winkler und ich warteten an einer geschützten Ecke, während Arkan einmal über den Parkplatz schlenderte, und die Autos raus suchte bei denen sich ein Bruch lohnte.
Zwei VW Golf, ein Polo und ein Passat standen auf der Liste.
Es war schon etwas heikel und mit Risiko behaftet, vier Autos in unmittelbarer Nähe zu knacken.
Normalerweise war die Devise, “Rein raus und weg“, und wir diskutierten Hin und Her, ob sich das Risiko lohnen würde, bis ich mich letztendlich mit einem “Fuck drauf”, in Richtung Autos aufmachte.

Golf Nr1, klackklack Kenwood Radio.
Golf Nr2, klackklack Pioneer Radio.
Polo Nr1, klackklack, Alpine Radio.

Beim Passat angekommen, hatte ich etwas Probleme die Tür zu knacken.
Volkswagen muss sich wohl dem Problem bewusst geworden sein, und hat bei allen neueren Modellen dünne Stahlbleche in den Zwischenraum zwischen Türgriff und Karosserie angebracht.
Wirkungsvoll?? Nicht wirklich. Drei bis vier beherzte Schläge und man war mit seiner Antenne/Schraubenzieher durch, und kam so problemlos an den Türknopf.
Ich hatte gerade das vierte Radio in meinen Rucksack gepackt, und war dabei den Einbaurahmen aus der Konsole zu fummeln, als ich plötzlich einen lauten Pfiff hörte.
Ich hob meinen Kopf hoch, und konnte schon von Weitem das blaue Leuchten der Polizeisirenen, welches an den Häuserwänden reflektierte, sehen.
Dann ein lauter Schrei, “Weg Man! Bullen!”.

“Fuck, Fuck, Fuck!”, stammelte ich laut vor mich hin, schnappte mir meinen Rucksack, und rannte, als wär der Leibhaftige hinter mir her, in Richtung Wald, wo auch Arkan stand.
Noch bevor ich los rannte, konnte ich sehen, wie Winkler, der genau in der anderen Richtung Schmiere gestanden hatte, hinter ein paar Häusern verschwand.
Im Lauf riss ich Arkan mit mir mit, und wir verschwanden hinter den ersten Bäumen im Wald.
Wir konnten noch das laute Bremsgeräusch des Polizeiautos hören, gefolgt von lautem Rufen “Stehen bleiben!! Polizei”.
Es war stockdunkel, und wir rannten wie die Verrückten. Die ersten paar hundert Meter folgten wir noch dem kleinen Waldweg, doch irgendwann zog ich Arkan nach links, und wir stolperten in Richtung Dickicht.
Immer wenn ich mich umdrehte, konnte ich das Leuchten der Taschenlampen sehen, gepaart mit den immer gleichen Rufen “Polizei! Stehen bleiben!”.

“Fuck man, wie oft wollt Ihr das denn noch durch die Nacht brüllen? Glaubt Ihr wirklich, dass wegen dieser Worte jemand stehen bleibt, und freiwillig zu Euch kommt?”, haspelte ich vor mich hin, während ich von Schnappatmung geplagt durch die Büsche preschte.

“Fuck! Scheiße! Autsch Man! Verdammte Scheiße, und ähnliche Worte, hörte ich ohne Pause von Arkan, und meine Antworten darauf waren nicht weniger einfallsreich.

Schließlich erreichten wir irgendwann wieder einen Waldweg.
Völlig außer Atem schnauften wir erst mal kurz durch, und als ich Arkan betrachtete, musste ich einen kurzen Lacher ausstoßen.
Seine Klamotten waren zerrissen, überall hatte er kleine Schrammen, und seine Haare waren voller Blätter.

„Haha, Alter. Wie siehst Du denn aus?!”, stammelte ich, während ich mich wie ein Walross schnaufend, nach vorne gebeugt, an Arkan’s Schulter festhielt, um wieder Luft zu kommen.

“Du Penner. Guck dich mal an. Glaubste Du siehst besser aus?!”, konterte Arkan mit einem Grinsen im Gesicht.

“Wo ist der Rucksack?”, ergänzte er.

“Weg Man. Hab das Ding irgendwo in den Wald geschmissen.”, antwortete ich.

“Was jetzt? Meinste die ham‘ den Winkler gefickt?”, fragte Arkan, während er sich ne Kippe anzündete.

“Keine Ahnung. Der ist hinter den Häusern verschwunden. Glaub nicht. Lass uns erst mal weitergehen, und im Wald bleiben. Uns hat 100 Pro jemand gesehen, und die Bullen gerufen. Hier wimmelt es jetzt bestimmt von denen, und gib mir auch mal ’ne Kippe.”, erwiderte ich.

So eine Verfickte Scheiße man. Wir hatten die Bullen am Arsch hängen, die Radios waren weg, und keine Shore mehr in der Tasche.
Was hätte ich jetzt für ein Blech gegeben.
Langsam gingen wir weiter den Waldweg entlang.
Wie durften mittlerweile schon fast in Bergisch Gladbach gewesen sein, als uns Geräusche aufhorchen liessen. Wir versteckten uns kurz hinter ein paar Bäumen, warteten ab, doch es kam nichts weiter.
Ich wollte gerade etwas sagen und weitergehen, als mich Arkan wie ein Verrückter an meiner Jacke zurückzog.
Fuck Man. Von weitem konnte man den Lichtkegel mehrere Taschenlampen erkennen. Nicht schon wieder. Wir drehten um, und rannten wie die Bekloppten zurück.
Wir blieben auf dem Weg, bis wir ein Waldhäuschen erreichten.
Dicke Bäume wuchsen dicht um das Häuschen herum, und da wir beide sowieso nicht mehr rennen konnten, ergriffen wir unsere Chance, und versteckten uns hier.
Wir kletterten auf das Dach und quetschten uns zwischen die vielen Äste und Gestrüpp, welches quer von den Bäumen hinüberwuchs.
Jetzt nur ruhig sein und nicht bewegen.

“Fuck Alter. Was ist, wenn die Hunde dabei haben?”, flüsterte Arkan.

“Glaub ich nicht. Die hätten wir bestimmt vorhin schon gehört. Einfach ruhig bleiben.”, antwortete ich mit leiser Stimme.
Wie versteinert lagen wir auf dem morschen Holzdach.
Die runter hängenden Äste der umliegenden Bäume schützten uns perfekt, und langsam sahen wir das Licht der Taschenlampen, gefolgt von einigen Geräuschen, immer näher kommen.
Da hingen wir beide nun, mit einem Fuß schon beim Haftrichter, und was passiert als Nächstes?
Ich weiß nicht wer zuerst angefangen hat zu kichern. Fakt war, dass wir beide uns extrem zusammenreißen mussten um nicht in einen totalen Lachflash zu verfallen.
Die Bullerei war mittlerweile genau unter uns.

“Bloß nicht Arkan anschauen! Bloß nicht lachen!”, sagte ich mir immerzu, während ich mein Gesicht in meine Armbeuge presste und mir mit der andern Hand permanent in den Oberschenkel kniff.
Ich wusste genau, ein Blick zu Arkan, und wir würden beide gnadenlos in ein Gelächter verfallen.
Ob wir dann immer noch lachen würden, wenn wir kurze Zeit später, die restliche Nacht, getrennt in zwei Haftzellen verbringen würden, stünde auf einem anderen Blatt.
Immer wieder hob ich leicht meinen Kopf, und spickte vorsichtig nach links.
Das Licht der Taschenlampen zuckte hektisch über die Bäume neben und über uns, gepaart von einigen Schritten und leisem Geflüster der Bullen, die direkt unter uns standen.

“Verfickt noch mal. Hier ist niemand. Verpisst Euch endlich“, dachte ich mir immer wieder.

Keine Ahnung, wie lange es noch dauerte. Ich weiß nur noch, das Arkan mich irgendwann am Arm zog, mit dem Satz, „Hey, ich glaub die sind weg”.
Langsam hob ich meinen Kopf, und fing an mich um zu schauen. Er schien wirklich recht zu haben, denn das Licht der Taschenlampen entfernte sich konstant.
Wir atmeten auf.
Arkan boxte mich auf meinen Arm.

„Wieso hast du gelacht, du Penner?”, flüsterte er, mit einem Grinsen im Gesicht.

“Ich? Du Sackgesicht! Du hast doch angefangen!”, antwortete ich mit genauso leiser Stimme, und boxte ihn ebenfalls auf seinen linken Oberarm.

Wir lachten beide kurz.
Nach zwei Zigaretten und weiteren zehn Minuten des Wartens, kletterten wir vorsichtig und leise von dem Dach der Waldhütte hinunter.
Nicht allzu weit entfernt, gab es einen Weg, der wieder aus dem Wald führte.
Im schleich Tempo und extrem vorsichtig, marschierten wir diesen entlang, bis wir schließlich wieder auf einer Straße in Gierath rauskamen.
Dann unser Glück. An dem kleinen Kiosk, der direkt an der kleinen Kreuzung lag, entdeckten wir ein Taxi.
Wir ergriffen unsere Chance, und gingen schnellen Schrittes auf den gelbweißen Mercedes zu.
Arkan klopfte an die Scheibe und der türkische Fahrer, der gemütlich, mit einer aufgeschlagenen Zeitung über seinem Gesicht, vor sich hin döste, schreckte auf.
Noch bevor er etwas sagen konnte, saßen wir beide schon in seinem Auto.
Nachdem er uns einige Sekunden extrem verpeilt betrachtete, fing Arkan, der auf dem Beifahrersitz saß, auch schon an, etwas auf Türkisch runter zu rattern.
Endlich setzte sich der Wagen in Bewegung.
Arkan drehte seinen Sitz soweit es ging nach hinten und auch ich quetschte mich, so gut es ging, in die Ecke der Rückbank.
Es war spät, und wir waren halt müde.
Der Taxifahrer quittierte die zwei Minuten Fahrt zu Arkan’s Wagen mit cholerischem Gemecker und warf nur so mit türkischen Schimpfwörtern um sich.
Meine Fresse, jetzt bloß keine weitere Eskalation, dachte ich mir, während ich immer wieder von hinten an Arkan’s Arm zog, der nun ebenfalls anfing auf Türkisch rumzuschreien und immer wütender wurde.
Irgendwann drückte ich dem Taxifahrer meinen letzten zehn D-Mark Schein in die Hand, und zog Arkan aus dem Taxi.

Zu Arkan, der ebenfalls in Gierath bei seinen Eltern wohnte, waren es nur noch ca. fünf Minuten mit dem Auto. Und obwohl wir erst überlegten, die drei noch vorhandenen Autoradios vorher irgendwo zu bunkern, und dann einen riesen Umweg zu ihm zu fahren, entschlossen wir uns schließlich auf direkter Strecke, zu ihm nach Hause durchzubrettern.
Arkan heizte wie ein Verrückter los, und noch als ich dachte, in der nächsten Notaufnahme zu landen, schien das Glück doch noch mit uns zu sein, und wir erreichen schließlich sein Zuhause.
Ich verbrachte die restliche Nacht in dem Keller seiner Eltern, wo noch eine alte Matratze stand.

Schweißgebadet wachte ich früh morgens in dem miefigen Keller auf.
Oh man.. Es gibt wirklich nichts Schlimmeres als mit ’nem dicken Affen aufzuwachen und keine Shore auf Tasche zu haben.
Als Arkan endlich erschien, fuhren wir sofort nach Mülheim auf die Keupstrasse, aka „Klein Istanbul“.
Wir hatten Glück, und konnten zwei der Radios direkt gegen ’nen fünf Gramm Beutel tauschen.
Auch der Winkler, den wir kurz vorher noch angerufen hatten, hat es geschafft, ohne von den Bullen gefickt zu werden, nach Hause zu kommen.
Parkhaus, Mülheimer Straße in Köln:
“Ich öffnete das Fenster des blauen Opel Kadett, zog an dem Blech und pustete den Qualm nach draußen.
Meine kleine Verfickte Welt war wieder in Ordnung!”

TO BE CONTINUED………………

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Über MadMike

Das ist meine Geschichte, mein Leben. Ich schreibe diese nicht mit erhobenem Zeigefinger, noch wird hier etwas beschönigt. Es ist einfach "Mein Leben"! Dies soll keine Drogen-Verherrlichung darstellen! Drogen haben mir unfassbar viel genommen und mein Leben auf eine peverse Art und Weise kontrolliert! Frei zu sein, ist das Höchste aller Güter, welches wir Menschen besitzen dürfen und wer glaubt mit dem "Zeug" frei zu sein, unterliegt einer großen Illusion. Ich probiere meine Geschichte immer so zu schreiben, wie ich zu dem jeweiligen Zeitpunkt gefühlt und gedacht habe. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich mich nicht auch weiterentwickelt habe und aktuell bestimmte Dinge anders sehe. Dies hier soll kein Drogenpräventions-Projekt sein, doch ich denke, dass jeder mit ein bisschen Verstand in seiner Birne, es schaffen wird von alleine die richtigen Schlüsse zu ziehen. Euer MadMike...
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7 Antworten zu Teil 12 – Kenwood, Alpine, Pioneer

  1. FräuleinF schreibt:

    Hallo,

    wow, du hast echt einiges erlebt.
    Ich sehe das immer etwas zwiegespalten. Klar, auf der einen Seite sind es natürlich Straftaten. Aber auf der anderen Seite… Ich bereue nichts von dem, was ich damals getan habe. Es hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Und mal ganz ehrlich? Spaß gemacht hat es ja auch irgendwo. Wobei ich ja ehrlicherweise sagen muss, dass ich im Gegensatz zu dir wohl lammfromm gewesen bin 🙂

    Mit Zivilbullen habe ich auch meine Erfahrungen gemacht. Und ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass sich sehr viele von denen das Näschen pudern. 🙂

    „Es gibt wirklich nichts Schlimmeres als mit ’nem dicken Affen aufzuwachen“
    Ja, da hast du Recht. So ging es mir gestern. Der Vormittag auf der Arbeit war alles andere als schön.
    Und ich habe echt gedacht, dass ich es diesmal ohne Entzug schaffe. Vielleicht kann ich 2 Wochen noch irgendwie überbrücken. Leider wurde meine OP nun zum zweiten Mal verschoben. Das war alles anders geplant 😦

    Kannst du nicht schonmal spoilern, ob du heute clean bist? Ach man, ich bin doch so verdammt neugierig:)

    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

    • MadMike schreibt:

      Hey Fräulein,

      Weisst du, das alles ist schon etliche Jahre her, und für die meisten Straftaten habe ich gebüsst.
      Sucht ist schon etwas heftiges, und lässt einen, die eine oder andere üble Tat durchziehen.
      Es ist halt die Sucht, die einen dazu treibt.
      Das Handeln und Tun eines Abhängigen, wird bei solchen Aktionen, nicht durch den Charakter bestimmt, sondern es ist die Sucht die einen diese Dinge tun lässt.

      Ich schreibe meine Texte auch immer genau so auf, wie ich mich zu dem „jeweiligen“ Zeitpunkt gefühlt habe. Natürlich habe ich mich heute auch weiterentwickelt, und meine Einstellung zu „bestimmten“ Sachen hat sich komplett verändert. Viele Sachen könnte ich, bzw. würde ich absolut nicht mehr tun!
      Aber wie du auch schon gesagt hattest, die Vergangenheit gehört genauso, wie die Zukunft, zu einem Menschen, prägt, und macht einen letztendlich zu dem was man ist.
      Die Vergangenheit ist geschehen, an der Zukunft jedoch können wir immer noch etwas drehen. ^^

      Ich wünsche dir alles Gute für deine anstehende OP!

      Hey…, ich will doch hier nichts verraten ^^..
      Da musst du dich wohl noch etwas gedulden 😉
      Ich gebe aber mein Bestes und probiere mich mit den neuen Teilen zu beeilen.

      Liebe Grüsse
      MadMike

      Pass gut auf dich auf !

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  2. juliettabotwin schreibt:

    Hi, hab dich für mein liebster Award nominiert, wenn du mitmachen möchtest, schau dir mein gestrigen Post an (:

    Gefällt 1 Person

  3. Hirnpolizei schreibt:

    Geil geschrieben 🙂
    Dennoch: Regiefehler beim blauen Kadett, der die ganze Zeit neon gelb war – oder hatte Arkan zwei?

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