Teil 30 – Ballern ins offene Bein

Zurück in Konstanz.
Verdammt, was ging mir die scheiss Sucherei auf den Sack. Wie ein Bekloppter lief man Hin und Her nur um die verdammte Nadel im Heuhaufen zu suchen. Chris war verschwunden. Weder nachts, an unserem sporadischen Zeltplatz, noch tagsüber in der Stadt. Keine verdammte Spur mehr von ihm!
Hätte ich für jede Minute, die ich zu der damaligen Zeit, mit Warten und Suchen verbracht habe, einen verdammten Pfennig bekommen, dann wären Geldprobleme definitiv ans Ende meiner Problem Kette gerutscht.
Und so kam es, dass ich mich die kommenden Tage erst mal alleine durchschlagen musste.

Es waren Momente wie diese, in denen einem bewusst wurde, wie mies es doch war, komplett alleine durch seinen, mit viel Liebe und großem Aufwand erstellten Haufen Scheiße, stolzieren zu müssen.
Ohne seinem besten Freund oder wenigstens ’nem Kumpel an der Seite, wurde alles frustrierender, abgefuckter und deprimierender!
Wie sagt man doch so schön? Geteiltes Leid ist halbes Leid.
All die Tage, Monate und Jahre ….. Fuck Man, alleine hätte man diese Zeit wahrscheinlich nur mühsam überstanden.
Doch zu zweit war alles nur halb so schlimm.
Ich meine, wie seltsam dieser Bullshit auch klingen mag, aber zusammen waren wir beide in der Lage, selbst aus den abgefucktesten Situationen, noch etwas Positives und Lustiges zu kreieren. Selbst ’nen stinkenden Haufen Scheiße hätten wir uns wahrscheinlich noch in ein rosarotes Blümchen, gepflückt von dem heiligen Messias selbst, schönreden können.
Und Meister des Verdrängens waren wir beide ja sowieso. Für Alles und Nichts konnten wir uns Rechtfertigungen aus den Ärmeln ziehen.
Das perfekte Team also.
Dennoch, glaubt nicht daß wir uns nicht auch oft genug, gegenseitig ans Bein gepisst hatten.
Nee Man, mehr als einmal kam es vor, dass wir kurz davor waren uns die Köpfe einzuschlagen. Doch ganz ehrlich? Es wäre auch ein wirkliches Wunder, wenn dem nicht ab und zu so gewesen wäre.
Doch was dann letztendlich nur zählte, war dass wir am Ende wieder wie zwei Brüder den Kampf gegen die Verfickte restliche Welt aufnahmen, für einander da waren und uns gegenseitig aus der Scheiße rauszogen.
In einer Welt und einem Umfeld, wo jeder nur an seinen eigenen Arsch dachte, konnten wir uns blind aufeinander verlassen.
Das war mehr wert, Alls alles andere!
Es war mehr als eine Freundschaft! Wir waren wie Brüder und unser Blut war dicker all alles andere.
Bekanntschaften gibt es wie Sand am Meer, doch findet ihr mal solch ein „Exemplar“, dann haltet dran fest. Geben ist mehr als Nehmen in so einer Konstellation.

Und an dieser Stelle noch mal ein paar Worte, Fuck, man könnte es schon fast eine abgewichste Ode nennen. Und zwar an den Menschen, der für immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben wird. . Egal wo du bist, was du machst, wann immer wir uns auch sehen, ich werde immer für dich da sein! Ihr werdet euch vielleicht wundern, denn bis jetzt hat McFly noch keinen meiner Texte gelesen.
Nein Man, erst wenn ich am Ende angekommen bin, werde ich sie ihm zeigen. Ihm diese widmen, denn im Grunde sind das hier unsere Texte. Es ist unsere Geschichte!
Und glaubt mir, es wird noch einiges passieren, womit Ihr nicht rechnen würdet.

 

Einige Tage vergingen, in denen ich mich so durschlug. Rumlaufen, Kohle klar machen, Waren verkaufen und Drogen einkaufen. Arbeitsbeginn 8Uhr morgens – Feierabend 00Uhr Mitternacht. Pausen gab es keine und Bereitschaftsdienst hatte man 24/7 an der Backe.
Dazu kamen noch miese Sozialleistungen und Aufstiegsmöglichkeiten, in Form eines Grabsteins oder dem Knast, gab’s gratis als Zuschlag oben drauf. Von einem Praktikum oder kurzem Reinschnuppern kann ich jedem nur abraten.
Werdet Klempner, studiert BWL oder leistet Entwicklungshilfe in irgendeinem Kaff in Afrika. Mach sonst was, nur strebt keine Karriere in diesem Metier an. Lohnt sich net, ist ungesund und einfach nur für den Arsch!

Es war früher morgen. Nieselregen fegte durch Konstanz. Zusammengekauert quetschte ich mich unter den schmalen Vorstand der Bushaltestelle und war gerade dabei meine obligatorische Tafel Ritter Sport, die ich mir aus dem kleinen Supermarkt, unten am Ufer ausgeliehen hatte, zu vernichten.

„Den Typen kennste doch!“, dachte ich mir, während ich auf die letzte Reihe des Linienbusses, der soeben vorfuhr, schielte. Und tatsächlich, mit einem lauten Quietschen der Hydraulik öffnete sich die hintere Tür, der gute McFly hüpfte hinaus und lief mir grinsend entgegen.

Es dauerte nicht lange, und er fing an mich zu überreden mit ihm zurück nach Überlingen zu kommen.
Doch ich entfernte ich mich nur ungern von der Quelle, aka Konstanz, der verfickten Spielhalle, in der braunes Pulver in viel zu kleinen Mengen für viel zu viel Bares den Besitzer wechselte. Nee Man, der Aufwand um von Überlingen hierher zurückzugelangen, war einfach viel zu groß. Vor allem mit ’nem Turkey in den Knochen. In dem Zustand war einem nun mal alles Zuviel und seinen, vom Affen geschwächten Körper 20 Kilometer ins Nächste Dorf zu schleppen ist unmenschlich und sollte mit der Todesstrafe sanktioniert werden.
Doch der gute McFly schaffte es ’nen ordentlichen Anreiz für den Umzug zu kreieren.
Anscheinend wartete ein Batzen Kohle auf Ihn und so stimmte mich der Ruf des Geldes, dann schließlich doch um, Konstanz zu verlassen und mit ihm zurück nach Überlingen zu fahren.
Rückweg Überlingen!
Die letzten Meter liefen wir zu Fuß, da der Fahrer des kleinen grauen Transporters, den wir schon auf der Fähre angesprochen hatten, uns kurz vorher an einer Straßenecke rauswarf.
Natürlich dauerte es nicht lange, bis sich die Knochen in meinem Körper anfingen zu drehen und den Versuch starteten, mir mit Unwohlsein und leichten Schmerzen klar zu machen, mal bitte ganz schnell für ’n dicken Nachschlag zu sorgen.
Der letzte Druck lag viel zu lange zurück und es war nur ’ne Frage der Zeit, bis sich mein restlicher Körper der kleinen Privatparty ohne großer Überredungskunst anschließen, und der Affe die volle Kontrolle übernehmen, würde.

„Wieviel Kohle hast du? Die hatte Euch einfach so ’n Typ in die Hand gedrückt, damit Ihr dem „was“ klar macht??“, ich zog mir den Rotz zurück hoch, der gerade dabei war meine Nasenhöhle als Spielplatzrutsche zu nutzen.

 

„Ähm, ja Man. ‚N paar Blaue. Der Typ will ’ne dicke Platte Hasch haben und natürlich hab ihm gesagt, dass wir das „Beste“ im Umkreis von 100 Kilometern klar machen können. Die Kohle ist aber noch bei der Schwester von Phil und die müssen wir erst noch holen.“, erwiderte McFly.

 

Phil bzw Philipp war ’n junger Kerl, mit dem McFly die letzen Tage in Überlingen verbracht hatte. Während ich weiterhin die Shore Welle in Konstanz ausgiebig und mit viel Hingabe ritt, feierten die beiden, auf jeder nur möglichen alternativen Droge, die gerade halt verfügbar war.
„Ja, dann lass uns schnell die Kohle besorgen und rüber nach Zürich fahren! …. Oder?“, ein Gähnen welches mir fast den Kiefer ausrenkte, ließ meine letzten Worte nur ansatzweise erahnen.

„Was? Ähm, ja klar, machen wir!“, die Antwort kam zwar etwas zögernd, doch reichte aus, um meiner Energie wieder etwas Aufschwung zu bescheren.
Ankunft Überlingen!
Nachdem drei hintereinander gekaufte Eis beim Italiener meinen Hunger besänftigt hatten, war es definitiv Zeit für die Hauptspeise.

„McFly! Komm man, lass uns los die Kohle holen!“, ich zündete mir die soeben geschnorrte Kippe an.

„Ähm ja Man. Wir müssen noch was warten..Ähm, ich meine, wir müssen erst die Schwester anrufen, bzw. erreichen.“, stammelte er vor sich hin.
Okay den Enthusiasmus, den McFly an den Tag legte, was die Sache betraf, gefiel mir nicht so richtig aber ich fand mich damit ab und konzentrierte mich auf das Wesentliche.
„Dann auf zur Telefonzelle.“, erwiderte ich umgehend.

Dort angekommen, unten am Ufer des Bodensees, ging das Spiel dann los.
Immer wieder wählte McFly eine Nummer, doch kam letztendlich nie durch.
Ständig kam irgendeine Ausrede. Die Schwester kommt gleich, sie muss doch noch weg, ihr Auto sei stehen geblieben, etc. etc.
So lief das Ganze also für die nächsten zwei bis drei Stunden in Dauerschleife ab.
Mir ging das Alles extrem auf den Sack. Mein Körper randalierte und von Minute zu Minute wurde ich unruhiger.
Ich war letztendlich kurz davor, wieder alleine zurück nach Konstanz zu fahren, als McFly schließlich einwilligte, mit Phil zusammen, zu seiner Schwester zu fahren.
Ein fetter BMW reagierte endlich auf unsere ausgestreckten Daumen. Der Grund dafür war aber wohl eher, dass der Fahrer Phillip vom Sehen kannte, alls die Optik unserer wohlgeformten Ärsche.
Die Fahrt dauerte nicht lange und so standen wir einige Augenblicke später, vor einem kleinen Einfamilienhaus. Natürlich sollte ich kurz warten, und die beiden verschwanden kurze Zeit darauf.
Ganz ehrlich? Ich erwartete nicht sehr viel. Um genau zu sein, gar nichts, denn nicht erst seit ein paar Minuten hatte ich das Gefühl, dass an der ganzen Geschichte mit der Kohle etwas faul war.
Umso mehr war ich von der kommenden Aktion überrascht.
Das breite Grinsen, welches sich diagonal durch McFly’s Fresse zog und er gerade zum Besten gab, als die beiden zurück um die Ecke des Hauses kamen, kannte ich nur allzu gut und ließ doch tatsächlich Positives erhoffen.
Ohne was zu sagen, griff er in die Hintertasche seine Jeans und wedelte kurze Zeit später mit einem fetten Bündel blauer Scheine, vor meiner Nase umher.

Es ist schon wirklich erstaunlich, wieviel Aufschwung einem vom Affen geschwächten Körper, alleine nur die „Aussicht“ auf Drogen geben kann. Wirklich verdammt erstaunlich. Dein Kopf spielt die verdammte Hauptrolle und der Körper den Statisten, in der Dreigroschenoper, die sich Sucht nennt.

Freudig knutsche ich McFly mehrmals ab und dann machten wir uns auf in Richtung Zürich.
Doch Moment!
Die Kohle??? Tja, von wegen, die war gar nicht von dem Typen, der Dope wollte. Das Haus, vor dem wir da standen?
Nee Man, da wohnte noch nicht einmal die Schwester von Phil.
Oh ja, die Story hatte der gute McFly nur erfunden um mich irgendwie wieder zurück nach Überlingen zu holen.
Da McFly mich nun mal besser als jeder andere kannte, wusste er genau dass es mehr als nur ein paar Worte bedurfte um meinen Arsch weg aus Konstanz, dem einzigen Ort, an dem es unser heiß geliebtes Pulver gab, zu befördern.
Im Grunde gab es nur zwei Dinge. Shore, oder das Mittel zum Zweck: „Bares“.
Der gute alte McFly entschied sich somit für Lockmittel Nr.2.
Mit ein paar Scheinen wedeln und den gierigen Fisch beim Haken packen, so ungefähr nach dem Motto.
Erst Monate später erzählte er mir woher die Kohle wirklich kam.
Tja, ich sag nur Trampen, fetter BMW, Rücksitz, dickes Portemonnaie, leeres Portemonnaie.

 

Ankunft Zürich aka Junk-City!
Mittlerweile kannten wir auch hier schon die ein oder anderen begünstigte Stelle, welche zum ungestörten Konsumieren einlud. Natürlich konnte man sich, wie auch oft getan, mitten auf den Letten, das Pulver seiner Wahl in die Venen jagen, doch wir hatten kein Bock auf Stress, sei es in Form von Bullen oder stressigen Mitsüchtigen. Und außerdem wollten wir Koks in Form von Cocktails genießen und unsere Ruhe haben. Der Plan war deshalb erst mal für die eine Hälfte der Kohle Dope einzukaufen und dann wieder, zu einem unserer Plätze, zu verschwinden.
Und genau jetzt muss ich Euch noch von einem Ereigniss erzählen, welches sich mir, und wohl auch McFly, noch bis heute, fest wie ein gemaltes Bild in unseren Köpfe eingebrannt hat.
Ein Bild, welches das ganze Elend und Übel einer Sucht, auf ein Einzelnes reduzierte und zum Besten gab!

Wir näherten uns der kleinen Brücke, die über den Letten, bzw. die alten ausrangierten Bahngleise führte.
Eine Straße, auf beiden Seiten Bürgersteige und eine Treppe, welche direkt nach unten in die Hölle oder auch das Paradies führte. Was von beidem liegt wohl im Auge des Betrachters.
Genau hier, auf einer der unteren Stufe saß er. Ein Typ, dessen Optik wirklich nur jedes möglich verfügbare Klischee eines Heroin Junkies der 80/90er Jahre bediente.
Wir marschierten die Treppe weiter hinunter und quetschen uns an ihm vorbei. Und dann erst sahen wir das ganze Elend.
Bei unseren Ausflügen durch die Weltgeschichte erlebten wir oft abgefuckte Situation, sahen üble Sachen, doch dieser Typ hier, sicherte sich definitiv einen Platz auf dem Siegerpodest, was dies betraf.

Er hatte seine Jeans ausgezogen und saß nur noch in Unterhose, da.
Überall war Blut, auf den Treppen lagen kleine Hautfetzen und anderes undefinierbares Zeug.
Er war so vertieft, in dem was er tat, dass es einen Augenblick dauerte, bis er uns bemerkte.
Er hob sein eingefallenenes Gesicht nach oben und seine großen Glubschaugen, die aus den tiefen dunklen Augenhöhlen herausragten, starrten uns kurz an.
Seine grau-gelbliche Haut, hing über seinem Körper wie ein loser Lappen Leder.
Dann, also sei es das Normalste der Welt, widmete er sich wieder voll und ganz seinem Projekt „Vene lokalisieren“.
Er setzte die, schon mit dunklem Blut gefüllte Pumpe, erneute an. Bis hier hin ein ganz normales Bild der damaligen Zeit und auf dem Letten sowieso stinknormaler Alltag.

Doch dann sahen wir sein Bein.
Sein verficktes Bein, dieses Bild werde ich nie vergessen, war komplett offen!!
Und zwar so weit, dass man wirklich schon die offenen Venen und Arterien sehen konnte.
Wie die Saiten einer Gitarre, baumelten diese, von Fleisch und Muskeln umgeben, herum und der arme Kerl stocherte immer wieder erfolglos in diesem Loch herum.
Es war eine reines Blut Massaker, welches er dort veranstaltete.
Fast die ganze Innenseite seines Oberschenkels war betroffen.
Immer wieder pulte er mit seiner linken Hand in dem offenen Bein herum, um dann erneut den Versuch zu starten, eine Vene zu lokalisieren und auf „Blut“ zu stoßen.

Fuck-Man, bevor ich selbst zum Heroin Junkie wurde, war „pures Unverständnis“ alles, was ich für diese Gattung Mensch aufbringen konnte. Ich dachte mir immer, wie zum Teufel kann man sich denn sein eigenes Grab schaufeln und von der verdammten Loge aus dabei zusehen, wie man sich und und sein Leben Stück für Stück gnadenlos zerfickt? Absolut lächerlich so was! Ja Man, Gedanken wie diese waren es, bevor ich selbst dem Zeug verfiel und mich diesem mit Leib und Seele verschrieb.
Tja, und wie zum Teufel soll man einem 0815 Mensch denn bitte so ein Bild erklären?
Wie soll man dies rechtfertigen.
Kann man so ein Verhalten denn nicht nur mit Schwäche und Dummheit abtun?
Nee Man, egal wie schwer es zu verstehen ist, all diese Attribute passen dazu nicht.
Unverständnis ist das Letzte, welches man aufbringen sollte.
Diese Macht, diese Sucht ist einfach unbeschreibbar, doch sie ist verfickt noch mal Real!

Der Schweiß tropfte ihm aus seinem Gesicht. Es war ein Schauspiel purer Verzweiflung, welches sich uns dort offenbarte.
Er stöhnte, fluchte und schluchzte, währen er die Nadel immer wieder erneut in sein offenes Bein rammte. Es klappte und klappte und klappte einfach nicht.
Seine alten Pumpen und Nadeln lagen wild durcheinander verstreut vor ihm auf dem Boden, und immer wieder wechselte er die, von Blut verstopfte Nadel gegen eine andere aus. Spritzte die ganze Suppe zurück auf seinen, mit Ruß und Dreck verschmierten Löffel, rührte herum, um sie erneut aufzuziehen und das Prozedere im Loop zu wiederholen. All dies, nur um den Kampf gegen die Zeit, in Form von geronnenem Blut, zu gewinnen.
War dies einmal der Fall, dann war’s dass und er konnte die ganze Suppe allerhöchstens noch,  vorausgesetzt er war schnell genug, runterschlucken, um wenigsten etwas davon aufzunehmen.

Oft genug habe ich es mitterlebt, dass Druffis in so einer Situation, voller Verzweiflung sich die, mit Blut verklumpte Pumpe, einfach subkutan ins Gewebe rammten. Schmerzhaft, übel und ganz gefährlich!
Bei dem ganzen Dreck der im Umlauf war, war dies wirklich die allerbeste Voraussetzung, um in den Genuss eines schönen fetten Abszesses zu gelangen.
Genau so einen Abszess, der bei diesem armen Kerl hier wahrscheinlich einmal die Ausgangsbasis für dieses leckere offene Bein war.
Nicht ordentlich behandelt, entzündet er sich, gedeiht froh und munter weiter und das Endergebnis hatten wir hier auf dem Silbertablett serviert bekommen. Der nächste Schritt währe dann wohl die Amputation, wenn man Pech hat.
Absolut schlimm!
Was Abszesse an ging, hatte ich zurückgeblickt eigentlich immer ein verdammtes Glück. Natürlich hatte ich mir mehr als einmal ein fettes Ei geballert, und auch entzündet hat es sich das ein oder andere Mal, aber alles ist zum Glück immer wieder gut verheilt. Aber na ja, Glück stand sowieso ganz oben auf unserer Liste.

Was dieser Typ hier gerade durchmachte …. man kann es sich wirklich nicht vorstellen. Es gibt einfach keine Worte, um es  jemanden verständlich zu machen. Jemanden der dieses Gefühl nicht kennt. Es ist einfach unbeschreiblich!
So nah dran um seinen schlimmen Affen, seinen Horror Entzug, den er vielleicht schon seit Stunden oder sogar Tagen mit sich rumschleppte, endlich zu besiegen, doch gleichzeitig Kilometer weit entfernt.
Ich meine, gottverdammte Scheiße! All diese Sachen, die Umstände, welche Süchtige auf sich nehmen und akzeptieren … ich meine, all das müsste Grund genug sein, um die Macht dieses Pulvers, die Hoffnungslosigkeit so einer Sucht, so einer Krankheit, zu rechtfertigen. Es müsste voll und ganz ausreichen, um dies alles offiziell zu einer Erkrankung zu erklären, und nicht nur alls Willensschwäche abzutun. Es müsste voll und ganz ausreichen um die ganze Drogenpolitik zu revidieren und neu zu verfassen.
Fakt ist und bleibt aber nun mal. Sucht ist eine Krankheit! Wo diese anfängt, oder aufhört ist schwer festzumachen. Dies aber zu leugnen grenzt schlicht und einfach an Dummheit!

Doch jetzt das Krasse!
Nachdem wir unser Arsenal, welches wie immer aus Koks und Shore bestand, aufgefüllt hatten, ging es wieder zurück. Wir verbrachten bestimt eine dreiviertel Stunde oder ‘ne Stunde auf dem Letten. Es dauerte seine Zeit bis wir den richtigen Dealer fanden und ‘ne kleine Nase gönnten wir uns dann doch noch direkt auf der Szene.
Und als wir schließlich wieder den gleichen Weg zurück kamen, da saß dieser arme Kerl doch tatsächlich immer noch an der gleichen Stelle und war immer noch dabei in seinem Bein herum zu stochern. Wir konnten es echt nicht glauben! Der Typ hatte es immer noch nicht geschafft sein Zeug in seiner Venen zu verschießen. Er war total fertig! Die Treppe sah noch um einiges schlimmer als vorher aus und der Typ war kurz davor durchzudrehen.
Wir blieben kurz stehen und machten dann ’nen kleinen Umweg, um über eine andere Treppe hoch auf die Brücke zu kommen.
Der restliche Tag verlief ohne weiter Vorkommnisse. Wir verballerten unsere Kohle komplett und mit ein bisschen auf Tasche, ging es zurück Richtung Überlingen.

Aber Fuck Man, das war dies wirklich das letzte krasse Bild, welches mir vom Letten in Erinnerung geblieben ist. Der Typ auf dieser Treppe!
Danach waren wir nur noch einmal auf der Szene in Zürich. Sporadisch, nur um kurz aufzutanken, bevor wir uns dann wieder Richtung Heimat verpissten
Denn bald war das Kapitel Bodensee endgültig abgehakt. Nur soviel, das nächste Kapitel, der nächste Ort, der uns mit offenen Armen empfing, hieß „Kassel“.
Und dort sollte der Absturz erst richtig beginnen. Ein neues Level erreichen.
Zumindest für mich. Aber dazu später mehr.
Noch waren wir hier und Köln war vorerst auch noch für einen kleinen Zwischenstopp geplant.
McFly und ich machten nun also erst mal wieder vereint, zusammen Konstanz unsicher. Immer wieder hielt ich Ausschau nach ihm, doch Marc tauchte nach unserem letzten Zürich Trip einfach nicht wieder auf.
Der Alltag beschränkte sich  wieder auf den üblichen 24 Std. Job. Fuck Man, ein Jahr auf der Straße konnte man locker mit fünf „normalen“ Jahren vergleichen.
Tja, und so kam es, das selbst wir mal wieder an den Punkt kamen, von allem die Schnauze gestrichen voll zu haben.

Das kleine popelige zwei Man Büro, mit der Aufschrift  „Drogenhilfe“ sah nicht gerade sehr einladend aus und man merkte sofort das die Stadt ihr Jahresbudget definitiv in andere Bereich anlegte.
Mit seiner Franzosen Mütze, 6 Tage Bart und an beiden Ohren baumelnden Ohrringen, sah der ältere Typ, der uns grinsend hinein bat aufjedenfall so aus, als müsste er hier selbst, in regelmäßigen Abständen, seine Hilfsangebote auf Herz und Nieren testen.
Er brauchte nicht allzu lange um zu checken weshalb wir vor ihm standen.
Unsere Optik, gepaart mit den nicht mehr vorhandenen Pupillen, sprach ihre eigene Sprache.
Zwei junge Junkies, die sich freiwillig zu Entgiftung anmelden?
Wenigstens erkannte er ziemlich schnell, das dies ein Moment geprägt von Seltenheit war und das so ein Zeitfenster für diese Entscheidung mehr als nur begrenzt war. So kam es, dass wir nach zwei oder drei Telefonaten, doch tatsächlich noch am selben Tag, in einer Einrichtung aufgenommen wurden.

Ich glaube es war auch die einzige Einrichtung rund um Konstanz, in der Junkies und Alkis probierten den Kampf gegen Ihre ganz persönlichen Dämonen aufzunehmen. Soweit ich mich erinnern kann, waren es drei oder vier kleinere Baracken, welchen um ein Krankenhaus herum verteilt, aufgebaut waren. Dort, in verschieden Suchtkategorien eingeteilt, durfte man sich also zwei bis drei Wochen mal so richtig auskotzen, um dann am Ende körperlich gereinigt, wie ein neu geborener Mensch dazustehen. Doch in unserem Haus waren wir gemixt mit Alkis, da es anscheinend an Platz mangelte. Ich kann mich deshalb daran erinnern, weil ich noch weiss wie wir uns aufgeregt hatten, das die Alkis nach drei Tagen das Recht hatten, sich frei auf dem Gelände zu bewegen, während für uns Drogis die ganze Zeit über striktes Ausgangsverbot herrschte.
Abgesehen davon, wie fast überall damals, hielt man sich auch hier gnadenlos an das Motte „Kalter Entzug!“
Fucking hallelujah! Unser Motto, quäl dich gesund. Keine Pillen, die dir etwas Erleichterung verschaffen, nichts zum Schlafen, geschweige denn Opiate zum langsamen abdosieren. Nee Man, nur Du, dein Bett, dein Klo und deine Innereien, welche froh und Munter, den Abgang aus sämtlich verfügbaren Körperöffnungen machten.

Na gut, etwas Luft und Liebe gab’s auch noch gratis obendrauf. Das war’s! Alles darüber wäre nunmal Luxus, den man Süchtigen damals eben nicht zusprach. Ich weiss noch, dass es in ganz Deutschland irgendwann eine einzige Klinik gab, die einen sogenannten „warmen“ Entzug praktizierte. Glaub mit DHC (DehydroCodein). Dort aufgenommen zu werden, glich in etwa einem Sechser im Lotto. Die Wartezeiten waren unendlich lang, und das hatten wir ja schon. Alleine „eine Woche“ kann in dem Leben eines Süchtigen die Welt bedeuten. Alles und Nichts kann in dieser Zeit passieren.
An einem Tag noch die besten Vorsätze sein Leben komplett umzukrempeln, so war es doch glatt möglich, 24 Stunden später, vollgepumpt mit jeder nur denkbaren Droge, in dem Bett einer russischen Nutte, am anderen Ende der Welt, aufzuwachen. Inklusive Herpes an den Eiern und ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, wie man dort gelandet ist. Mal grob ausgedrückt.

Auch wenn es nicht allzu leicht umzusetzen zu sein dürfte. Wenn ein Schwerstabhängiger sich dazu entscheidet sein Leben zu ändern, den alles entscheidenden Schritt wagt, dann muss Hilfe sofort bereit stehen, denn das Zeitfenster ist klein und kann sich nun Mal jeden Moment wieder schließen.
Doch Sucht wie eine Krankheit zu behandeln, davon war man damals noch weit entfernt.

 

Tag 1, Tag 2 und Tag 3 beglückten uns mit dem Üblichen.
Die Beziehung zu dem Klo, welches sich glücklicherweise sogar mal innerhalb, unseres steril eingerichteten fünf Mann Zimmer befand, wurde vertieft und gefestigt. Und als wäre es nicht schon genug Anstrengung, sich auf dieses mit allerletzter Kraft zu schleppen, so nervten uns auch noch die lieben Angestellten mit dem Therapie Bullshit vom ersten Tag an. Ich meine, es gibt für alles die richtige Zeit und Ort, aber wenn Ihr uns schon ’nen kalten Affen schieben lasst, dann gönnt uns doch wenigstens die ersten 4 bis 5 Tage Ruhe, bevor Ihr uns wieder auf den Pfad der Tugend bringen wollt.
Nix da, so mussten wir uns 3mal am Tag, aufgeteilte in zwei kleinen Gruppen, im obligatorischen Kreis zusammensetzen und unsere abgefuckten Hirne in Selbsttherapie analysieren. Wut – Trauer – Angst -Zweifel – Hass … Ein buntes Potpore an Gefühlen in Kombination mit dem körperlichen Symptomen, prasselte auf einen nieder. Leer und ausgesaugt, dem allmächtigen Schutzschild entrissen, so fühlte ich mich in so einer Situation.
Ach was soll’s. Hier mal ’ne kurze Zusammenfassung:

Tag 1:
Turkey im Anmarsch! Ankunft gegen Abend. Nistete sich ein, fühlte sich wie zu Hause und wollte sich partout nicht mehr verpissen.
Natürlich kam er wie immer, mit seinen besten Freunden im Anhang. Die da wären, Dünnschiss, Krampfanfall, Schweißausbruch und Kopfgeficke.
Die Gähnerei begann. Frierend unter Decke fielen wir in die ersten kurzen Schlafepisoden. Leider nur bis zur Nacht. Denn die wurde komplett zweckentfremdet und an Schlaf war nicht mehr zu denken.

 

Tag 2:
Körperfunktionen versagten auf ganzer Linie. Das Klo wurde unser bester Freund – wir beiden öffneten uns ihm voll und ganz.
Die Kraft versagte gnadenlos. Kleine Bewegungen oder Anstrengungen quittieren unsere Körper mit ’nem radikalen Totalausfall!
Das Bett unser bester Freund und schlimmster Feind.

 

Tag 3:
Kurz vor Peak! Jede Bemühung um irgend eine Erleichterung zu ergattern, sei es nur für eine verdammte Baldrian Tablette, wurde mit ’nem müden Lächeln der beiden Schwestern abgewimmelt!
Die Quälerei schaukelte sich langsam hoch, Richtung Höhepunkt. Man schwitze und friert simultan und wir gaben alles, um unsere Mageninhalte nicht schon auf dem Weg zum Klo Gassi gehen zu lassen.

 

Tag 4:
Totaler Peak! Schlimmer gings nicht mehr! Total am Ende! Neben gemütlichen Kotzorgien und fröhlichen Krämpfen gesellte sich nun auch noch der hinterlistigste aller Protagonisten dazu. Die Kirsche auf der Sahne sozusagen. Geselle „Kopffick“ schlich sich hinterlistig in unsere Bettchen und bohrte sich wie ein Parasit in unsere angeschlagenen Köpfchen. „Geh! Steh auf! Quäle dich nicht länger hier ab!“, flüsterte er mir in meine verschwitzen Ohren.

 

Und dann, am Morgen des fünften Tages passierte das, was jeder Süchtige nur allzu gut kennt.
Das Verfickte Teufelchen in deinem Kopf gewann, hauchte deinem Körper wieder soviel Leben ein, um dich geradewegs zu deinem Stammdealer zu befördern.
Ein Trauerspiel seinesgleichen!
Folgende Konversation spielte sich also kurz darauf zwischen McFly und mir ab:

„Alter …….“, ohne Pause drehte ich mich von links nach rechts in meinem komplett durchwühlten Bett.

„Was? Hast du was gesagt??!!“, krächzte McFly, der sich in dem gegenüberliegenden Bett abquälte.

„Ahh.. Ich …. Ähh ….?!“, stöhnte ich erbarmungslos.

„Ja???? Was?? Was meinst du???? „, …….

„Alter, irgendwie … Ich weiss nicht ….“, ………

„Ich weiss, ich weiss. Sollen wir?“, ……..

„Hmm.. Ahhh …. Hmm …..  Ja, Okay Man!“, …….
Keine fünf Minuten später, standen wir beide angezogen vor dem Zimmer der Pfleger, hauten ein „Wir sind dann mal weg!“, heraus und verpissten uns kurz darauf.
Beim Verlassen konnten wir noch den Satz, „Passt bitte auf! Eure Toleranz ist gesunken und so passieren die meisten Unglücke!“, wahrnehmen, den uns einer der Pfleger hinterher rief.

Die kommenden Stunden kannten wir nur allzu gut.
Es gab wirklich nichts schlimmeres, als in so ’nem miserablen Zustand in die verdamme Ungewissheit zu marschieren. Ohne einen Pfennig auf Tasche, nur mit dem einen Ziel vor Augen. Mit allen Mitteln, ohne Rücksicht auf Verluste, diesen Horrorzustand wegzudrücken.
Nachdem wir uns den Berg hoch zur Bushaltestelle geschleppt und den Gehweg in unregelmäßigen Abständen, symmetrisch und farbenfroh mit unsere Kotze verschönert hatten, ging es geradewegs weiter zur Spielhalle, wo wir wieder irgendwie unser Lebenselexir ergatterten.
Es gab immer einen Weg. In diesem Zustand mobilisierte man alles was nur möglich war, und hielt man das heiß ersehnte Päcken in seinen Händen.

 

Nach weiteren zwei oder drei Wochen in Konstanz und Überlingen, kam es dass wir uns wieder Richtung Köln verpissten.
Grund dafür war ein dickes Bündel Bargeld.
Ein paar Typen aus dem Nachbarort suchten uns doch tatsächlich auf und servierten uns ein paar blaue Scheine förmlich auf dem Silbertablett, mit der Bitte Ihnen ’ne größere Menge Dope oder Pillen klar zu machen.
Wie das ausging könnt Ihr Euch natürlich denken.
Aber mal ehrlich… Wer zum Teufel drück bitte zwei hochgradig süchtigen Typen, so viel Kohle in die Hand?
Wir hatten damals unseren puren Überlebensmodus aktiviert und da war es klar dass wir die Kohle nahmen und uns, mit ein paar lieblichen Versprechungen, verpissten.
Tja so landeten wir also, nach ’nem dreitägigen Zwischenstopp auf dem Letten, welcher definitiv der letzte sein sollte, wieder in dem guten alten Köln.
McFly hatte das Glück Asyl bei seinen Eltern gewährt zu bekommen. Zumindest für die ersten Nächte. Für mich dagegen sah es mau aus und die Türen blieben verschlossen.
Für meine Mutter war ich ein rotes Tuch. Und ganz ehrlich? Auch wenn ich damals vielleicht sauer war und es ihr übel man, so kann ich es heute voll verstehen.
Es war meistens so das zumindest einer von uns beiden das Glück hatte zu Hause pennen zu können bzw. zu dürfen. Und so gab es wenigstens manchmal die Möglichkeit, irgendwie für den anderen dort mit unter zu kommen.
Wobei ich muss sagen, die ganze Nacht in seinem Bettkasten zu verbringen war nicht gerade die bequemste Art zu ratzen. Denn offiziell hätte weder ich bei McFly noch er bei mir pennen können. Die Zeiten waren schon lange vorbei.
Na ja, der Bettkasten war immerhin noch besser, als sich draußen den Arsch ab zu frieren.
So vergingen also weitere Monate mit dem üblichen Bullshit.
Eines Tages trafen wir meinen Vater in Dellbrück.
Es war später am Abend und er kam gerade von der Arbeit. McFly und ich saßen auf einer der Bänke an der S-Bahn und ließen uns gerade den letzten Druck Shore durch den Kopf gehen.
Wir waren froh, als er hielt und wir uns in das aufgewärmte Auto setzen konnten. Immerhin war es gerade Winteranfang.

Natürlich war es klar, dass es nicht lange dauerte bis mein alter Herr anfing, uns in unsere Gewissen zu reden.
Doch ehrlich? Wir waren gerade mal selber wieder an dem Punkt die Schnauze, von diesem Leben, komplett gestrichen zu haben.
Es war einfach, verfickt noch mal, viel zu anstrengend! Die Droge selbst war nur ein ganz kleiner Teil. Nein mann, dieses Verfickte drumherum war das Problem! Zumindest was die Shore betraf. Beim Koks sah die Geschichte noch mal ganz anders aus, was ihr in den nächsten Teilen auch erfahren werdet.
Die ständige Jagd nach der Kohle, diesen 24 Stunden Job hielt man einfach nicht lange durch.
Naja, und so kam es, dass wir uns mal wieder dafür entschieden eine Entgiftung in einer Einrichtung starten zu wollen. Und täglich grüßt das Murmeltier oder wie?
Die wievielte? Fragt mich nicht, ich habe irgendwann aufgehört mitzuzählen. Ganz abgesehen von den Versuchen, die wir auf eigene Faust starteten.

So fuhr mein alter Herr also mit uns durch die Gegend mit dem Ziel uns zwei, noch in dieser Nacht, irgendwo einzuliefern.
Erster Stopp war Köln-Merheim. In der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses wurden Entgiftungen für Alkoholiker und Drogisten durchgeführt.
McFly und ich stiegen aus und marschierten Richtung Eingang, welcher um diese Zeit schon verschlossen war.
„Abend. Wie kann ich Ihnen helfen?“, ertönte es aus dem Lautsprecher der Freisprechanlage
„Ähm, Abend. Tja ähh, mein Freund hier und ich … Wir beide sind süchtig und würden gerne…. Ähm … uns gerne die Sucht austreiben lassen. (orig Zitat etwas abgeändert)“, beide Hände in der Hosentasche, lehnte ich mich leicht nach vorne gebeugt mit meinem Kopf gegen die Glaswand.
Einen Moment lang war Stille und nur das Knacken der Sprechanlage war zu hören.
„Tja, das ist wirklich schön, dass Sie sich dafür entschieden haben. Aber wie stellen sie sich denn das bitte vor?! Sie können doch nicht einfach so, mitten in der Nacht hier auftauchen und …….. Ähm also nein, ich kann da jetzt  so nichts machen. Sie müssen sich morgen ganz offiziell bei der Annahme melden. Sie kommen dann auf eine Warteliste und …. “
„Warteliste? Das heißt wie lange?“, McFly stütze sich mit seinen Ellenbogen an meiner Schulter ab und unterbrach die etwas hektisch und sehr jung klingende Stimme.
„Na ja, das ist schwer zu sagen. Aber aktuell können Sie sicher mit einem bis anderthalb Monate rechnen.“, ertönte es zurück.
„Fuck …. in einem Monat? Da kann sich die verdammte Welt aufgehört haben zu drehen.“, erwiderte McFly mit genervt der Stimme.
„Wissen sie was in dem Leben eines Süchtigen, in einem Monat alles passieren kann? Wir brauchen jetzt Hilfe!“, ergänzte ich und schob McFly beiseite, der immer noch vorgebeugt über dem Lautsprecher hing.
„Ja. Ich weiß dass das nicht einfach ist. Aber nur weil sie jetzt und hier gerade mal wieder den Wunsch verspüren Aufhören zu wollen, sollen wir nun für sie hüpfen? So funktioniert das halt nicht. Es gibt da nun mal Regeln. Da können wir jetzt leider nichts machen. Einen schönen Abend noch und passen Sie gut auf sich auf.“ Der Lautsprecher knarzt kurz und danach war Stille.

 

Wir zündeten uns ’ne Kippe an, schauten uns eine Zeit lang fragend an und marschierten dann wortlos zurück zum Auto.
Im Wagen zog sich das Schweigen noch eine Weile hin, bis mein Vater schließlich den Wagen startete und von dem Krankenhausgelände fuhr.
„Synanon!“, ertönte es nach einer Weile aus dem Mund meines alten Herrn.
„Was???“, ich drehte meinen Kopf zu seiner Seite und schaute ihn fragend an.
„Synanon!“, wiederholte er ausdrucksstark, mit der Annahme dass uns beiden nun ein Lichtlein in unseren drogengetränkten Hirnsynapsen aufgehen würde.
„Was? Wovon redest du?“, erwiderte ich mit der gleichen Fragwürdigkeit wie vorher.
„Syna… Syna… Was???“
„Synanon! Mensch! Hör doch zu! Das ist eine Einrichtung, so ein Hof. Die nehmen jeden, der Probleme wie ihr habt auf.  Sofort und ohne Wartezeit!
Vor längerer Zeit stand ich mal mit denen in Kontakt und habe mich informiert.“, erklärte er uns mit aufgebrachter und genervter Stimme.
Dort könnt ihr hingehen. Ach, was sag ich?! Dort müsst ihr hingehen! Wenn nicht … Verdammt noch mal! Wenn nicht ist das auch bald die allerletzte Hilfe von meiner Seite!“, ergänzte er und trat plötzlich und unerwartet in das Gaspedal, so dass ich mich ’nen Moment panisch in den Sitz krallte.
„Besondere Probleme?!Hmm.., so wird das also genannt. Alles was wir tun ist doch bloß unseren einsamen Hirnsynapsen etwas Liebe und Aufmerksamkeit, in Form von übermäßig erhöhten  Endorphinausstößen zu schenken.“

Nein, ich meine Fuck man, auch wenn Ironie und Humor in den übelsten Situationen hilfreich sein konnte. Den letzten Teil Satz hab ich mir allerhöchstens im Stillen für mich gedacht. Denn an dieser Situation war wirklich nichts mehr lustig. Mein alter Herr tat mir tat mir echt leid. Mitten in der Nacht mit uns zwei verkorksten Junkies durch Köln zu fahren.

 

Ich klappte die Sonnenblende hinunter und suchte über den kleinen Spiegel Kontakt zu McFly, der meinen Blick, ebenfalls mit großen Augen, erwiderte.
„Wo ist denn dieses Synanon?“, ich drehte das Fenster ’nen Spalt hinunter und spürte die kühle Luft, die gegen meine Stirn zog.

 

„Es ist schon etwas weiter von hier. Kurz vor Kassel.“, nervös riss mein Vater das Lenkrad herum und bretterte in die kleine Einbahnstraße.
Und gerade als ich etwas sagen wollte unterbrach er mich.
„Jetzt hört mal zu ihr beiden! Ihr könnt nicht mehr so weitermachen. Das hier ist eure letzte Chance! Punkt Ende Aus! Wenn ihr die nicht wahr nimmt ist bald alles vorbei.“, fest knallte er die flache Hand auf das Armaturenbrett.
Einigen Minuten noch, sprudelten ähnliche Sätze aus dem Mund meines Vaters nur so heraus. Dabei fuchtelte er immer wieder, wie wild mir seinen Armen in der Luft herrum, boxte auf das Lenkrad eine und malträtierte das Armaturenbrett.
Bevor wir noch alle im Graben landeten, unterbrach ich ihn schließlich mit lauter Stimme.

„Vateer, ist gut jetzt. Bitte Man, wir wissen das doch alles selber. Dann halt Synanon.“, mit einem Ton in meiner Stimme, als hätte ich alles unter Kontrolle, drehte mich um und blickte in das Gesicht von McFly.

Er überlegte kurz, zuckte dann mit den Schultern und nickte mit seinem Kopf.
„Wenn ihr das nicht macht könnt ihr von mir nichts mehr erwarten. Dann war’s das!
Ich werde euch beide morgen dort hinfahren. Die Nacht werden wir alle im Auto verbringen. Nach Hause kannst du nicht. Das weißt du!
Ist bei dir ja auch nicht anders!“, er drehte den Rückspiegel etwas nach rechts und suchte Blickkontakt zu McFly.
„Ist doch okay. Wir fahren dorthin.“, ich drehte den Sitz nach hinten und schaute in das dunkle der Nacht.
Wir fuhren noch einige Kilometer durch Köln bis mein Vater schließlich an einem kleinen Parkplatz, am Rande eines Waldes, stoppte. Er ließ den Motor, und die Heizung welche die letzten Kilometer schon auf Hochtouren lief, noch einige Minuten laufen. McFly und ich rauchten draußen noch ein oder zwei Kippen, bis wir schließlich alle probierten etwas Schlaf zu finden.

Die Nacht war kurz und ungemütlich.
Ich öffnete meine Augen und das erste was ich erblickte waren ein paar Kühe die an mir vorbeirasten.
Wir befanden uns auf der Autobahn mit dem Ziel, dieses sogenannte „Synanon“.
Mal wieder auf ein Neues.

Fortsetzung folgt……

MADMIKE 07.07.2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Über MadMike

Das ist meine Geschichte, mein Leben. Ich schreibe diese nicht mit erhobenem Zeigefinger, noch wird hier etwas beschönigt. Es ist einfach "Mein Leben"! Dies soll keine Drogen-Verherrlichung darstellen! Drogen haben mir unfassbar viel genommen und mein Leben auf eine peverse Art und Weise kontrolliert! Frei zu sein, ist das Höchste aller Güter, welches wir Menschen besitzen dürfen und wer glaubt mit dem "Zeug" frei zu sein, unterliegt einer großen Illusion. Ich probiere meine Geschichte immer so zu schreiben, wie ich zu dem jeweiligen Zeitpunkt gefühlt und gedacht habe. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich mich nicht auch weiterentwickelt habe und aktuell bestimmte Dinge anders sehe. Dies hier soll kein Drogenpräventions-Projekt sein, doch ich denke, dass jeder mit ein bisschen Verstand in seiner Birne, es schaffen wird von alleine die richtigen Schlüsse zu ziehen. Euer MadMike...
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8 Antworten zu Teil 30 – Ballern ins offene Bein

  1. Marco Rau schreibt:

    Endlich, danke!

    So kann das Wochenende starten.

    Gefällt 1 Person

  2. hignhungry schreibt:

    Wieder ne krasse Story, hab schon befürchtet es kommt nichts mehr.
    Weiter so, bleib drann Digga!
    Les deine Sachen immer gerne.

    Gefällt 1 Person

  3. Henriette schreibt:

    Das lange Warten hat sich gelohnt, auch ich hatte befürchtet, dass Du die Lust verloren hast. Es ist so großartig, Ich würde gerne wissen, wie lange Du ungefähr für so einen Text brauchst. Vielleicht kannst Du ja, leicht abewandelt, ein Buch aus den Texten machen. Egal, Du schreibst hier und das soll uns genügen.

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  4. 01010010 01000001 schreibt:

    Ich freu mich endlich wieder von dir zu lesen digga. Diese Texte prägen einen fürs Leben.

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  5. OPTIXXX schreibt:

    Ich Feier deine Texte immer ziemlich hart und finde sie sind das perfekte mittel gegen den abfuck nach nem heftigen Wochenende😂.
    Eine bitte die ich an dich hätte, wäre übrigens ob du vielleicht bei deinen Texten anmerken kannst, in welchem Jahr wir uns gerade befinden.

    (Klugscheißer modus: du schreibst immer von endorphinen mit denen du deine Synapsen „beglückst“, jedoch ist soweit ich weiß das wort Endorphine aus den Worten Endogen (heißt afaik körpereigen) und morphinen zusammen gesetzt und bedeutet, dass endorphine opioide sind, die der Körper selber produziert also bereits besitzt. Was du meinst sind opioide, die an den Opioid Rezeptoren andocken. Synapsen sind soweit ich weiß etwas anderes im Hirn (aber es klingt besser 😉) Sorry für den extremen klugscheisser Anfall aber obwohl die info auch total unwichtig ist, musste das jz sein.)

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  6. fliegermaedchen schreibt:

    Schön, wieder von dir zu lesen! Hatte schon befürchtet, dass nix mehr kommt. Wäre schade gewesen, ich feier deinen knochentrockenen Galgenhumor 😀

    Gefällt 1 Person

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