Denn sie wissen nicht was sie tun…

Die Demokratie ist gestürzt – das totalitäre System an der Macht. Der Diktator Namens Sucht tyrannisiert sein Volk. Er befiehlt, wir folgen. Schlimmer als je zuvor.

Doch nichts ist mehr wie früher. Wo ist es hin, das gute Gefühl? Der warme Schutzmantel, das tolle High? Wo ist sie hin, die verdammte Illusion der endlosen Freiheit, gepaart mit dem ultimativen Ego Boost?

Alles futsch! Nichts mehr da, außer dem auf links gedrehten Magen inkl. schlechtem Gewissen, welches sich selbst mit ’nem fünfer Beutel feinstem China White nicht mehr ins Jenseits ballern lassen würde. Ist es der Stoff oder ist er derjenige? 

Es funktioniert einfach nicht mehr. Die einzige immer dagewesene Konstante hat den Schwanz eingezogen. Was zum Teufel macht man, wenn die Droge nicht mehr funktioniert, doch der Tyrann immer noch da ist? Paradoxe Sache das! Unlogisch und einfach nur abgefuckt! 

Bis spät in die Nacht konsumiert er zwanghaft Krümel für Krümel. Lässt das braune Pulver verflüssigt, über die, mit schwarzen Ruß verschmierten, Bleche laufen. Nur das Flackern des fast ausgebrannten Teelichts und das kleine Oberlicht, der mit viel Geschirr voll gestellten Spüle, werfen einen kleinen Lichtkegel in die dunkle Küche.

Er hockt vor dem schmalen Eckfenster und pustet angestrengt nach und nach den Qualm des Heroins, gepaart mit dem des Tabaks, hinaus. Zehn, fünfzehn oder zwanzig Feuerzeuge, neben Fetzen von Alufolie, Tabakfiltern und Blättchen, vor ihm liegend auf dem weiß grauen Fliesenboden verteilt.

*Klick*… *Klick* … *Klick*  

Genervt geht er Alle der Reihe nach durch, bis er schließlich eins erwischt welches noch nicht ganz den Geist aufgegeben hat. Die kleine Flamme reicht aus um die nächste Bahn Shore in Qualm aufgehen zu lassen. Diese Prozedur, dieses fast schon heilige Ritual – Früher Gold – heute maximal der Gegenwert eines ausgekotzten Haufen Scheiße.

Das Tier starrt ihn an. Fixiert ihn seit Minuten schon, mit seinen grüngrauen Augen. Ohne zu blinzeln, schaut nicht ein Mal weg, als wolle er ihm sein schlechtes Gewissen links und rechts um die Ohren pfeffern. 

Die letzte Bahn, die letzten kleinen Punkte – Alles muss in Rauch aufgehen! Stechende Brust. Verkrustete, mit schwarzem Teer überzogene Lungenflügel und aufgedunsene Leber.   Unkaputtbar oder wie war das noch? Kleine naive Fotze  – War früher und ist lange her! Schmerzend und bettelnder Körper, doch Wünsche aus dieser Richtung werden seit langem gekonnt ignoriert.  Der Kopf ist der verfickte König.

Vor dem letzten Gramm schon, hätte er aufhören können. Die Rezeptoren mehr als bis zum Anschlag gesättigt. Das Blech beiseite legen und sich genüsslich zurücklehnen können. Doch STOP! Genuss?!?  Falsches Wort, falscher Kontext. Substituieren wir es lieber mit Qual. Und wieder. Paradoxe Sache das!

Warum den Scheiß nicht einfach wegschmeißen? Oft getan! Mehr als einmal hat das Zeug den Scheißpott von innen gesehen. Nur um dann 3 Tage später den Fehler, durch Einkauf der doppelten Menge, wieder gut zu machen. Ich sag’s doch, Man! Paradoxe, abgefuckte Sache das! 

US-Anthropologin Helen Fisher behauptet, der stärkste Trieb der Menschheit sei die Liebe. Überlebenskünstler MadMike behaupte, es sei die Sucht.

Alles muss weg! Nichts darf mehr übrig bleiben. Kein noch so kleiner Krümel darf mehr in der Plastikdose, welcher ursprünglich mal der Behälter für Ohropax war, zu sehen sein. Er kann erst aufhören wenn jedes Blech zusammengeknüllt, den Weg in den verbeulten Mülleimer gefunden hat. Alles nur um Morgen eventuell den einen Tag zu erwischen, an dem er den verfickten Kreislauf nicht erneut zum Laufen bringt. Alles nur um sich die Möglichkeit zu nehmen,  dem verfickten Suchtdruck am nächsten Morgen ein Häppchen zum Frühstück vorzuwerfen. Nur um diesen einen Tag, diesen einen Moment zu erwischen. Einmal durch die richtige Tür zu gehen.

Totale absurde Scheiße! Zu 99,9 Prozent wird dieser eine Tag nicht kommen. Illusion, Wunschdenken, Realitätsverlust. Backflash! Das Band der Kassette dreht sich in Dauerschleife zurück. Wie am Tag zuvor, der Woche und dem Monat zuvor. Du kleiner Spaßt, was in Gottes Namen tust du hier?

Ein Gnadenstoß, ein verfickter Gnadenstoß! Ein Schritt in den freien Fall, ein Atemzug im kühlen Nass, ein goldener Schuss, aufgefangen in dem Schoß singender Engel. Morgen wahrscheinlich und auch übermorgen nicht. Doch irgendwann dann vielleicht. 

Das Leid, der Mut des Einen, der die Eier hat abzudrücken, ist die erbärmliche, angstverzerrte Feigheit des Anderen. Das Bild der Feigen kleinen Ratte, die sich klammheimlich aus dem Leben stielt. Ihr kleinen Wichser ihr! 

Doch wer weiß – Vielleicht ist er ja morgen doch da. Dieser eine Tag, dieser eine besondere Moment.

MadMike 7.09.2017  

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Lebenszeichen..

Die Welt hat immer noch nicht aufgehört sich zu drehen und ich lebe und zucke auch noch ^^

In diesem Sinne einen fetten Gruß an alle Mitleser.

Euer verrückter Mike……

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Teil 30 – Ballern ins offene Bein

Zurück in Konstanz.
Verdammt, was ging mir die scheiss Sucherei auf den Sack. Wie ein Bekloppter lief man Hin und Her nur um die verdammte Nadel im Heuhaufen zu suchen. Chris war verschwunden. Weder nachts, an unserem sporadischen Zeltplatz, noch tagsüber in der Stadt. Keine verdammte Spur mehr von ihm!
Hätte ich für jede Minute, die ich zu der damaligen Zeit, mit Warten und Suchen verbracht habe, einen verdammten Pfennig bekommen, dann wären Geldprobleme definitiv ans Ende meiner Problem Kette gerutscht.
Und so kam es, dass ich mich die kommenden Tage erst mal alleine durchschlagen musste.

Es waren Momente wie diese, in denen einem bewusst wurde, wie mies es doch war, komplett alleine durch seinen, mit viel Liebe und großem Aufwand erstellten Haufen Scheiße, stolzieren zu müssen.
Ohne seinem besten Freund oder wenigstens ’nem Kumpel an der Seite, wurde alles frustrierender, abgefuckter und deprimierender!
Wie sagt man doch so schön? Geteiltes Leid ist halbes Leid.
All die Tage, Monate und Jahre ….. Fuck Man, alleine hätte man diese Zeit wahrscheinlich nur mühsam überstanden.
Doch zu zweit war alles nur halb so schlimm.
Ich meine, wie seltsam dieser Bullshit auch klingen mag, aber zusammen waren wir beide in der Lage, selbst aus den abgefucktesten Situationen, noch etwas Positives und Lustiges zu kreieren. Selbst ’nen stinkenden Haufen Scheiße hätten wir uns wahrscheinlich noch in ein rosarotes Blümchen, gepflückt von dem heiligen Messias selbst, schönreden können.
Und Meister des Verdrängens waren wir beide ja sowieso. Für Alles und Nichts konnten wir uns Rechtfertigungen aus den Ärmeln ziehen.
Das perfekte Team also.
Dennoch, glaubt nicht daß wir uns nicht auch oft genug, gegenseitig ans Bein gepisst hatten.
Nee Man, mehr als einmal kam es vor, dass wir kurz davor waren uns die Köpfe einzuschlagen. Doch ganz ehrlich? Es wäre auch ein wirkliches Wunder, wenn dem nicht ab und zu so gewesen wäre.
Doch was dann letztendlich nur zählte, war dass wir am Ende wieder wie zwei Brüder den Kampf gegen die Verfickte restliche Welt aufnahmen, für einander da waren und uns gegenseitig aus der Scheiße rauszogen.
In einer Welt und einem Umfeld, wo jeder nur an seinen eigenen Arsch dachte, konnten wir uns blind aufeinander verlassen.
Das war mehr wert, Alls alles andere!
Es war mehr als eine Freundschaft! Wir waren wie Brüder und unser Blut war dicker all alles andere.
Bekanntschaften gibt es wie Sand am Meer, doch findet ihr mal solch ein „Exemplar“, dann haltet dran fest. Geben ist mehr als Nehmen in so einer Konstellation.

Und an dieser Stelle noch mal ein paar Worte, Fuck, man könnte es schon fast eine abgewichste Ode nennen. Und zwar an den Menschen, der für immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben wird. . Egal wo du bist, was du machst, wann immer wir uns auch sehen, ich werde immer für dich da sein! Ihr werdet euch vielleicht wundern, denn bis jetzt hat McFly noch keinen meiner Texte gelesen.
Nein Man, erst wenn ich am Ende angekommen bin, werde ich sie ihm zeigen. Ihm diese widmen, denn im Grunde sind das hier unsere Texte. Es ist unsere Geschichte!
Und glaubt mir, es wird noch einiges passieren, womit Ihr nicht rechnen würdet.

 

Einige Tage vergingen, in denen ich mich so durschlug. Rumlaufen, Kohle klar machen, Waren verkaufen und Drogen einkaufen. Arbeitsbeginn 8Uhr morgens – Feierabend 00Uhr Mitternacht. Pausen gab es keine und Bereitschaftsdienst hatte man 24/7 an der Backe.
Dazu kamen noch miese Sozialleistungen und Aufstiegsmöglichkeiten, in Form eines Grabsteins oder dem Knast, gab’s gratis als Zuschlag oben drauf. Von einem Praktikum oder kurzem Reinschnuppern kann ich jedem nur abraten.
Werdet Klempner, studiert BWL oder leistet Entwicklungshilfe in irgendeinem Kaff in Afrika. Mach sonst was, nur strebt keine Karriere in diesem Metier an. Lohnt sich net, ist ungesund und einfach nur für den Arsch!

Es war früher morgen. Nieselregen fegte durch Konstanz. Zusammengekauert quetschte ich mich unter den schmalen Vorstand der Bushaltestelle und war gerade dabei meine obligatorische Tafel Ritter Sport, die ich mir aus dem kleinen Supermarkt, unten am Ufer ausgeliehen hatte, zu vernichten.

„Den Typen kennste doch!“, dachte ich mir, während ich auf die letzte Reihe des Linienbusses, der soeben vorfuhr, schielte. Und tatsächlich, mit einem lauten Quietschen der Hydraulik öffnete sich die hintere Tür, der gute McFly hüpfte hinaus und lief mir grinsend entgegen.

Es dauerte nicht lange, und er fing an mich zu überreden mit ihm zurück nach Überlingen zu kommen.
Doch ich entfernte ich mich nur ungern von der Quelle, aka Konstanz, der verfickten Spielhalle, in der braunes Pulver in viel zu kleinen Mengen für viel zu viel Bares den Besitzer wechselte. Nee Man, der Aufwand um von Überlingen hierher zurückzugelangen, war einfach viel zu groß. Vor allem mit ’nem Turkey in den Knochen. In dem Zustand war einem nun mal alles Zuviel und seinen, vom Affen geschwächten Körper 20 Kilometer ins Nächste Dorf zu schleppen ist unmenschlich und sollte mit der Todesstrafe sanktioniert werden.
Doch der gute McFly schaffte es ’nen ordentlichen Anreiz für den Umzug zu kreieren.
Anscheinend wartete ein Batzen Kohle auf Ihn und so stimmte mich der Ruf des Geldes, dann schließlich doch um, Konstanz zu verlassen und mit ihm zurück nach Überlingen zu fahren.
Rückweg Überlingen!
Die letzten Meter liefen wir zu Fuß, da der Fahrer des kleinen grauen Transporters, den wir schon auf der Fähre angesprochen hatten, uns kurz vorher an einer Straßenecke rauswarf.
Natürlich dauerte es nicht lange, bis sich die Knochen in meinem Körper anfingen zu drehen und den Versuch starteten, mir mit Unwohlsein und leichten Schmerzen klar zu machen, mal bitte ganz schnell für ’n dicken Nachschlag zu sorgen.
Der letzte Druck lag viel zu lange zurück und es war nur ’ne Frage der Zeit, bis sich mein restlicher Körper der kleinen Privatparty ohne großer Überredungskunst anschließen, und der Affe die volle Kontrolle übernehmen, würde.

„Wieviel Kohle hast du? Die hatte Euch einfach so ’n Typ in die Hand gedrückt, damit Ihr dem „was“ klar macht??“, ich zog mir den Rotz zurück hoch, der gerade dabei war meine Nasenhöhle als Spielplatzrutsche zu nutzen.

 

„Ähm, ja Man. ‚N paar Blaue. Der Typ will ’ne dicke Platte Hasch haben und natürlich hab ihm gesagt, dass wir das „Beste“ im Umkreis von 100 Kilometern klar machen können. Die Kohle ist aber noch bei der Schwester von Phil und die müssen wir erst noch holen.“, erwiderte McFly.

 

Phil bzw Philipp war ’n junger Kerl, mit dem McFly die letzen Tage in Überlingen verbracht hatte. Während ich weiterhin die Shore Welle in Konstanz ausgiebig und mit viel Hingabe ritt, feierten die beiden, auf jeder nur möglichen alternativen Droge, die gerade halt verfügbar war.
„Ja, dann lass uns schnell die Kohle besorgen und rüber nach Zürich fahren! …. Oder?“, ein Gähnen welches mir fast den Kiefer ausrenkte, ließ meine letzten Worte nur ansatzweise erahnen.

„Was? Ähm, ja klar, machen wir!“, die Antwort kam zwar etwas zögernd, doch reichte aus, um meiner Energie wieder etwas Aufschwung zu bescheren.
Ankunft Überlingen!
Nachdem drei hintereinander gekaufte Eis beim Italiener meinen Hunger besänftigt hatten, war es definitiv Zeit für die Hauptspeise.

„McFly! Komm man, lass uns los die Kohle holen!“, ich zündete mir die soeben geschnorrte Kippe an.

„Ähm ja Man. Wir müssen noch was warten..Ähm, ich meine, wir müssen erst die Schwester anrufen, bzw. erreichen.“, stammelte er vor sich hin.
Okay den Enthusiasmus, den McFly an den Tag legte, was die Sache betraf, gefiel mir nicht so richtig aber ich fand mich damit ab und konzentrierte mich auf das Wesentliche.
„Dann auf zur Telefonzelle.“, erwiderte ich umgehend.

Dort angekommen, unten am Ufer des Bodensees, ging das Spiel dann los.
Immer wieder wählte McFly eine Nummer, doch kam letztendlich nie durch.
Ständig kam irgendeine Ausrede. Die Schwester kommt gleich, sie muss doch noch weg, ihr Auto sei stehen geblieben, etc. etc.
So lief das Ganze also für die nächsten zwei bis drei Stunden in Dauerschleife ab.
Mir ging das Alles extrem auf den Sack. Mein Körper randalierte und von Minute zu Minute wurde ich unruhiger.
Ich war letztendlich kurz davor, wieder alleine zurück nach Konstanz zu fahren, als McFly schließlich einwilligte, mit Phil zusammen, zu seiner Schwester zu fahren.
Ein fetter BMW reagierte endlich auf unsere ausgestreckten Daumen. Der Grund dafür war aber wohl eher, dass der Fahrer Phillip vom Sehen kannte, alls die Optik unserer wohlgeformten Ärsche.
Die Fahrt dauerte nicht lange und so standen wir einige Augenblicke später, vor einem kleinen Einfamilienhaus. Natürlich sollte ich kurz warten, und die beiden verschwanden kurze Zeit darauf.
Ganz ehrlich? Ich erwartete nicht sehr viel. Um genau zu sein, gar nichts, denn nicht erst seit ein paar Minuten hatte ich das Gefühl, dass an der ganzen Geschichte mit der Kohle etwas faul war.
Umso mehr war ich von der kommenden Aktion überrascht.
Das breite Grinsen, welches sich diagonal durch McFly’s Fresse zog und er gerade zum Besten gab, als die beiden zurück um die Ecke des Hauses kamen, kannte ich nur allzu gut und ließ doch tatsächlich Positives erhoffen.
Ohne was zu sagen, griff er in die Hintertasche seine Jeans und wedelte kurze Zeit später mit einem fetten Bündel blauer Scheine, vor meiner Nase umher.

Es ist schon wirklich erstaunlich, wieviel Aufschwung einem vom Affen geschwächten Körper, alleine nur die „Aussicht“ auf Drogen geben kann. Wirklich verdammt erstaunlich. Dein Kopf spielt die verdammte Hauptrolle und der Körper den Statisten, in der Dreigroschenoper, die sich Sucht nennt.

Freudig knutsche ich McFly mehrmals ab und dann machten wir uns auf in Richtung Zürich.
Doch Moment!
Die Kohle??? Tja, von wegen, die war gar nicht von dem Typen, der Dope wollte. Das Haus, vor dem wir da standen?
Nee Man, da wohnte noch nicht einmal die Schwester von Phil.
Oh ja, die Story hatte der gute McFly nur erfunden um mich irgendwie wieder zurück nach Überlingen zu holen.
Da McFly mich nun mal besser als jeder andere kannte, wusste er genau dass es mehr als nur ein paar Worte bedurfte um meinen Arsch weg aus Konstanz, dem einzigen Ort, an dem es unser heiß geliebtes Pulver gab, zu befördern.
Im Grunde gab es nur zwei Dinge. Shore, oder das Mittel zum Zweck: „Bares“.
Der gute alte McFly entschied sich somit für Lockmittel Nr.2.
Mit ein paar Scheinen wedeln und den gierigen Fisch beim Haken packen, so ungefähr nach dem Motto.
Erst Monate später erzählte er mir woher die Kohle wirklich kam.
Tja, ich sag nur Trampen, fetter BMW, Rücksitz, dickes Portemonnaie, leeres Portemonnaie.

 

Ankunft Zürich aka Junk-City!
Mittlerweile kannten wir auch hier schon die ein oder anderen begünstigte Stelle, welche zum ungestörten Konsumieren einlud. Natürlich konnte man sich, wie auch oft getan, mitten auf den Letten, das Pulver seiner Wahl in die Venen jagen, doch wir hatten kein Bock auf Stress, sei es in Form von Bullen oder stressigen Mitsüchtigen. Und außerdem wollten wir Koks in Form von Cocktails genießen und unsere Ruhe haben. Der Plan war deshalb erst mal für die eine Hälfte der Kohle Dope einzukaufen und dann wieder, zu einem unserer Plätze, zu verschwinden.
Und genau jetzt muss ich Euch noch von einem Ereigniss erzählen, welches sich mir, und wohl auch McFly, noch bis heute, fest wie ein gemaltes Bild in unseren Köpfe eingebrannt hat.
Ein Bild, welches das ganze Elend und Übel einer Sucht, auf ein Einzelnes reduzierte und zum Besten gab!

Wir näherten uns der kleinen Brücke, die über den Letten, bzw. die alten ausrangierten Bahngleise führte.
Eine Straße, auf beiden Seiten Bürgersteige und eine Treppe, welche direkt nach unten in die Hölle oder auch das Paradies führte. Was von beidem liegt wohl im Auge des Betrachters.
Genau hier, auf einer der unteren Stufe saß er. Ein Typ, dessen Optik wirklich nur jedes möglich verfügbare Klischee eines Heroin Junkies der 80/90er Jahre bediente.
Wir marschierten die Treppe weiter hinunter und quetschen uns an ihm vorbei. Und dann erst sahen wir das ganze Elend.
Bei unseren Ausflügen durch die Weltgeschichte erlebten wir oft abgefuckte Situation, sahen üble Sachen, doch dieser Typ hier, sicherte sich definitiv einen Platz auf dem Siegerpodest, was dies betraf.

Er hatte seine Jeans ausgezogen und saß nur noch in Unterhose, da.
Überall war Blut, auf den Treppen lagen kleine Hautfetzen und anderes undefinierbares Zeug.
Er war so vertieft, in dem was er tat, dass es einen Augenblick dauerte, bis er uns bemerkte.
Er hob sein eingefallenenes Gesicht nach oben und seine großen Glubschaugen, die aus den tiefen dunklen Augenhöhlen herausragten, starrten uns kurz an.
Seine grau-gelbliche Haut, hing über seinem Körper wie ein loser Lappen Leder.
Dann, also sei es das Normalste der Welt, widmete er sich wieder voll und ganz seinem Projekt „Vene lokalisieren“.
Er setzte die, schon mit dunklem Blut gefüllte Pumpe, erneute an. Bis hier hin ein ganz normales Bild der damaligen Zeit und auf dem Letten sowieso stinknormaler Alltag.

Doch dann sahen wir sein Bein.
Sein verficktes Bein, dieses Bild werde ich nie vergessen, war komplett offen!!
Und zwar so weit, dass man wirklich schon die offenen Venen und Arterien sehen konnte.
Wie die Saiten einer Gitarre, baumelten diese, von Fleisch und Muskeln umgeben, herum und der arme Kerl stocherte immer wieder erfolglos in diesem Loch herum.
Es war eine reines Blut Massaker, welches er dort veranstaltete.
Fast die ganze Innenseite seines Oberschenkels war betroffen.
Immer wieder pulte er mit seiner linken Hand in dem offenen Bein herum, um dann erneut den Versuch zu starten, eine Vene zu lokalisieren und auf „Blut“ zu stoßen.

Fuck-Man, bevor ich selbst zum Heroin Junkie wurde, war „pures Unverständnis“ alles, was ich für diese Gattung Mensch aufbringen konnte. Ich dachte mir immer, wie zum Teufel kann man sich denn sein eigenes Grab schaufeln und von der verdammten Loge aus dabei zusehen, wie man sich und und sein Leben Stück für Stück gnadenlos zerfickt? Absolut lächerlich so was! Ja Man, Gedanken wie diese waren es, bevor ich selbst dem Zeug verfiel und mich diesem mit Leib und Seele verschrieb.
Tja, und wie zum Teufel soll man einem 0815 Mensch denn bitte so ein Bild erklären?
Wie soll man dies rechtfertigen.
Kann man so ein Verhalten denn nicht nur mit Schwäche und Dummheit abtun?
Nee Man, egal wie schwer es zu verstehen ist, all diese Attribute passen dazu nicht.
Unverständnis ist das Letzte, welches man aufbringen sollte.
Diese Macht, diese Sucht ist einfach unbeschreibbar, doch sie ist verfickt noch mal Real!

Der Schweiß tropfte ihm aus seinem Gesicht. Es war ein Schauspiel purer Verzweiflung, welches sich uns dort offenbarte.
Er stöhnte, fluchte und schluchzte, währen er die Nadel immer wieder erneut in sein offenes Bein rammte. Es klappte und klappte und klappte einfach nicht.
Seine alten Pumpen und Nadeln lagen wild durcheinander verstreut vor ihm auf dem Boden, und immer wieder wechselte er die, von Blut verstopfte Nadel gegen eine andere aus. Spritzte die ganze Suppe zurück auf seinen, mit Ruß und Dreck verschmierten Löffel, rührte herum, um sie erneut aufzuziehen und das Prozedere im Loop zu wiederholen. All dies, nur um den Kampf gegen die Zeit, in Form von geronnenem Blut, zu gewinnen.
War dies einmal der Fall, dann war’s dass und er konnte die ganze Suppe allerhöchstens noch,  vorausgesetzt er war schnell genug, runterschlucken, um wenigsten etwas davon aufzunehmen.

Oft genug habe ich es mitterlebt, dass Druffis in so einer Situation, voller Verzweiflung sich die, mit Blut verklumpte Pumpe, einfach subkutan ins Gewebe rammten. Schmerzhaft, übel und ganz gefährlich!
Bei dem ganzen Dreck der im Umlauf war, war dies wirklich die allerbeste Voraussetzung, um in den Genuss eines schönen fetten Abszesses zu gelangen.
Genau so einen Abszess, der bei diesem armen Kerl hier wahrscheinlich einmal die Ausgangsbasis für dieses leckere offene Bein war.
Nicht ordentlich behandelt, entzündet er sich, gedeiht froh und munter weiter und das Endergebnis hatten wir hier auf dem Silbertablett serviert bekommen. Der nächste Schritt währe dann wohl die Amputation, wenn man Pech hat.
Absolut schlimm!
Was Abszesse an ging, hatte ich zurückgeblickt eigentlich immer ein verdammtes Glück. Natürlich hatte ich mir mehr als einmal ein fettes Ei geballert, und auch entzündet hat es sich das ein oder andere Mal, aber alles ist zum Glück immer wieder gut verheilt. Aber na ja, Glück stand sowieso ganz oben auf unserer Liste.

Was dieser Typ hier gerade durchmachte …. man kann es sich wirklich nicht vorstellen. Es gibt einfach keine Worte, um es  jemanden verständlich zu machen. Jemanden der dieses Gefühl nicht kennt. Es ist einfach unbeschreiblich!
So nah dran um seinen schlimmen Affen, seinen Horror Entzug, den er vielleicht schon seit Stunden oder sogar Tagen mit sich rumschleppte, endlich zu besiegen, doch gleichzeitig Kilometer weit entfernt.
Ich meine, gottverdammte Scheiße! All diese Sachen, die Umstände, welche Süchtige auf sich nehmen und akzeptieren … ich meine, all das müsste Grund genug sein, um die Macht dieses Pulvers, die Hoffnungslosigkeit so einer Sucht, so einer Krankheit, zu rechtfertigen. Es müsste voll und ganz ausreichen, um dies alles offiziell zu einer Erkrankung zu erklären, und nicht nur alls Willensschwäche abzutun. Es müsste voll und ganz ausreichen um die ganze Drogenpolitik zu revidieren und neu zu verfassen.
Fakt ist und bleibt aber nun mal. Sucht ist eine Krankheit! Wo diese anfängt, oder aufhört ist schwer festzumachen. Dies aber zu leugnen grenzt schlicht und einfach an Dummheit!

Doch jetzt das Krasse!
Nachdem wir unser Arsenal, welches wie immer aus Koks und Shore bestand, aufgefüllt hatten, ging es wieder zurück. Wir verbrachten bestimt eine dreiviertel Stunde oder ‘ne Stunde auf dem Letten. Es dauerte seine Zeit bis wir den richtigen Dealer fanden und ‘ne kleine Nase gönnten wir uns dann doch noch direkt auf der Szene.
Und als wir schließlich wieder den gleichen Weg zurück kamen, da saß dieser arme Kerl doch tatsächlich immer noch an der gleichen Stelle und war immer noch dabei in seinem Bein herum zu stochern. Wir konnten es echt nicht glauben! Der Typ hatte es immer noch nicht geschafft sein Zeug in seiner Venen zu verschießen. Er war total fertig! Die Treppe sah noch um einiges schlimmer als vorher aus und der Typ war kurz davor durchzudrehen.
Wir blieben kurz stehen und machten dann ’nen kleinen Umweg, um über eine andere Treppe hoch auf die Brücke zu kommen.
Der restliche Tag verlief ohne weiter Vorkommnisse. Wir verballerten unsere Kohle komplett und mit ein bisschen auf Tasche, ging es zurück Richtung Überlingen.

Aber Fuck Man, das war dies wirklich das letzte krasse Bild, welches mir vom Letten in Erinnerung geblieben ist. Der Typ auf dieser Treppe!
Danach waren wir nur noch einmal auf der Szene in Zürich. Sporadisch, nur um kurz aufzutanken, bevor wir uns dann wieder Richtung Heimat verpissten
Denn bald war das Kapitel Bodensee endgültig abgehakt. Nur soviel, das nächste Kapitel, der nächste Ort, der uns mit offenen Armen empfing, hieß „Kassel“.
Und dort sollte der Absturz erst richtig beginnen. Ein neues Level erreichen.
Zumindest für mich. Aber dazu später mehr.
Noch waren wir hier und Köln war vorerst auch noch für einen kleinen Zwischenstopp geplant.
McFly und ich machten nun also erst mal wieder vereint, zusammen Konstanz unsicher. Immer wieder hielt ich Ausschau nach ihm, doch Marc tauchte nach unserem letzten Zürich Trip einfach nicht wieder auf.
Der Alltag beschränkte sich  wieder auf den üblichen 24 Std. Job. Fuck Man, ein Jahr auf der Straße konnte man locker mit fünf „normalen“ Jahren vergleichen.
Tja, und so kam es, das selbst wir mal wieder an den Punkt kamen, von allem die Schnauze gestrichen voll zu haben.

Das kleine popelige zwei Man Büro, mit der Aufschrift  „Drogenhilfe“ sah nicht gerade sehr einladend aus und man merkte sofort das die Stadt ihr Jahresbudget definitiv in andere Bereich anlegte.
Mit seiner Franzosen Mütze, 6 Tage Bart und an beiden Ohren baumelnden Ohrringen, sah der ältere Typ, der uns grinsend hinein bat aufjedenfall so aus, als müsste er hier selbst, in regelmäßigen Abständen, seine Hilfsangebote auf Herz und Nieren testen.
Er brauchte nicht allzu lange um zu checken weshalb wir vor ihm standen.
Unsere Optik, gepaart mit den nicht mehr vorhandenen Pupillen, sprach ihre eigene Sprache.
Zwei junge Junkies, die sich freiwillig zu Entgiftung anmelden?
Wenigstens erkannte er ziemlich schnell, das dies ein Moment geprägt von Seltenheit war und das so ein Zeitfenster für diese Entscheidung mehr als nur begrenzt war. So kam es, dass wir nach zwei oder drei Telefonaten, doch tatsächlich noch am selben Tag, in einer Einrichtung aufgenommen wurden.

Ich glaube es war auch die einzige Einrichtung rund um Konstanz, in der Junkies und Alkis probierten den Kampf gegen Ihre ganz persönlichen Dämonen aufzunehmen. Soweit ich mich erinnern kann, waren es drei oder vier kleinere Baracken, welchen um ein Krankenhaus herum verteilt, aufgebaut waren. Dort, in verschieden Suchtkategorien eingeteilt, durfte man sich also zwei bis drei Wochen mal so richtig auskotzen, um dann am Ende körperlich gereinigt, wie ein neu geborener Mensch dazustehen. Doch in unserem Haus waren wir gemixt mit Alkis, da es anscheinend an Platz mangelte. Ich kann mich deshalb daran erinnern, weil ich noch weiss wie wir uns aufgeregt hatten, das die Alkis nach drei Tagen das Recht hatten, sich frei auf dem Gelände zu bewegen, während für uns Drogis die ganze Zeit über striktes Ausgangsverbot herrschte.
Abgesehen davon, wie fast überall damals, hielt man sich auch hier gnadenlos an das Motte „Kalter Entzug!“
Fucking hallelujah! Unser Motto, quäl dich gesund. Keine Pillen, die dir etwas Erleichterung verschaffen, nichts zum Schlafen, geschweige denn Opiate zum langsamen abdosieren. Nee Man, nur Du, dein Bett, dein Klo und deine Innereien, welche froh und Munter, den Abgang aus sämtlich verfügbaren Körperöffnungen machten.

Na gut, etwas Luft und Liebe gab’s auch noch gratis obendrauf. Das war’s! Alles darüber wäre nunmal Luxus, den man Süchtigen damals eben nicht zusprach. Ich weiss noch, dass es in ganz Deutschland irgendwann eine einzige Klinik gab, die einen sogenannten „warmen“ Entzug praktizierte. Glaub mit DHC (DehydroCodein). Dort aufgenommen zu werden, glich in etwa einem Sechser im Lotto. Die Wartezeiten waren unendlich lang, und das hatten wir ja schon. Alleine „eine Woche“ kann in dem Leben eines Süchtigen die Welt bedeuten. Alles und Nichts kann in dieser Zeit passieren.
An einem Tag noch die besten Vorsätze sein Leben komplett umzukrempeln, so war es doch glatt möglich, 24 Stunden später, vollgepumpt mit jeder nur denkbaren Droge, in dem Bett einer russischen Nutte, am anderen Ende der Welt, aufzuwachen. Inklusive Herpes an den Eiern und ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, wie man dort gelandet ist. Mal grob ausgedrückt.

Auch wenn es nicht allzu leicht umzusetzen zu sein dürfte. Wenn ein Schwerstabhängiger sich dazu entscheidet sein Leben zu ändern, den alles entscheidenden Schritt wagt, dann muss Hilfe sofort bereit stehen, denn das Zeitfenster ist klein und kann sich nun Mal jeden Moment wieder schließen.
Doch Sucht wie eine Krankheit zu behandeln, davon war man damals noch weit entfernt.

 

Tag 1, Tag 2 und Tag 3 beglückten uns mit dem Üblichen.
Die Beziehung zu dem Klo, welches sich glücklicherweise sogar mal innerhalb, unseres steril eingerichteten fünf Mann Zimmer befand, wurde vertieft und gefestigt. Und als wäre es nicht schon genug Anstrengung, sich auf dieses mit allerletzter Kraft zu schleppen, so nervten uns auch noch die lieben Angestellten mit dem Therapie Bullshit vom ersten Tag an. Ich meine, es gibt für alles die richtige Zeit und Ort, aber wenn Ihr uns schon ’nen kalten Affen schieben lasst, dann gönnt uns doch wenigstens die ersten 4 bis 5 Tage Ruhe, bevor Ihr uns wieder auf den Pfad der Tugend bringen wollt.
Nix da, so mussten wir uns 3mal am Tag, aufgeteilte in zwei kleinen Gruppen, im obligatorischen Kreis zusammensetzen und unsere abgefuckten Hirne in Selbsttherapie analysieren. Wut – Trauer – Angst -Zweifel – Hass … Ein buntes Potpore an Gefühlen in Kombination mit dem körperlichen Symptomen, prasselte auf einen nieder. Leer und ausgesaugt, dem allmächtigen Schutzschild entrissen, so fühlte ich mich in so einer Situation.
Ach was soll’s. Hier mal ’ne kurze Zusammenfassung:

Tag 1:
Turkey im Anmarsch! Ankunft gegen Abend. Nistete sich ein, fühlte sich wie zu Hause und wollte sich partout nicht mehr verpissen.
Natürlich kam er wie immer, mit seinen besten Freunden im Anhang. Die da wären, Dünnschiss, Krampfanfall, Schweißausbruch und Kopfgeficke.
Die Gähnerei begann. Frierend unter Decke fielen wir in die ersten kurzen Schlafepisoden. Leider nur bis zur Nacht. Denn die wurde komplett zweckentfremdet und an Schlaf war nicht mehr zu denken.

 

Tag 2:
Körperfunktionen versagten auf ganzer Linie. Das Klo wurde unser bester Freund – wir beiden öffneten uns ihm voll und ganz.
Die Kraft versagte gnadenlos. Kleine Bewegungen oder Anstrengungen quittieren unsere Körper mit ’nem radikalen Totalausfall!
Das Bett unser bester Freund und schlimmster Feind.

 

Tag 3:
Kurz vor Peak! Jede Bemühung um irgend eine Erleichterung zu ergattern, sei es nur für eine verdammte Baldrian Tablette, wurde mit ’nem müden Lächeln der beiden Schwestern abgewimmelt!
Die Quälerei schaukelte sich langsam hoch, Richtung Höhepunkt. Man schwitze und friert simultan und wir gaben alles, um unsere Mageninhalte nicht schon auf dem Weg zum Klo Gassi gehen zu lassen.

 

Tag 4:
Totaler Peak! Schlimmer gings nicht mehr! Total am Ende! Neben gemütlichen Kotzorgien und fröhlichen Krämpfen gesellte sich nun auch noch der hinterlistigste aller Protagonisten dazu. Die Kirsche auf der Sahne sozusagen. Geselle „Kopffick“ schlich sich hinterlistig in unsere Bettchen und bohrte sich wie ein Parasit in unsere angeschlagenen Köpfchen. „Geh! Steh auf! Quäle dich nicht länger hier ab!“, flüsterte er mir in meine verschwitzen Ohren.

 

Und dann, am Morgen des fünften Tages passierte das, was jeder Süchtige nur allzu gut kennt.
Das Verfickte Teufelchen in deinem Kopf gewann, hauchte deinem Körper wieder soviel Leben ein, um dich geradewegs zu deinem Stammdealer zu befördern.
Ein Trauerspiel seinesgleichen!
Folgende Konversation spielte sich also kurz darauf zwischen McFly und mir ab:

„Alter …….“, ohne Pause drehte ich mich von links nach rechts in meinem komplett durchwühlten Bett.

„Was? Hast du was gesagt??!!“, krächzte McFly, der sich in dem gegenüberliegenden Bett abquälte.

„Ahh.. Ich …. Ähh ….?!“, stöhnte ich erbarmungslos.

„Ja???? Was?? Was meinst du???? „, …….

„Alter, irgendwie … Ich weiss nicht ….“, ………

„Ich weiss, ich weiss. Sollen wir?“, ……..

„Hmm.. Ahhh …. Hmm …..  Ja, Okay Man!“, …….
Keine fünf Minuten später, standen wir beide angezogen vor dem Zimmer der Pfleger, hauten ein „Wir sind dann mal weg!“, heraus und verpissten uns kurz darauf.
Beim Verlassen konnten wir noch den Satz, „Passt bitte auf! Eure Toleranz ist gesunken und so passieren die meisten Unglücke!“, wahrnehmen, den uns einer der Pfleger hinterher rief.

Die kommenden Stunden kannten wir nur allzu gut.
Es gab wirklich nichts schlimmeres, als in so ’nem miserablen Zustand in die verdamme Ungewissheit zu marschieren. Ohne einen Pfennig auf Tasche, nur mit dem einen Ziel vor Augen. Mit allen Mitteln, ohne Rücksicht auf Verluste, diesen Horrorzustand wegzudrücken.
Nachdem wir uns den Berg hoch zur Bushaltestelle geschleppt und den Gehweg in unregelmäßigen Abständen, symmetrisch und farbenfroh mit unsere Kotze verschönert hatten, ging es geradewegs weiter zur Spielhalle, wo wir wieder irgendwie unser Lebenselexir ergatterten.
Es gab immer einen Weg. In diesem Zustand mobilisierte man alles was nur möglich war, und hielt man das heiß ersehnte Päcken in seinen Händen.

 

Nach weiteren zwei oder drei Wochen in Konstanz und Überlingen, kam es dass wir uns wieder Richtung Köln verpissten.
Grund dafür war ein dickes Bündel Bargeld.
Ein paar Typen aus dem Nachbarort suchten uns doch tatsächlich auf und servierten uns ein paar blaue Scheine förmlich auf dem Silbertablett, mit der Bitte Ihnen ’ne größere Menge Dope oder Pillen klar zu machen.
Wie das ausging könnt Ihr Euch natürlich denken.
Aber mal ehrlich… Wer zum Teufel drück bitte zwei hochgradig süchtigen Typen, so viel Kohle in die Hand?
Wir hatten damals unseren puren Überlebensmodus aktiviert und da war es klar dass wir die Kohle nahmen und uns, mit ein paar lieblichen Versprechungen, verpissten.
Tja so landeten wir also, nach ’nem dreitägigen Zwischenstopp auf dem Letten, welcher definitiv der letzte sein sollte, wieder in dem guten alten Köln.
McFly hatte das Glück Asyl bei seinen Eltern gewährt zu bekommen. Zumindest für die ersten Nächte. Für mich dagegen sah es mau aus und die Türen blieben verschlossen.
Für meine Mutter war ich ein rotes Tuch. Und ganz ehrlich? Auch wenn ich damals vielleicht sauer war und es ihr übel man, so kann ich es heute voll verstehen.
Es war meistens so das zumindest einer von uns beiden das Glück hatte zu Hause pennen zu können bzw. zu dürfen. Und so gab es wenigstens manchmal die Möglichkeit, irgendwie für den anderen dort mit unter zu kommen.
Wobei ich muss sagen, die ganze Nacht in seinem Bettkasten zu verbringen war nicht gerade die bequemste Art zu ratzen. Denn offiziell hätte weder ich bei McFly noch er bei mir pennen können. Die Zeiten waren schon lange vorbei.
Na ja, der Bettkasten war immerhin noch besser, als sich draußen den Arsch ab zu frieren.
So vergingen also weitere Monate mit dem üblichen Bullshit.
Eines Tages trafen wir meinen Vater in Dellbrück.
Es war später am Abend und er kam gerade von der Arbeit. McFly und ich saßen auf einer der Bänke an der S-Bahn und ließen uns gerade den letzten Druck Shore durch den Kopf gehen.
Wir waren froh, als er hielt und wir uns in das aufgewärmte Auto setzen konnten. Immerhin war es gerade Winteranfang.

Natürlich war es klar, dass es nicht lange dauerte bis mein alter Herr anfing, uns in unsere Gewissen zu reden.
Doch ehrlich? Wir waren gerade mal selber wieder an dem Punkt die Schnauze, von diesem Leben, komplett gestrichen zu haben.
Es war einfach, verfickt noch mal, viel zu anstrengend! Die Droge selbst war nur ein ganz kleiner Teil. Nein mann, dieses Verfickte drumherum war das Problem! Zumindest was die Shore betraf. Beim Koks sah die Geschichte noch mal ganz anders aus, was ihr in den nächsten Teilen auch erfahren werdet.
Die ständige Jagd nach der Kohle, diesen 24 Stunden Job hielt man einfach nicht lange durch.
Naja, und so kam es, dass wir uns mal wieder dafür entschieden eine Entgiftung in einer Einrichtung starten zu wollen. Und täglich grüßt das Murmeltier oder wie?
Die wievielte? Fragt mich nicht, ich habe irgendwann aufgehört mitzuzählen. Ganz abgesehen von den Versuchen, die wir auf eigene Faust starteten.

So fuhr mein alter Herr also mit uns durch die Gegend mit dem Ziel uns zwei, noch in dieser Nacht, irgendwo einzuliefern.
Erster Stopp war Köln-Merheim. In der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses wurden Entgiftungen für Alkoholiker und Drogisten durchgeführt.
McFly und ich stiegen aus und marschierten Richtung Eingang, welcher um diese Zeit schon verschlossen war.
„Abend. Wie kann ich Ihnen helfen?“, ertönte es aus dem Lautsprecher der Freisprechanlage
„Ähm, Abend. Tja ähh, mein Freund hier und ich … Wir beide sind süchtig und würden gerne…. Ähm … uns gerne die Sucht austreiben lassen. (orig Zitat etwas abgeändert)“, beide Hände in der Hosentasche, lehnte ich mich leicht nach vorne gebeugt mit meinem Kopf gegen die Glaswand.
Einen Moment lang war Stille und nur das Knacken der Sprechanlage war zu hören.
„Tja, das ist wirklich schön, dass Sie sich dafür entschieden haben. Aber wie stellen sie sich denn das bitte vor?! Sie können doch nicht einfach so, mitten in der Nacht hier auftauchen und …….. Ähm also nein, ich kann da jetzt  so nichts machen. Sie müssen sich morgen ganz offiziell bei der Annahme melden. Sie kommen dann auf eine Warteliste und …. “
„Warteliste? Das heißt wie lange?“, McFly stütze sich mit seinen Ellenbogen an meiner Schulter ab und unterbrach die etwas hektisch und sehr jung klingende Stimme.
„Na ja, das ist schwer zu sagen. Aber aktuell können Sie sicher mit einem bis anderthalb Monate rechnen.“, ertönte es zurück.
„Fuck …. in einem Monat? Da kann sich die verdammte Welt aufgehört haben zu drehen.“, erwiderte McFly mit genervt der Stimme.
„Wissen sie was in dem Leben eines Süchtigen, in einem Monat alles passieren kann? Wir brauchen jetzt Hilfe!“, ergänzte ich und schob McFly beiseite, der immer noch vorgebeugt über dem Lautsprecher hing.
„Ja. Ich weiß dass das nicht einfach ist. Aber nur weil sie jetzt und hier gerade mal wieder den Wunsch verspüren Aufhören zu wollen, sollen wir nun für sie hüpfen? So funktioniert das halt nicht. Es gibt da nun mal Regeln. Da können wir jetzt leider nichts machen. Einen schönen Abend noch und passen Sie gut auf sich auf.“ Der Lautsprecher knarzt kurz und danach war Stille.

 

Wir zündeten uns ’ne Kippe an, schauten uns eine Zeit lang fragend an und marschierten dann wortlos zurück zum Auto.
Im Wagen zog sich das Schweigen noch eine Weile hin, bis mein Vater schließlich den Wagen startete und von dem Krankenhausgelände fuhr.
„Synanon!“, ertönte es nach einer Weile aus dem Mund meines alten Herrn.
„Was???“, ich drehte meinen Kopf zu seiner Seite und schaute ihn fragend an.
„Synanon!“, wiederholte er ausdrucksstark, mit der Annahme dass uns beiden nun ein Lichtlein in unseren drogengetränkten Hirnsynapsen aufgehen würde.
„Was? Wovon redest du?“, erwiderte ich mit der gleichen Fragwürdigkeit wie vorher.
„Syna… Syna… Was???“
„Synanon! Mensch! Hör doch zu! Das ist eine Einrichtung, so ein Hof. Die nehmen jeden, der Probleme wie ihr habt auf.  Sofort und ohne Wartezeit!
Vor längerer Zeit stand ich mal mit denen in Kontakt und habe mich informiert.“, erklärte er uns mit aufgebrachter und genervter Stimme.
Dort könnt ihr hingehen. Ach, was sag ich?! Dort müsst ihr hingehen! Wenn nicht … Verdammt noch mal! Wenn nicht ist das auch bald die allerletzte Hilfe von meiner Seite!“, ergänzte er und trat plötzlich und unerwartet in das Gaspedal, so dass ich mich ’nen Moment panisch in den Sitz krallte.
„Besondere Probleme?!Hmm.., so wird das also genannt. Alles was wir tun ist doch bloß unseren einsamen Hirnsynapsen etwas Liebe und Aufmerksamkeit, in Form von übermäßig erhöhten  Endorphinausstößen zu schenken.“

Nein, ich meine Fuck man, auch wenn Ironie und Humor in den übelsten Situationen hilfreich sein konnte. Den letzten Teil Satz hab ich mir allerhöchstens im Stillen für mich gedacht. Denn an dieser Situation war wirklich nichts mehr lustig. Mein alter Herr tat mir tat mir echt leid. Mitten in der Nacht mit uns zwei verkorksten Junkies durch Köln zu fahren.

 

Ich klappte die Sonnenblende hinunter und suchte über den kleinen Spiegel Kontakt zu McFly, der meinen Blick, ebenfalls mit großen Augen, erwiderte.
„Wo ist denn dieses Synanon?“, ich drehte das Fenster ’nen Spalt hinunter und spürte die kühle Luft, die gegen meine Stirn zog.

 

„Es ist schon etwas weiter von hier. Kurz vor Kassel.“, nervös riss mein Vater das Lenkrad herum und bretterte in die kleine Einbahnstraße.
Und gerade als ich etwas sagen wollte unterbrach er mich.
„Jetzt hört mal zu ihr beiden! Ihr könnt nicht mehr so weitermachen. Das hier ist eure letzte Chance! Punkt Ende Aus! Wenn ihr die nicht wahr nimmt ist bald alles vorbei.“, fest knallte er die flache Hand auf das Armaturenbrett.
Einigen Minuten noch, sprudelten ähnliche Sätze aus dem Mund meines Vaters nur so heraus. Dabei fuchtelte er immer wieder, wie wild mir seinen Armen in der Luft herrum, boxte auf das Lenkrad eine und malträtierte das Armaturenbrett.
Bevor wir noch alle im Graben landeten, unterbrach ich ihn schließlich mit lauter Stimme.

„Vateer, ist gut jetzt. Bitte Man, wir wissen das doch alles selber. Dann halt Synanon.“, mit einem Ton in meiner Stimme, als hätte ich alles unter Kontrolle, drehte mich um und blickte in das Gesicht von McFly.

Er überlegte kurz, zuckte dann mit den Schultern und nickte mit seinem Kopf.
„Wenn ihr das nicht macht könnt ihr von mir nichts mehr erwarten. Dann war’s das!
Ich werde euch beide morgen dort hinfahren. Die Nacht werden wir alle im Auto verbringen. Nach Hause kannst du nicht. Das weißt du!
Ist bei dir ja auch nicht anders!“, er drehte den Rückspiegel etwas nach rechts und suchte Blickkontakt zu McFly.
„Ist doch okay. Wir fahren dorthin.“, ich drehte den Sitz nach hinten und schaute in das dunkle der Nacht.
Wir fuhren noch einige Kilometer durch Köln bis mein Vater schließlich an einem kleinen Parkplatz, am Rande eines Waldes, stoppte. Er ließ den Motor, und die Heizung welche die letzten Kilometer schon auf Hochtouren lief, noch einige Minuten laufen. McFly und ich rauchten draußen noch ein oder zwei Kippen, bis wir schließlich alle probierten etwas Schlaf zu finden.

Die Nacht war kurz und ungemütlich.
Ich öffnete meine Augen und das erste was ich erblickte waren ein paar Kühe die an mir vorbeirasten.
Wir befanden uns auf der Autobahn mit dem Ziel, dieses sogenannte „Synanon“.
Mal wieder auf ein Neues.

Fortsetzung folgt……

MADMIKE 07.07.2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Teil 29 – Danket dem Herrn

Der Tag verlief schleppend. Ein paar Sonnenbrillen und etwas hochwertigen Alkohol, konnten wir erst nach stundenlangem Umherziehen an den Man bringen.
Die Kohle, die wir letztendlich ergatterten, hätte in Konstanz gerade mal für ein 3/4 Gramm gereicht.
Da für die zwei oder drei Dealer praktisch ein Monopol herrschte, was den Verkauf in dort anging, konnten sie so die Mengen auf schon fast lächerliche Größen, herunterschrauben.
Mehr als einmal zofften wir uns mit dem lockigen Italiener, der fast immer morgens in der Spielhalle anzutreffen war. Mit seinen lockigen Haaren und einer Nase, die auch mal so eben mit der von Pinocchio mithalten konnte, versuchte er jedes Mal in gebrochenem Deutsch, sein heruntergestrecktes Material als das Beste in ganz Deutschland anzupreisen.
Es war frustrierend den ganzen Tag durch die Stadt zu ziehen, Kohle klar zu machen, nur um nach Öffnen des kleinen Briefchens festzustellen, dass die Menge grade mal so ausreichte, dem verfickten Affen ’nen kleinen Snack zu servieren.
Also entschieden wir uns dafür unsere Ärsche nach Zürich zu befördern.
Da ein Auto jetzt nun mal nicht mehr zur Auswahl stand, gab es nur die eine Alternative.
Erst über die Grenze nach Kreuzlingen, ein kleiner Ort unmittelbar hinter der Grenze.
Von dort an hatte man noch die Möglichkeit mit dem Zug weiter nach Zürich zu fahren, was wir auch ein paar Mal taten, oder aber halt auf die gute Altmodische, per Daumen-Taxi.
Mit ’n bisschen Glück erreichte man so den Letten, aka 14. inoffizielles Weltwunder, nach 1,5 bis 2 Stunden.
Der Aufwand war hier zwar auch groß, doch auf der anderen Seite, war die Ausbeute, bzw, das Preis-Leistungsverhältnis nun mal viel besser als auf der deutschen Seite. Um am Ende zählte schließlich nur das Pulver im Beutel.

Umso näher wir in Richtung Szene kamen, desto skurriler und abgefucktere Typen kamen uns entgegen.
Auch wenn dies nun schon mein dritter Besuch war, einmal hatten wir uns noch den Volvo aus der Garage des Vaters ausgeliehen, so war der Anblick dieses kontrollierten Chaos, tagsüber wirklich noch mal eine ganz andere Nummer.
Gingen einige Einzelheiten im Dunklen der Nacht noch komplett unter, so offenbarte sich das volle Elend einem erst bei Tageslicht.
Junge Mädels die im Gebüsch mehrere alte Säcke gleichzeitig für Ihren Morgenschuss befriedigten. Typen die nach zuviel Koks über die Szene rasten, als wäre der Leibhaftige hinter Ihnen her. Schlägereien bei denen beide Parteien wahrscheinlich nicht Mal mehr ansatzweise wussten weshalb sie sich gerade die Köpfe einschlugen, war hier der ganz normale Alltag.
Mit Block und Bleistift bewaffnet, hätte hier wahrscheinlich jeder Psychologie Student im Handumdrehen eine Bachelorarbeit über die Auswirkungen von Drogen auf das menschliche Hirn, aufs Blatt bringen können. Der Letten in Zürich – Der Ort, an dem keiner sein wollte aber dennoch tausende in seinen Bann zog. Ein Ort, der dich entweder brach, oder mit vielen Narben und Geschichten überleben ließ. Ein Ort, der mit seinen schwarzen dunklen Seele Menschen zum Frühstück fraß und sie zum Abendessen wieder unverdaut ausspuckte.

Na ja, wie auch immer. Wir setzten uns an die Bar, bzw. an einen der, mit viel Liebe zum Detail aufgebauten, improvisierten Pappstände. Da die Menü Karte nicht allzu viel her gab, entschieden wir uns mal wieder für das flüssige Tagesgericht.
Die eine Hälfte unseres Einkaufs, machte umgehend Bekanntschaft mit unseren Blutbahnen und raste geradewegs in Hochgeschwindigkeit in unser Kleinhirn, um sich dort gnadenlos auszutoben. Die andere Hälfte teilten wir auf, sodass jeder selbst entscheiden konnte, wann es Nachschlag gab.

 

Ich weiss nicht mehr, wer auf die dumme Idee kam, doch einige Minuten später standen wir tatsächlich in einem riesen Geschäft, mitten in der Fußgängerzone. Na ja, das Ganze war im Grunde
eine Affekthandlung. Geplant war da nichts dran. Keine Kohle mehr auf Tasche, der Laden tauchte auf und wir sind, ohne groß unser Hirn einzuschalten, einmarschiert.
Im Prinzip war es schon im vornherein glasklar wie die ganze Aktion ablaufen würde.
Ich meine, an einem anderen Ort, hätte diese Rein Raus Aktion sehr wahrscheinlich gute Erfolgschancen gehabt, doch hier in diesem Laden, unmittelbar neben der größten Drogenszene weltweit, hätte wir uns wahrscheinlich auch direkt selber anzeigen können.
Es war klar, dass es hier von Zivis und Kaufhausdetektiven nur so wimmelte.
Gerade als ich mit den zwei oder drei, in meiner Jacke verstauten, Mini Disc Player der Marke Sony, die Schwelle des Ausgangs übertreten wollte, packte mich ein behaarter Männerarm. Jemand zog mich ruckartig, nicht gerade zimperlich, zurück in den Laden, sodass es mich fast auf meinen Arsch gelegt hätte.
Dann dauerte es keine weiteren fünf Sekunden und ich war umzingelt von insgesamt drei Haus-Detektiven.

Verfickte Scheiße! Nicht jetzt und nicht hier!“, dachte ich mir und war mir sicher, dass es für solch einen Blödsinn doch definitiv passendere Momente gab. Ich griff in meine Hosentasche und fühlte das Päcken, während mich die netten Herren nach unten, in einen Raum begleiteten.

Da gab es keine Chance mehr mich loszureißen oder sonst irgendwie zu entkommen.
Ich konnte noch kurz aus dem Augenwinkel erkennen, wie Chris, der an einer anderen Stelle im Laden sein Glück versuchen wollte, aus dem Laden flüchtete.
Es half alles nichts. So sehr mir auch mein Herz blutete, mit meiner rechten Hand öffnete ich das Päcken in meiner vorderen Hosentasche und probierte, so gut es ging, das Pulver in meiner Tasche zu verteilen.
Leider zog keine meiner Ausreden, inklusive der, doch nur die Arbeitseffizienz der lokalen Kaufhausdetektive auf Herz und Nieren prüfen zu wollen.
Es dauerte keine zehn Minuten und ich wurde von zwei Bullen abgeholt, und in deren Wagen verfrachtet.

Grüne, mit eingeritzten Namen und Rus verschmierte Wände, ein kleines quadratisches mit extrem dicken Sicherheitsglas verziertes Fenster und eine dunkelbraune Holzbank, die quer direkt in die Wand eingelassen wurde. Nachdem meine Daten aufgenommen wurden, durfte ich nun also auch eines der schweizer Hotelzimmer testen.
Ich weiß nicht mehr wie lange ich in dieser popeligen Zelle verweilen musste.
Kennst Eine, kennste Alle oder wie?
Angetrieben von den Opiaten in meiner Blutbahn verfiel ich einen unterschwelligen Schlaf.
Kurzzeitig schreckte ich immer mal wieder auf, ausgelöst von meinen typsichen wirren Halbträumen oder lautere Geräusche, bis sich schließlich das schwere Schloss in der Stahltür bewegte und die Tür sich öffnete.
Der, so um die 30 bis 40 Jahre alte Beamte, forderte mich auf mitzukommen.
Was dann geschah, ich muss zugeben, war schon etwas seltsam.
Ich bekam meine Sachen wieder und nach mehrmaliger Aufforderung, mich jetzt anständig benehmen zu sollen, da sonst auch Handschellen angelegt werden können, ging ich mit den beiden, einer links einer Rechts von mir, nach draußen.
Der gleiche Zivil Wagen, mit dem wir gekommen sind, stand vor dem Revier.
Die beiden beförderten mich auf die Rückbank, stiegen ein und wir fuhren los.
Ähm.. Entschuldigung. Könnten Sie mir mal bitte sagen was jetzt passiert? Wo fahren wir hin?„, nervös rutschte ich auf der Rückbank Hin und Her und versuchte Augenkontakt über dem Rückspiegel, mit einem der Bullen aufzunehmen.

Dich wegbringen!„, ertönte es von vorne, inklusive darauffolgendem Geschwafel auf Schweizer Dialekt, welches ich nicht mal ansatzweise encodieren konnte.

Wegbringen? Wie? Warum? Wohin?“, erwiderte ich ohne darauf aber ’ne Antwort zu erhalten.

Es ratterte in meinem Kopf.
Wo zum Teufel wollen die beiden mich hinbringen? In den Wald, den „Junk“ entsorgen? Etwa in den Knast? Wegen so ’ner lächerlichen Kleinigkeit? Kann ja wohl nicht sein. Meine Bewährung müsste auch schon abgelaufen sein. Und außerdem sind wir hier in der Schweiz.

Schließlich stoppten wir am Zürcher Hauptbahnhof stiegen aus und einer der beiden schob mich Richtung Haupteingang.
Ich war verwirrt. Was zum Teufel wollten wir nun hier?
Vor dem Kartenautomat blieben wir stehen.

So mein Freund! Du fährst nun zurück Richtung Deutschland. Und am allerbesten fährst du nach Hause zu deiner Familie und machst etwas gegen deine verdammte Sucht! Solltest Du wieder hier auftauchen und wir erwischen dich, kommst du nicht mehr so leicht davon!„, er hielt mich fest an meinem Oberarm und schüttelte mich immer wieder, um dem ganzen noch mehr Ausdruck zu verleihen.

Ich hätte mit allem gerechnet, nur nicht damit!
Die Bullen kauften mir also tatsächlich ’n Ticket und beförderten mich höchstpersönlich in einen Schnellzug Richtung Deutschland. Sie warteten, bis sich der Zug in Gang setzte und ließen mich nicht aus den Augen.
Es dauerte keine zehn Minuten bis zur nächsten Haltestelle.
Tja, ich überlegte kurz und hüpfte hinaus. Rannte auf die gegenüberliegende Seite und saß zwei Minuten später, mit ’nem Grinsen in der Fresse, in ’nem Zug Richtung Zürich.

Ohne Shore zurück auf deutschen Boden? Ohne nein! „, dachte ich mir. Das lief nicht.

Na ja, ich muss zugeben dass mir das Grinsen aber spätestens nach einer Bestandsaufnahme meines aktuellen Zustands, wieder ganz schnell verging.
Keine Kohle, kein Dope und auch sonstiges mehr auf Tasche.
Der letzte Druck lag mittlerweile nun mehr als 8 bis 9 Std. zurück und ich wusste, wenn ich mir nicht schnell etwas einfallen ließ, mich der „Tuck“ (Entzug) ganz mies von hinten penetrieren würde.

 

Es war es spät. Das Dunkle der Nacht legte sich über Zürich und kühle Luft machte sich breit.
Mir war kalt, war ich doch nur mit einem Pullover bekleidet.
Fuck Man, wer hätte denn auch gedacht, dass ich noch mitten in der Nacht in dieser verdammten Stadt rumlaufen würde?
Die Sesamstraße war schon längst vorbei und ich müsste schon lange im Bett liegen. Abendbrot in Form eines fetten „Gute Nacht-Drucks“ zu mir genommen haben und mir von Chris die Ohren vollschnarchen lassen.
Wohlgemerkt, ein Bett in Form eines kalten Zeltbodens.
Doch mitten in der Nacht in Deutschland anzukommen, auf Turkey und ohne Dope in der Tasche. Nee Man, nicht mit mir!

 

Hauptbahnhof Zürich.
Ich zog mir meine Kappe tief ins Gesicht und lief mit hochgezogenen Schultern, schnellen Schrittes durch den Bahnhof.
Jetzt bloß nicht von den Scheiß Bullen erwischen lassen.
Kohle! Irgendwie an verdammte Kohle kommen. Alle Geschäfte hatten schon zu, und im Hauptbahnhof etwas mitgehen zu lassen, wäre wohl keine schlaue Idee gewesen.
Während ich zur Szene lief, observierte ich die Umgebung.

Vielleicht ’n Fahrrad? Oder ein Autoradio? „, gedanklich spielte ich die Optionen durch, doch ich kannte mich hier nicht aus und es wäre wohl klar, wie das enden würde.

Ich hoffte also auf irgendeine glückliche Fügung und marschierte weiter.
Vielleicht würde ich ja ein paar Deutsche, auf der Szene, treffen. So könnte ich etwas vermitteln oder das Glück haben auf einen sozialen Gönner zu stoßen. Wobei wohl die Chance auf einen Sechser im Lotto größer wäre, denn „Sozial“ ist nun wirklich die Letzte aller Eigenschaft, die an so einem Ort die Runde machte.
Vielleicht würde ich ja auch einen Beutel in irgendeiner Ecke finden.
Doch genug spekuliert. Fakt war nunmal dass 99 % dieser Dinge nicht eintreffen würden, und man sich selber etwas ausdenken musste um seinen Arsch zu retten.

Ankunft Letten!
Mir war kalt, ich war genervt und extrem gestresst.
Alles was ich wollte, war mein Opiat Spiegel wieder in die richtige Höhe zu katapultieren.
Es war dunkel. An der einen Ecke einige Afrikaner die sich lautstark am Streiten waren, der Boden übersät mit Junks.
Ob diese gerade am Schlafen waren, ihren Kick genossen oder Bodenproben zwecks Nährwertanalysen ausbuddelten, interessierte hier kein Schwein.

Vielleicht einem der Afros den Beutel Shore entreißen, welche er wie eine Tüte Gummibärchen öffentlich in der Hand hielt, und die Fliege machen?„, gierig begutachtete ich den fetten Beutel aus der Ferne.

Aber nee! Auch wenn der Affe so langsam im Anmarsch war …. Das Risiko in Kauf zu nehmen, auf dem Letten abgestochen zu werden und auszubluten wie ein Schwein beim Schlachter? Nee, dafür war er „noch“ nicht heftig genug.
Was hätte ich jetzt für einen gut ausgebildeten Drogenspürhund gegeben?
Einmal mit dem Köter über den Platz spaziert und ich hätte wahrscheinlich die Möglichkeit gehabt in den kommenden Wochen zum Mitarbeiter des Monats aka Top-Dealer, auf dem Letten, aufzusteigen.
So ’nen Hund, hatte sich wohl schon der ein oder andere Junkie herbei gewünscht. Nicht auszudenken wieviele Drogen hier schon in Ecken, Ritzen und Rillen verloren gegangen sein müssten. Kleine, mit Koks oder Shore, abgepackte Päckchen oder Blomben, die bei der Flucht vor den Bullen ausspuckt oder weggeworfen worden sind und jetzt in irgendeiner Ecke, unter den Mengen an Abfall, der den Letten verschönerte, auf ein neues Opfer warteten. 

Ich setzte mich auf die alten Bahnschienen und beobachtete das rege Treiben auf der Szene.
Ich quatschte jeden an, der auch nur einigermaßen etwas verloren und nach „Suche“ aussah. Doch nichts. Zum einen war es stockdunkel und die Leute die in diese Kategorie vielen, schienen genau zu wissen wo sie hingehen müssen.
Auch die verschiedenen Dealer, die ich ansprach, ließen sich nicht auf eine kleine Spende ein.
Eine erneute Inventur meiner persönlichen Sachen gab immer noch nicht besonders viel her. Das Einzige an mir, was einen gewissen Wert darstellte, war der recht neue Marken Pullover, den der gute McFly noch vor ein paar Wochen, aus der kleinen Boutique in Überlingen für mich entwendet hatte.
Und da sich auch nach einer weiteren halben Stunden keine Möglichkeiten ergaben, tauschte ich ihn doch tatsächlich bei dem langen Afro gegen ein Päcken Braunes ein.
Meinen verfickten Pullover also. Na ja, immerhin noch besser als irgendeinen anderen radikalen Scheiss zu bauen. So `n  Mist, wie bei der damaligen „Handtaschen-Bank-Aktion“, schwor ich mir nicht nochmal durchzuziehen. Ich bin bis heute froh, dass es nicht geklappt hatte, denn das war und bin ich einfach nicht!


Beschaffungskriminalität
– Ich, du, er sie es wird kriminell, um sich sein Zeug zu beschaffen.
Tja Man, das sind solche Momente in denen Kurzschlussreaktionen entstehen. Momente, in den Abhängige unüberlegten, kontraproduktiven Scheiß produzieren, nur um irgendwie den anschleichenden Affen zu überlisten.
Üble Situationen und Taten, welche man schon damals mit einer schlaueren Drogenpolitik hätte verhindern können.
Für Außenstehende schwer zu verstehen, doch für Betroffene oft der letzte Ausweg.
So schoss ich mir also den Markenpulli der Firma XYZ, aufgekocht und aufgelöst in einer meiner Lieblingsvenen.
Fucking Bingo! Mission erfüllt – Sucht befriedigt und Hirn gefickt!
Pullover war nun also weg. Wäre ja jetzt im Prinzip auch nicht allzu schlimm gewesen, wenn ich wenigstens noch ein T-Shirt drunter angehabt hätte. Oder wenigstens ein verficktes Unterhemd, meine Fresse!
Doch außer meinem nackten Oberkörper war da nun nichts mehr.
Würde der permanente Überfluss an Opiaten meinen Körper nicht davon abhalten, Standard-Krankheiten wie Erkältung, Husten, Schnupfen oder leichtes Fieber auch nur ansatzweise wahrzunehmen, würden mich genau diese, die kommenden Tage, mit Sicherheit heimsuchen und quälen. Denn es war kalt. Oh ja man, verdammt kalt wurde es in dieser Nacht. Und so stolzierte ich also tatsächlich, mit freiem Oberkörper durch Zürich.

Auch wohl einer der Momente, wo man ja eigentlich definitiv merken sollte, wie sehr einem so eine Abhängigkeit doch im Griff hat. Wenn man die Klamotten die man an deinem Leib trägt hergibt, nur um etwas von dem braunen Pulver, in seine  Venen zu jagen. Ja Man, spätestens dann sollte auch dem Letzten aller „Schnelldenker“ klar werden, dass hier so etwas gar nicht mehr nach Plan läuft.
Na ja, rückblickend betrachtet ist das definitiv auch der Fall! Doch damals waren wir so in diesem Film drinnen. Selbst wenn man uns die „Abgefucktheit“ links und rechts um die Ohren gepfeffert hätte, würden wir uns grinsend dem entgegenstellen und noch irgendeine, aus den Fingern herbeigezogene, Rechtfertigung dafür parat haben.
Aber ich sage es noch mal. Heutzutage ist so ein Junk-Lebensstil schon fast komfortabel, im Vergleich zu damals.
Was nun? Ich wollte zurück nach Konstanz, doch die passende Idee um dort hinzukommen wollte mir partout nicht einfallen.
Ich war pleite und noch dazu fehlte mir nun auch ein Kleidungsstück, um meinen ausgelaugten Oberkörper zu bedecken.
So trampen? Ich meine, okay ….  Vielleicht mit ’nem durch trainierten Sixpack und ’ner Fresse die eines Armani Models, hätte sich eventuell irgendeine unbefriedigte Hausfrau dazu herabgelassen, mitten in der Nacht für ’nen halb nackten männlichen Tramper, in die Eisen zu steigen. Doch alles was ich aktuell anbieten konnte, war mein Naturaler, vom Konsum gezeichneter, mit Einstichen verschönerter, Astralkörper. Es mag zwar für alles so seine Nachfrage geben, aber dennoch kam ich nach kurzer Überlegung zu dem Entschluss, es dann doch lieber sein zu lassen.
Wahrscheinlich wären sowieso nach ’ner halben Stunde die Bullen angetanzt und hätten mich wieder einkassiert. Und darauf zu hoffen, dass die mich glatt noch mal in den Zug Richtung Deutschland, inklusive frei finanziertem Ticket setzen würden, wäre wohl etwas sehr weit her geholt gewesen.

 

Ich marschierte also wieder Richtung Stadt einwärts. Immer geradeaus. Planlos und ohne Ziel.
Irgendein Platz wo ich die restliche Nacht verbringen könnte, um am darauffolgenden Tag die Steigerung meines Bruttosozialproduktes in Angriff nehmen zu können.
Als ich um die Ecke kam, sah ich am Ende der Straße eine Kirche. Ich lief drauf zu und betrat das Anwesen.
Es war eine kleinere Kirche, auf einem mittelgroßen Grundstück. Eine Wiese und viele Bäume grenzten diese von den anliegenden Häusern ab. Und nein Leute, weder Jesus noch ein anderer Heiliger kam darauf auf die Erde geschwebt um mich kleinen Sünder zu segnen. Mir meine Sünden, meine Sucht und den Teufel, mit einem heiligen Halleluja auszutreiben.
Nee Man, wäre zwar auch ’ne coole Wendung in meiner Biografie, aber an Glaubwürdigkeit würde es wahrscheinlich nicht ganz zu beitragen.
Es war „ganz“ anders.

Ich schlich über das Grundstück, als mich ein helles Licht magisch anzog.
Und dann sah ich ihn.
Den hinter der Kirche liegenden, kleinen Holzschuppen, den Gott mir praktisch offenbarte. Oh ja, in dieser dunklen, kalten und aussichtslosen Nacht. Da stand dieser Schuppen, hell angeleuchtet vom Sterne Betlehems, der in all seiner Pracht, unmittelbar darüber schwebte. Und als ich hineintrat, offenbarte sich mir ein Bild, von Schönheit kaum zu überbieten.
Mehrere Engel, die im Chor mit Ihren lieblichen Stimmen ein Gesang von sich gaben. Ein Gesang voll göttlicher Einheit und Vollkommenheit.
Ich trat hinein. Ein heller Blitz traf mich, und dann  ……ARGh…..STOP! GENUG JETZT!
Falscher verfickter Film hier! Und auch wenn gerade Weihnachten war …. So ist es wirklich nicht abgelaufen. Wirklich!!

Der Schuppen war da, mir war Schweine kalt und ich war Hunde müde. Und außerdem dachte ich mir….. Falls man schon irgendwo erwischt wird, dann doch am besten an einem Ort, an dem Vergebung groß geschrieben wird. Immerhin sollten sich hier die Leute noch am sozialsten verhalten.
Der Schuppen war voller Geräte. Zwei Rasenmäher, Schaufeln, Besen, und sonstiges Werkzeug. Und tatsächlich fand ich auch eine alte Decke, die zusammengerollt, auf einer der beiden Regale lag. Ich machte mir etwas Platz auf dem Boden und rollte die Decke aus. Auf eine Hälfte legte ich mich drauf und mit der anderen deckte ich mich zu. Die Shore wirkte immer noch gut und so fiel ich schnell in den Schlaf.

Geräusche ließen mich, nach einigen Stunden Schlaf, aufschrecken. Mein Nacken schmerzte und ich fror wie Sau.
Ich griff nach der letzten gedrehten Kippe, die ich mir extra für den Morgen aufbewahrt hatte und zündete sie mir an. Ich überlegte, während ich die kleine Spinne, die unmittelbar über mir an ihrem Netz arbeitete, beobachtete.
Zum Glück war es kein Sonntag, an dem der Pfarrer seine Schäfchen zur wöchentlichen Gebetsstunde aufrief.
Wäre wohl ein etwas seltsamer Anblick gewesen. Ein halb nackter junger Man, der aus der Scheune des Pfarrers heraus gestolpert kommt. Hier eine vernünftige und logische Erklärung zu finden? Kein einfaches Unterfangen.
Oder hätte ich mich etwa selbst als Wunder deklarieren können? Gezeugt, aus dem Nichts erschaffen, in der Hinterhof Scheune auf heiligen Boden.
MadMike, der neue Messias. Folget und huldigt Ihn. Oder wie oder was?! WTF?!

Ich rappelte mich auf, öffnete die Tür für einen kleinen Spalt und spingste hinaus.
Eigentlich wollte ich schnell die Fliege machen, doch dann entschloss ich mich einfach Mal glatt beim Pfarrer anzuklopfen.
Direkt neben der Kirche stand ein kleines Häuschen. Ich atmete kurz tief ein und betätigte die Klingel, mit der Aufschrift „Pfarrhaus“, in der Hoffnung ihn dort anzutreffen.
Ein älterer Man öffnete die Tür. Die noch restlichen, graue Haare zu einem Scheitel gekämmt und ein dicker, schon fast weißer Bart verzierte sein Gesicht. Der Kleidung nach, schien er wirklich der Pfarrer zu sein.
Es schien wohl nicht allzu oft vorzukommen, dass Leute mit freiem Oberkörper bei ihm anklopften. Zumindest sagte mir dies sein Ausdruck in seinem Gesicht.

Meine Story war folgende:
Gestern war ich mit einigen Leuten aus Frankfurt angereist. Wir feierten etwas. Dann brach ein Streit aus, und das Ende vom Lied war, dass meine Kollegen mich glatt hier stehen lassen hatten. All meine Sachen, mein Geld, waren noch im Auto und jetzt muss ich irgendwie wieder zurück auf deutschen Boden.
Warum ich obenrum nichts mehr anhatte?
War halt so. Wir waren betrunken und ich bin so aufgewacht.

Es dauerte etwas, bis das faltige Gesicht des Pfarrers zu Leben erwachte und sein offener Mund anfing, sich zu bewegen.
Mit den Worten „Einen Moment„, schloss er die Tür vor meiner Nase und verschwand wieder.
Etwas ratlos stand ich vor der Tür.

Rast er jetzt etwa geradewegs zu seinem Telefon und ruft die Bullen?“, dachte ich mir.
Was heißt Bullen? Der wird wahrscheinlich direkt in der Psychiatrie anrufen und nachfragen, ob sich heute jemand aus der Gummizelle gegraben hat.

Nervöse suchte ich meine Hosentaschen nach Kippen ab, obwohl ich genau wusste dass da keine mehr zu finden waren und gerade, als ich wieder die Fliege machen wollte, öffnete sich die Tür erneut.
Der Pfarrer drückte mir ein weißes T-Shirt in die Hand, das ich locker auch als Kleid tragen hätte können.
Er setzte sich auf die kleine braune Holzbank, welche direkt neben dem Eingang stand, und fing an mir für ein paar Minuten einen Vortrag über Dies und Jenes zu halten. Über Tugend, über das Leben und sonstige Weisheiten.
Total übermüdet stand ich vor ihm, haute ab und zu ein „Nicken“ und ein „Ja“ heraus und gab mir wirklich Mühe, ihm einigermaßen zu folgen.
Und als er schließlich fertig war, gab er mir doch tatsächlich noch einen 50 Franken-Schein und einen Zettel, auf dem irgendetwas stand.

„Am Ende der Straße gibt es eine Metzgerei. Dort kannst du den Zettel abgeben und bekommst etwas zu Essen. Ich hoffe du belügst mich nicht mit deiner Geschichte“, er musterte mich noch mal eingehend, schloss dann die Tür hinter sich und war weg.

„Halleluja und ein Amen hinterher!“, ich dankte dem Herrn, zog mir das XXXL Shirt über und lief, wirklich total überrascht über diese Aktion, los.

In der Metzgerei bekam ich ’n Mettbrötchen und ’ne Cola in die Hand gedrückt.
Es schien wohl doch öfters vorzukommen, denn die Mitarbeiter dort, wussten sofort Bescheid, als sie den Zettel sahen.

Natürlich könnt Ihr Euch denken, wo die 50 Schweizer Franken letztendlich landeten. Und Ihr denkt damit auch richtig. Obwohl ich ein kurzen Moment Zweifel hatte diesen, von Gott gesegneten Geldschein, für solch eine Schandtat zu nutzen, stand ich ’ne halbe Stunde später wieder auf dem Letten. Ich drückte ihn irgendeinem abgefuckten Dealer in die Hand und bekam dafür mein Wasser und Brot.
Ich meine, schon beim ersten Anblick des Geldscheins, blitzte das Wort „Cocktail“ in meinem Hirn auf. Natürlich kein Alkohol, denn dafür war es doch noch „viel zu Früh“ am Morgen. Nee Man, es war der gute alte Cocktail aus Braunem und Weißen, der mich praktisch in Lichtgeschwindigkeit zurück auf den Letten beförderte.
Ich kochte auf, dinierte und verpisste mich danach so schnell es ging.
Ich legte es nicht drauf an, länger als nötig, auf dem Letten zu verweilen. Das Risiko einzugehen, die kommende Nacht evtl. noch ohne meine Hose, in Zürich verbringen zu müssen, war mir dann doch eindeutig zu hoch.
 

Fortsetzung folgt……
MadMike  09.01.2017

 

-Rechtschreibfehler können gegen Bonuspunkte in eurem örtlichen Psychologie Zentrum für demenzkranke Menschen, eingelöst werden-

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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PB aka Persönlicher Bullshit


SUCHTDRUCK

 
Der ganze Körper schreit. Jede Faser in dir giert förmlich nach dem Zeug.
Dein Magen dreht sich im Kreis und verlangt nur nach dem „Einen“.
Kalter Schweiß, zittrige Hände!
Unruhe schaukelt sich hoch bis zur puren Nervosität.
Du bist nicht mehr drauf. Nein Man, bist du nicht! Dein Körper ist clean, doch dein Kopf will sich dem einfach nicht anschließen.
Er fickt und fickt und fickt und fickt dich!  Penetriert dich und drückt dir immer wieder seine unrasierten Eier ins Gesicht.
Vergewaltigt dich immer wieder. Ungewaschen, mit seinem stinkenden Maul und seinen faulen Zähnen!
Tage, Wochen und noch Jahre danach. Es begleitet dich und du wirst es nicht mehr los. Wie ein ausgedrückter Pickel, der immer wieder kommt. Ein eitriges Geschwür, welches sich nicht entfernen lässt. Nur der Tod wird euch scheiden!
Du schwitzt, dir ist warm und dir ist kalt.

In deinem Kopf? Chaos! Wirre Gedanken drehen sich im Kreis, fahren Achterbahn um am Ende doch nur wieder bei der einen Sache zu landen.

Muss ich noch was einkaufen?            –    HEROIN!“

In einer std hab ich ’nen Termin.         –   HEROIN!“

Man ist das ein scheiß Wetter heute.    –   HEROIN!“

 

VERFICKTES HEROIN !!!!  Jpeg

 

Die ganze Welt besteht förmlich aus Heroin! Ein Erdball, gebacken aus dem „braunen“ Pulver. Flüsse und Seen aus einem Mix von Shore, Wasser und Ascorbinsäure.
Ein Magnet, der dich unaufhörlich in diese eine Richtung zieht.
Singende Meerjungfrauen, ein liebliches Lied – Schönheit, die dich in einen grausamen Tod reißen will.
Die Zeit war scheiße als du drauf warst? Zuviel Leid, zu viele Opfer? Oh ja Man, viel zu viele! Bezahlt mit dem Leben. Für den Moment, den Augenblick. Das Hier und Jetzt. Für den Schein und nicht das Sein.
Zu viele Niederlagen, Tag für Tag. Der Preis viel zu hoch!
Doch daran denkst du nicht. Nicht jetzt und nicht hier. Wenn der Suchtdruck anklopft, dich hinterlistig in seine Fänge zieht, sind plötzlich nur noch die positiven Seiten präsent.
Die tolle Zeit, die du hattest. Das tolle Gefühl!
Dieser Rausch, der dir alles nimmt und dich mit seiner schwarzen Seele küßt. Dich liebkost, dich behütet, dich umarmt und dir Wärme schenkt, nur um dich dann wieder wie einen alten, ausgelutschten Kaugummi auszuspucken.

Doch so schlimm war’s doch irgendwie gar nicht. Nur einen Tag. Nur heute und nur jetzt!
So schlimm war’s doch nicht. War’s nicht?

1 Jahr, ein Monat, ein Tag – und sei es nur eine verdammte Minute!
Du kannst stolz auf dich sein! Für jede Sekunde, die du dich dem widersetzt!
Dieser Macht, diesem Gefühl, welches so unendlich groß und stark ist und dich dein Leben lang begleiten wird.
Das was DU schaffst, das was DU leistest – Da gibt es nichts Vergleichbares!
Sie können es nicht verstehen? Sie erkennen es nicht an? Mach dir nichts draus – Verstehen kann nur der, der auch gekostet hat! Ich versteh es!
Jeder andere hätte schon aufgegeben, doch du machst weiter!
Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr.
Und wenn Du dann fällst, stehst Du wieder auf! Klopfst dir den Dreck von der Kleidung und machst weiter.
Und wenn Du mal verlierst, nimmst Du den Kampf wieder doppelt so stark auf.
Ein Fall in dieses Loch ist keine Schande.
Nein Man! Es ist die Regel und nicht die Ausnahme! Das was Du schaffst, ist einzigartig!
Du bist kein Junk, du bist kein Abfall – Du bist ein Kämpfer!

–   MadMike via Blechtänzer 7.11.2016

 

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TEIL 28 – Die Polizei dein Freund und Helfer

Schweiz! – Auf Platz 1 der reichsten Länder der Welt.
Die mickrige Zelle, in der ich mich gerade befand, profitierte wohl weniger davon. Die Breite der Zelle war gleichzusetzen mit der Spannweite meine ausgestreckten Arme. Kleiner ging’s wohl echt nicht mehr. Na ja, was soll’s. Hatte ja sowieso nicht vor hier dauerhaft einzuziehen.
Ich legte mich auf die extrem harte Holzpritsche und es dauerte nicht lange, bis ich in einen Schlaf verfiel.

Doch erst mal zurück:
Irgendetwas Feuchtes, spürte ich in meiner Fresse. Und nein, es war leider nicht die feuchte Zunge, der italienischen vollbusigen Schönheit, die gerade dabei war, mich in meinem Traum zu verwöhnen.
Wäre ja auch zu schön gewesen. Nee Man, ich schreckte auf. Das Erste was ich erblickte, waren zwei über mir baumelnde Hundeeier. Das feuchte Etwas, stellte sich als die pelzige Zunge des treudoofen Riesen Köters, der gerade dabei war mir diese horizontal auf’s Gesicht zu klatschen, heraus.

„Bah Man, Alter. Verpiss dich!“, Mit erheblichen Kraftaufwand verbunden, schob ich das halbe Pferd bei Seite und wischte mir mit der braunen Decke, die, mit deren aufgedruckten Blumenmuster an ein Überbleibsel aus der Hippiezeit erinnerte, die Sabber aus der Fresse.

„Haha. Sei froh, das erspart dir die Morgendusche.“, Chris, der wie es schien, schon etwas länger wach war, lachte laut.

Er kniete neben mir auf dem Boden und war gerade dabei einen großen Esslöffel von unten zu befeuern.

„Moin.“, ich rappelte mich auf, rutschte etwas nach hinten und lehnte mich gegen die, ursprünglich mal weiße, Wand. Mir war kalt und ich zog mir die Decke über meine Knie, bis zu meinem Hals hoch.

„Du machst Frühstück? Man, Frühstück ans Bett, was will man denn bitte noch mehr?“, ich grinste Chris an, holte dann zwei Kippen aus der Schachtel neben mir, zündete beide gleichzeitig an und legte eine in den überlaufenden Aschenbecher, der zwischen unseren Matratzen stand.

So sehr den meisten auch der Geruch von frisch gemahlenen Kaffeebohnen und warmen Brötchen am frühen Morgen die Sinne schmeichelt, so war es doch der bittere, unverkennbare und beißende Geruch des erhitzen Heroins, welcher uns zu neuem Leben erweckte.
Es gab nichts „besseres“, als den Tag mit ’nem dicken Knaller zu beginnen. Zumindest damals. Die kurze zwangseingelegte Pause, die sich Schlaf nannte, mit ’nem Druck zu brechen. Diese kleine Auszeit, machte den ersten Hit am Morgen zu dem einzigen Highlight, was den Konsum anging. Der restliche, über den Tag verteilte Shore Verzehr, war größtenteils nichts Besonderes mehr. Es war wie Essen, Trinken oder sogar Atmen. Etwas was getan werden musste, um zu überleben. Eine Notwendigkeit um nicht krank zu werden. Der übliche Alltag halt.

Tja, und genauso gab’s nichts Schlimmeres als den Tag mit einem Affen zu starten. Sich, in diesem üblen Zustand, aus dem Bett quälen zu müssen und Kohle klarzumachen! Aber das hatten wir ja alles schon mal.
Im Grunde sind diese beiden Zustände auch alles, worum es sich drehte.
Stoff haben oder Turkey schieben. Gesund sein oder auf dem verfickten Zahnfleisch gehen. Das war die Basis und darauf baute sich alles auf. Immer präsent. 24/7 und verdammte 364 Tage im Jahr.

Doch an diesem Morgen hatten wir noch jeder einen dicken fetten Druck übrig, inklusive einer extra priese feines, weisses Kolumbianisches.
Wir hätten zwar auch jeder zwei kleinere Dosen über den Tag verteilt nehmen können, doch wir entschieden uns an diesem Morgen für den totalen Schlag in die Fresse. Ein braun weißer Vorschlaghammer der dir unwiderruflich die Hosen auszog und den Start in den Tag versüßen sollte.
Und dieser kam, sah, siegte und schlug ein wie die imaginäre Bombe, mit der Adolf 1944 am liebsten den Rest der Welt gefickt hätte.
Meine Fresse hat es uns weggeschossen. Energisch, vom Koks im zweiten Gang angetrieben, den ersten belegte wie immer die Shore, flogen wir nach unten in die Küche, wo wir uns noch schnell ’n Kaffee gönnten. Wohlgemerkt rein für den Geschmack, denn Koffein war nun wirklich das allerletzte, worauf unsere Körper ansprechen würden.
Zum Glück war das Haus leer und so mussten wir uns nicht beherrschen oder mit irgendwelchen Rechtfertigungen aufhalten.

Wir machten uns erst mal auf nach Überlingen, denn immerhin wollte ich wissen, wo McFly sich gerade herumtrieb.
Doch Moment. Wo war er eigentlich an dem vorherigen Abend abgeblieben?
Na ja, kurz nachdem mich das große Pech, in Form der Bullerei gefickt hatte, schlug bei McFly das dicke Glück ein.
Ein Typ hatte seine prall gefüllte Brieftasche in der Telefonzelle liegen lassen und segnete McFly mit etwas Barem.
Wahrscheinlich um das weltliche Gleichgewicht in Waage zu halten.
Scheiße hier, Gutes da. Ying und Yang, oder wie war das verfickt noch mal?

Wobei „das Gute“ in diesem Fall natürlich im Auge des Betrachters lag.
Aber ja Man, solche glücklichen Zufälle gab es wirklich immer mal wieder.

Auch ich fand sogar mal ein prall gefülltes Portemonnaie, und dass sogar auch am Bodensee – auf einer öffentlichen Toilette.
Wir übernachteten grade bei so ’nem Alki für einige Tage. Oh Man, was für ein verrückter Typ das war. Ich kann mich noch erinnern, dass ich bei ihm in der Bude einmal eine üble allergische Reaktion nach einem fetten Druck (Heroinspritze) hatte. Mein ganzer Arm war voller Pusteln und ich wäre vor Panik fast durchgedreht.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Wie auch immer, ich war kurz draußen und was zu trinken zu holen und machte einen Abstecher auf den öffentlichen Scheißpott.
Ein alter Man der kurz zuvor die Toilette verließ, hatte wie es aussah, seine dicke Brieftasche dort liegen lassen. Asozial dass ich ihm diese nicht zurückgegeben habe?
Nun ja, dies in unserer damaligen Situation von mir zu verlangen wäre so in etwa das gleiche wie einem afrikanischem, von Hunger geplagten Kind vorzuwerfen, die letzte Schale Reis nicht gespendet zu haben.
Immerhin hatte ich nur das Geld entnommen und das Portemonnaie in einen Briefkasten geworfen.
Solche, für uns damals glücklichen Situation, waren so etwas wie ein Wink Gottes und schenkten uns einige Tage Ruhe. Eine kurze Auszeit von der ständigen Jagd.
Ein Leckerli, welches man uns vor die Füße warf.
Obwohl der „liebe Gott“, wer auch immer das auch sein mag, sehr wahrscheinlich recht wenig damit zu tun hatte.

Wisst Ihr, wenn ich heute durch die Stadt gehe und dort Leute treffe die gerade am Betteln sind, dann gebe ich Ihnen die Kohle, auch wenn mir bewusst ist, dass sie diese umgehend in Alk oder Drogen umsetzten.
„Warum“, werden einige fragen? Nun, diese armen Kerle haben genug Scheiße an der Backe und gehen wahrscheinlich gerade durch ihre ganz persönliche Hölle. Mit den paar Cents kannst du ihnen etwas Erleichterung verschaffen und da ist es nun mal scheißegal ob sie damit Ihre Sucht“-erkrankung“ in Eigenregie behandeln.

Doch nun zurück.
Das Bargeld reichte aus um McFly mit den zwei Mädels und noch ’nem Typen, via Großraumtaxi Richtung Zürich zu befördern und dort eine Koks Party anzuschmeißen.
Ich bin mir nicht mehr sicher, ob sie dort schon auf der offenen Szene waren, oder McFly erst später mit mir zusammen dieses Wunderwerk an menschlicher Überlebungskunst betrachten durfte.
Immerhin gab es ja auch noch andere Plätze in Zürich, die für den Erwerb illegaler Substanzen geeignet waren, und der Typ der mit dabei war, kannte wohl auch ein paar Kneipen, in denen was lief.

Gefunden war McFly schnell. Das Kaff war ja nun mal nicht allzu groß.
An der Bushaltestelle saß er mit einem der Mädels, zu der er, wie es schien, ein etwas innigeres Verhältnis aufgebaut hatte. Alter Charmeur.
Wir verbrachten den Vormittag in Überlingen, hingen unten am Ufer des Bodensees ab, bis Chris und mich schließlich der Ruf des Allerheiligen Sugar Gottes nach und nach nervöser werden ließ und zurück, Richtung Konstanz, zog.
McFly probierte mich zwar mehrmals zu überreden hier zu bleiben, denn er wollte nicht mitkommen, doch ich ließ mich nicht abhalten.
So blieb er zunächst einmal in Überlingen und legte auch tatsächlich einige Tage Pause ein, was Shore ging.
Er warf sich glaub ich, öfters Teile (Ecstasy Tabletten) ein die Tage und konnte auch bei dem Typen pennen den er kennengelernt hatte.
Und wir zogen also erst mal wieder weiter nach Konstanz und kurbelten dort die hiesige Heroin Wirtschaft ordentlich an.
Um eines mal vorweg zu nehmen. Das eigentliche „Ur“-Ziel, für unseren erneuten Ausflug in das kleine Kaff Überlingen, kratzte ich diesmal nicht mal ansatzweise an.

Die ersten vier oder fünf Tage schliefen wir noch bei Chris zu Hause, doch die Vergangenheit hatte es nun mal immer wieder gezeigt, dass so ein Wohlstand nie lange anhielt.
Bei ihm hing der Haussegen ja auch schon etwas schief, bevor ich ankam und so war es nicht verwunderlich, dass nach ca. fünf bis sechs Tagen Schluss mit dem Luxus, in Form einer weichen Matratze, ’ner warmen Umgebung und freier Nahrungsaufnahme, war.
Als wir eines Abends klatschnass zu ihm nach Hause kamen, über eine Stunde standen wir in dem verfickten Regen und warteten darauf dass jemand auf unsere ausgestreckten Daumen reagierte, merkten wir beide schon beim Eintreten in das Haus, dass gleich etwas unangenehmes ablaufen würde. Zumindest für Chris. Na ja, so gesehen auch für mich.

Ein Szenario, ein Bild, welches ich irgendwie nur allzu gut kannte. Eine fast geleerte Flasche Wein zwischen Mutter und Vater, die um den dunklen, mahagonifarbenen Tisch, in angespannter Haltung, saßen. Der Raum etwas abgedunkelt, im Hintergrund eine Kerze, die keineswegs romantische oder gemütliche Atmosphäre vermitteln sollte. Nein Mann, schon beim Eintreten konnte man die angespannte Stimmung wahrnehmen. Die negative Energie, die hier in der Luft lag, war förmlich zu riechen.

Und dann ging es auch schon los:

„Wie kannst du das machen? Nicht schon wieder! Wie oft soll sich das denn noch wiederholen? Willst du uns denn ganz kaputt machen? Immer das Gleiche! Diese verdammten Drogen! Und glaubst du wirklich wir würden das mit dem Auto nicht merken (die Karre hatten wir uns übrigens noch ein weiteres Mal ausgeliehen)?, etc…etc..“

Fragen, Aussagen, Anschuldigungen, Verzweiflung. All dies brach in Intervallen von Sekunden über Chris hinein.
Und obwohl dies nicht mein Zuhause war, dies nicht meine verzweifelten Eltern waren, fühlte ich mich eben doch so als wäre ich hier gerade der Hauptdarsteller. Als würden meine Eltern hier gerade vor mir stehen.
Ich senkte meinen Kopf.
Ein kurzer Moment von Reue, Schuld, Mitgefühl machte sich in mir breit. Und wieder einmal tauchte es auf. Dieses komische Gefühl in meiner Magengegend. Dieser Druck. Als würde kein Blut mehr durch die Adern in dieser Gegend fließen. Alles verspannte sich und zog sich zusammen. Eben genau das Gefühl welches ich schon als kleines Kind manchmal hatte und nie richtig verstand. Ein Gefühl, welches ich hasste und noch schwerer einordnen konnte.
Aber Gefühle waren, eh etwas was ich nicht gut konnte. Nicht wollte. Zumindest nicht „nüchtern“. Und genau dieser Fakt verdrängte schnell diesen kurzen Anflug verschiedener Emotionen. Noch während die volle Batterie an Worten, auf Chris abgefeuert wurde, griff ich mit der Hand in meine Tasche und fühlte das Päcken.
Ich überlegte, wie viel noch da ist. Ob es noch ausreichen würde für den Abend, für den morgigen Affentöter. Und schon war meine Aufmerksamkeit wieder da, wo sie immer war, zu dieser Zeit.
Bloß nicht nachdenken! Nichts davon ranlassen.

Für Eltern kann so etwas schon echt schlimm sein, sind sie doch in der passiven Rolle. Die Seite, die nur ohnmächtig zuschauen kann. Die sich die verrücktesten und schlimmsten Sachen zurechtspinnen und ausdenken, während der abhängige Sohn oder Tochter, durch die Weltgeschichte zieht. Ist man der aktive Part dieses Dramas, der Teil der die Scheiße am eigenen Leib erlebt, dann weiß man was man macht. Man weiß, wie es ist. Wo man ist und was man ist.
Doch die andere Seite spekuliert nur, um schließlich irgendwann zu dem Punkt zu kommen, sein Kind praktisch ganz aufgeben zu müssen, um nicht alles Kollabieren zu lassen, Fuck Man, das ist nicht einfach!
Vieles war mir damals gar nicht bewusst. Ich meine, wenn man jung ist, denkt man generell nicht großartig über das Gefühlsleben seiner Eltern nach.
Wir kennen doch alle diese großartigen Sätze wie: „Wenn du mal erwachsen bist und eigene Kinder hast, dann weißt du wie das ist!“.
Und bist du auch noch voll drauf dann liegt der Fokus deiner Aufmerksamkeit sowieso nur auf dieser einen Sache.
Erst später prasselten diese ganzen Gefühle, Emotionen, Schuldgefühle auf mich hinunter.
Und auch dass ist alles andere als einfach.
Wie ich schon so oft schrieb. Opiate funktionieren nun mal so gut, weil sie jegliche Art von Gefühlen betäuben. Man ist geschützt, fühlt sich verstanden und aufgehoben.
Legt man diesen Schutzmantel nach vielen Jahren wieder ab, steht man erst mal wie ein kleiner zitternder Köter, den man das Fell weggerissen hat, da.

Ich weiß nicht mehr wie lange dieser Schlagabtausch noch ging.
Dieses Ping Pong Spiel. Auf der einen Seite, die so sehr verzweifelten, ohnmächtigen Eltern und auf der anderen Seite der arme Junkie. Und der Spielball, der alles am Laufen hielt, wahrscheinlich ein dicker Prall gefüllter fünf Gramm Shore Beutel.
Naja, das Ende vom Lied war, dass wir beide den Abgang machen mussten. Chris durfte nur wieder nach Hause wenn er bereit war sich für ’ne Therapie, bzw. Entgiftung anzumelden.

Also auf ein Neues. Wieder an der Titte von Mutter Natur nuckeln. Wenigstens konnte Chris noch ’n kleines Zelt organisieren, welches wir etwas außerhalb von Konstanz aufschlugen. (Für Leute die sich dort auskennen: Wenn man mit der Fähre von Überlingen ankommt, gab es da eine Haupt Bushaltestelle. Von dort einige Meter zu Fuß, kahm man an einen Park/Grünstreifen der direkt am Ufer des Bodensee’s entlang verlief. Dort platzierten wir unser Einfamilienhaus).
Tja, und dann widmeten wir uns wieder unserem Alltag.
Effizientes Wirtschaften zum besten Geben. Okay, ist ja schon gut. Man könnte es auch „Klauen“ nennen.
Der Shore hinterherlaufen. Der Job, der keinen Feierabend oder Pause kannte.
Ein Job der nicht allzu viele Aufstiegschancen bot und im Grunde sehr schlecht bezahlt wurde.
Zeit zum Entspannen gab es nur in Form eines kurzen Opiatrausches.
Man musste ständig an die nächsten Stunden denken, den Entzug, der sich hinterhältig und listig auf dich zu schlich, um dir dann den Boden unter den Füßen wegzureißen.
Zum Glück war es aber auch hier um einiges einfacher Kohle klarzumachen als in einer Großstadt und mit Chris hat ich wieder mal ’ne Begleitung, für den Klauen definitiv kein Fremdwort war.
Shore kauften wir zwar auch immer mal wieder, bei den Tickern in Konstanz ein, doch Ziel war es eigentlich immer genug Kohle zu machen und dann rüber nach Zürich zu fahren.

Chris hatte extreme Paranoia die Grenze zu Fuß zu überqueren, was mich etwas wunderte. Immerhin hatte er die Eier ohne Führerschein, mit dem Wagen seines Alten und mit Drogen auf Tasche, nach Zürich und zurück zu brettern.
Na ja, war halt so. Vor ca ’nem Jahr verbrachte er mit seiner Freundin einige Monate auf dem Letten und stürzte da komplett ab.
Er war sich nun nicht mehr sicher, ob er noch eine offene Sache in Zürich am Laufen hatte und zu Fuß wurde man, laut seiner Aussage, einfach zu oft an der Grenze kontrolliert.
Das erste Mal trampten wir noch zusammen, doch danach machte ich mich alleine auf nach Zürich um die Drogen zu besorgen.
Da gab es dann die eine Aktion, die im Grunde schon fast lustig war.
Mit ca. 300 Mark auf Tasche machte ich mich alleine auf nach Zürich.
Erst über die Grenze, zu Fuß nach Kreuzlingen. (Gruß an den Stefan, der mir mich wieder mit dem Namen des Ortes erleuchtet hat). Ein kleiner Ort unmittelbar hinter der Grenze.
Von dort hatte man noch die Möglichkeit mit dem Zug weiter nach Zürich zu fahren, was wir auch einmal in Anspruch nahmen, oder aber halt auf die gute Altmodische, per Daumen-Taxi.
Mit ’n bisschen Glück erreicht man so den Drogenmarkt nach 1,5 bis 2 Std.

Alles lief gut. Ich wurde schnell mitgenommen und das sogar überraschenderweise von einer Geschäftsfrau mit dickem Benz. Die Szene war so schnell erreicht.
Ich betrat gerade den Platzspitz (Park), als mir ein Typ, der definitiv in die Kategorie Junkie fiel, hechelnd entgegen kam.
Ich drehte mich kurz um und schaute ihm nach, dachte mir dann aber nichts dabei und marschierte weiter.
Einen kurzen Moment später zwei weitere Junkies, die mit vollem Speed um die Ecke bretterten.

„Okay. Da hat wohl jemand einen abgezogen.“, dachte ich mir und ging weiter.

Kennt ihr das Bild aus diesen Tier Dokus? Wenn eine panische Büffelherde vor etwas flieht und alles niedermetzelt, was in deren Weg steht?
Genau dies erwartete mich als ich um die Ecke kam.

„Was zum Teufel!“, dachte ich mir nur.

Eine Masse von Leuten raste auf mich zu! Junkies mit Ihren improvisierten Bretterbuden unter den Armen, Mädels die teilweise noch die Nadel in der Armbeuge stecken hatten, liefen panisch und unkoordiniert von A nach B. Von überall kamen die her und ich stand da total perplex in der Mitte und wusste nicht was abgeht.
Einer verlor auf der Flucht seinen Turnschuh. Ein anderer stolperte über seine eigenen Beine und rollte schreiend einen Abhang hinunter.
Was für ein Bild!
Irgendwann hörte ich die immer wiederkehrenden Wörter „Polizei, Polizei“, und wusste was Sache war.
Obwohl ich noch gar keine Drogen auf Tasche hatte, schloss ich mich dem fliehenden Mob an und lief.
Wahrscheinlich einer der automatischen Reflexe, die man ganz schnell aufnimmt, verbringt man eine gewisse Zeit in dieser Szene. Hörst du, siehst Du oder riechst du nur Bullen, nimmst du deine Beine in die Hand und rennst. Noch heute kommt es vor, dass ich kurz zucke, wenn mir die Polizei entgegen kommt.

Tja, solche Säuberungsaktionen zog die extrem überforderte Staatsgewalt immer mal wieder durch. Alle paar Tage fuhren sie mit mehreren Mannschaftswagen auf die Szene.
Angezogen wie beim Militär.
Dann liefen sie mit einem Aufgebot von 50 bis 60 Staatsdienern, einmal auf die öffentliche Szene ein, schnappten sich dort jeder den erstbesten der in Ihre Arme lief, sammelten die Junks ein führten sie ab.
Ob du was auf Tasche hattest oder nicht, ob du ein Junk warst oder nicht, dort nur zu Besuch oder grad in einer Ecke Pinkeln warst – Scheiß egal! Du hast die Nacht auf dem Revier verbracht.
Natürlich hatten solche Aktionen null Effekt auf die Szene und die Leute standen am nächsten Tag wieder genau am selben Platz.

Irgendwann entfernte ich mich wieder von dem Platzspitz, machte eine riesen Runde um diesen und landete schließlich auf dem Letten.
Nachdem ich mich für kurze Zeit mitten auf die Bahnschienen gesetzt und das rege Treiben beobachtet hatte, entschied ich mich für einen heimischen Dealer, bei dem die Leute Schlange standen.
Ist die Nachfrage groß, kann das Dope ja nicht allzuschlecht sein.
Natürlich setzte ich mir nach erfolgreichem Geschäftsabschluss, einen dicken Druck und machte mich dann auf den Rückweg.

Es gab eine Stelle, die gut geeignet zum Trampen war.
Kurz nach der Autobahnauffahrt Zürich-Kreuzlingen, gab es nach einigen Metern eine kleine Einbuchtung. Dahinter lag ein großer Park mit einem See (wenn ich mich richtig erinnere,) den wir auch, das ein oder andere Mal, zum Konsumieren nutzten.
Leider verlief das Trampen dieses Mal nicht so zügig wie auf der Hinfahrt und so kam es, dass ich bestimmt zwei verdammte Stunden wartete, bis jemand in die Bremsen stieg.
Ein Student hielt an. Ich setzte in mich in den kleinen Blechkasten, der vor langer langer Zeit mal wirklich in die Kategorie Auto einzuordnen war.
Der Mercedes, der meinen Arsch mit seinen weichen Sitzen auf der Einreise verwöhnt hatte, war zwar etwas gemütlicher, dafür war hier aber die Begleitung um einiges lustiger.
Der Typ war zum Schießen und quatschte am laufenden Band.
Ziemlich schnell unterhielten wir uns über das Thema Drogen. Er kiffte manchmal und warf ab und zu mal ’n Tripp ein, dennoch entschied ich mich dafür, ihm nichts von meinem Drogen Einkauf zu erzählen.

Es sind ja meistens offene aufgeschlossene Menschen, die sich bereit erklären für einen Tramper in die Eisen zu treten, und dieser hier bot mir sogar an, mich bis nach Kreuzlingen zu chauffieren.
Und das, obwohl er in ’nem kleinen Dorf, ca. 40 KM davor wohnte.
Er müsste nur vorher noch seine Freundin abholen, die bei ihm zuhause wartete.
Besser ging’s nicht und ich war erleichtert, in einem Rutsch zurückzukommen.

Tatsächlich sind wir in einem Stück bei ihm zu Hause angekommen, denn glaubt mir, dessen war ich mir alles andere als sicher.
Der Typ bretterte über die Autobahn als gäbe es kein Morgen. Ich dachte wirklich, er hätte mich nur mitgenommen, weil er nicht alleine sterben wollte.
Sicherheitsgurte? Fehlanzeige. Der auf meiner Seite war komplett abgerissen und von dem anderen baumelte nur noch eine traurige Hälfte im Innenraum herum. Den Fußraum unter mir verzierte ein großes rostiges Loch.
Zur Not hätte ich den Karren wahrscheinlich auch mit meinen Füßen abbremsen können.
Mehrmals dachte ich, dass uns die Rostlaube unterm Arsch zusammenbrechen würde und seinem Fahrstil nach zu urteilen könnte man glatt denken, dass der Typ gerade den Höhepunkt eines LSD Trips zelebrierte.
Doch wir kamen wie gesagt an. Tja und dann? Dann bekam ich ein Schauspiel allererster Güte vorgesetzt, von dem selbst Shakespeare sich ’ne Scheibe hätte abschneiden können.

Er parkte den Wagen vor dem Mehrfamilienhaus und da kam auch schon, wie es schien, seine Freundin aus der Haustür und hetzte auf ihn zu.
Ich erwartete ’ne nette freudige Begrüßung, doch was dann abging, war wirklich bühnenreif.
Ohne große Vorwarnung rastete Sie komplett aus. Sie schrie, schimpfte und schlug immer wieder auf den armen Kerl ein.
Das Mädel war so in Fahrt, dass ich nicht einen der Sätze verstehen konnte, die sie von sich gab.
Und ich saß da also extrem verdutzt auf dem Beifahrersitz und beobachtete das Schauspiel.
Wut ist das eine, doch die Alte hatte wirklich einen Tobsuchtsanfall, der jenseits von Gut und Böse war.
Die drehte komplett durch! Immer wieder, als der schlaksige Student probierte sich zu erklären, fing er sich links und rechts eine ein.

„Klatsch!“, „Klatsch“, hörte man es förmlich und er stolperte einige Schritte zurück.

Sie fauchte, spuckte, zog an seinen langen Haaren, als wäre sie vom Leibhaftigen selbst besessen.

„Was zum Teufel geht hier grade ab?“, dachte ich mir nur.
„Ich will doch nur, verdammt noch mal, mit meinen Drogen nach Hause kommen!“

Irgendwann erblickte sie mich, stampfte wie eine Wilde Furie auf das Auto zu.

„Oh nein Bitch! Lass mich bloß da raus. Ich habe nichts damit zu tun!“, ich rutschte nach hinten in den Sitz und verriegelte den Wagen.

Ich wusste wirklich nicht ob ich Grinsen, Lachen oder Angst vor dem Monster auf zwei Beinen haben sollte.
Fuck Man, das ganze grenzte schon ein einen psychotischen Anfall!
Als Erstes mussten die Scheibenwischer dran glauben, kurz darauf segnete die Antenne das Zeitliche und danach wurde der restliche Wagen bearbeitet. Wahrscheinlich bekam ich hier gerade die Antwort auf die Frage, weshalb die Karre von vornherein schon so schrottreif war, auf dem Silbertablett serviert.
Mit großen Augen und erhobenen Armen, schaute ich nur fragend zu dem Studenten rüber, nach dem Motto „Alter, mach doch mal was!“. Denn ich war sicherlich der Letzte, der sich in dieses Spektakel einmischen würde.
Doch der arme Kerl stand nur da, wie in einer Schockstarre und ließ alles Geschehen.
Das Mädel rotierte zwischen Auto und Student, teilte aus so gut sie konnte, bis sie letztendlich heulend auf dem Bürgersteig zusammenbrach.
Irgendwann reicht es mir und ich stieg kopfschüttelnd aus dem Auto aus. Mittlerweile hatten sich schon einige Nachbarn auf der Straße versammelt und ich hatte definitiv keine Lust mehr, hier weiter zu verweilen und eventuell noch Zeuge einer Tragödie zu werden.
Wahrscheinlich würden als Nächstes auch noch gleich die Bullen hier aufkreuzen.

Natürlich konnte es sich hier nur um das Eine gedreht haben. Ein anderes weibliches Wesen. Der Typ hatte irgendwo ordentlich eingelocht und seine Spuren nicht fachgerecht verwischt. Seien wir doch mal ehrlich. Was sonst kann eine Frau so zum Ausrasten bringen?
Wie auch immer, ich hatte die Schnauze voll von diesem hochpotenten Drama! Ich nahm die Beine in die Hand und verpisste mich.

Zum Glück war es nicht sehr weit. Ein kurzer Fußmarsch von einem knappen Kilometer und ich stand wieder auf dem Asphalt, wo ich erneut den Anhalter spielen durfte.
Es war keine Autobahn, sondern eher eine Schnellstraße. Links und rechts waren weite, offene Felder und in der Mitte trennte ein grüner Streifen die beiden Fahrbahnen.
Der Verkehr war ziemlich mau und so schlenderte ich langsam die Straße entlang.
Wann immer ein Auto von hinten auf mich zukam, drehte ich mich um und schleuderte dem Fahrer mein grinsendes Gesicht entgegen.
Manchmal kniete ich mich auch zum Spaß hin und öffnete weit meine Arme, als würde ich meiner Traumfrau einen Heiratsantrag stellen, oder tanzte auf der Stelle mit rausgestreckten Daumen.
So Sachen zogen manchmal wirklich, doch hier und heute schien es einfach keine Wirkung zu haben.

Frustriert marschierte ich weiter bis irgendwann ein Fahrzeug der Kategorie „Nicht so Toll“ auf der anderen Fahrbahn auftauchte.
Die Bullen verlangsamten etwas ihre Fahrt und musterten mich während sie an mir vorbei fuhren.
Ich lächelte nur scheinheilig, nickte freundlich mit dem Kopf und war heilfroh als der Wagen wieder Fahrt aufnahm.
Natürlich war das nicht die letzte Begegnung und es kam, wie es kommen musste. Einige Minuten später tuckerte die gleiche Bullenkarre auf meiner Spur auf mich zu.
Den Beutel, den ich schon beim ersten Erblicken der Staatsdiener fest in meiner Hand hielt, beförderte ich schnell mit einem geschickten Wurf auf den Grünstreifen, hinter mir.
Außer den Drogen in meiner Blutbahn, war ich jetzt sauber und da Trampen ja nun mal nicht illegal war, hatte ich, wie ich dachte, nichts Weiteres zu befürchten.
Die Polizeigondel parkte auf dem Seitenstreifen und einer der beiden stieg aus.

„Schönen guten Tag der Herr. Was machen wir denn hier.“, der etwas korpulentere Polizist zog sich seine Uniform zurecht und baute sich vor mich auf.

„Ähm. Trampen?! Ich habe einen Freund besucht und möchte zurück nach Konstanz.“, erwiderte ich und zeigte mit meiner Hand in die Wunschrichtung.

Der Bulle überlegte kurz um mir dann doch tatsächlich, mit einem Grinsen im Gesicht, das Angebot zu machen, mich bis zur Grenze mitzunehmen.
Ernsthaft jetzt?! Gerade jetzt? Gerade heute? Gerade, verdammt noch mal hier mussten die beiden Dorfpolizisten den Sozialen raushängen lassen? Konntet ihr euch denn nicht wie sonst auch verhalten? Irgendeinen dummen Spruch ablassen und euch dann wieder verpissen?
Aber nein! Ich hatte also wirklich und wahrhaftig das Glück die einzigen zwei, noch lebenden Exemplare der Gattung Polizei zu erwischen, die doch tatsächlich den Spruch „Dein Freund und Helfer“ ernst nahmen.
Doch was blieb mir anderes übrig als einzusteigen? Hätte ich etwa sagen sollen, dass ich eine Abneigung gegen Bullen Kutschen habe?
Ich antwortete mit einem Zögerlichen „Ähm ja, super. Ist ja toll! Wirklich nett.“, und setzte mich auf die Rückbank.
Wenigstens stand einige Meter weiter vorher ein ziemlich großes Verkehrs Schild, sodass ich mir den Standpunkt einigermaßen gut einprägen konnte.

Ich war abgefuckt. Ich war extrem genervt. Erst diese Live Aufführung einer Dreigroschenoper und jetzt auch noch diese Aktion.
Die beiden entschuldigten sich sogar fast noch dafür, dass sie mich „nur“ bis nach Kreuzlingen bringen konnten.

„Ja Man, wirklich sehr schade.“, dachte ich mir, murmelte einen „Danke“ in meinen Bart und stieg aus der Bullen-Karre.

Ich zündete mir ’ne Kippe an und setzte mich auf die Bank der Bushaltestelle an der, die beiden Vorzeige Bullen mich raus gelassen hatten.
Ich wartete noch einige Minuten und ging dann wieder los.
Wohin? Na wohin wohl schon?
Zur Schnellstraße Richtung Zürich.
Mein verficktes entlaufenes Dope wieder einfangen gehen.
Und wieder das gleiche Spiel von vorne. Trampen und warten.
Zum Glück konnte ich dem nächsten Fahrer irgendwie klar machen, mich mitten auf der Schnellstraße, an genau dieser Stelle wieder raus zu lassen. Keine Ahnung was ich ihm erzählt hatte, wahrscheinlich irgendein Ammenmärchen.
Doch drauf geschissen! Fuck Man, selbst bei 120km/h und Seitenwind hätte ich das Fenster runtergekurbelt und wäre rausgehüpft, nur um an mein heiß geliebtes Dope zu kommen.
Was wir Süchtige doch alles für Strapazen auf uns nehmen. Von wegen nur rumgammeln und high sein.

Auf allen Vieren kroch ich über das Terrain, um nach bestimmt 30 minütiger verzweifelter und fluchender Sucherei, endlich den verdammten Beutel Braunes in meinen Händen zu halten.
Und obwohl ich mir fast sicher war, dass bei meinem heutigen Glück, dieselbe Bullen Karre nun noch mal meinen Weg kreuzen würde, erreichte ich doch tatsächlich nach einer verdammten Stunde, ohne weitere Zwischenfälle, den kleinen Ort Kreuzlingen.
Noch schnell ’nen dicken Anti Stress Druck, auf einer der Toiletten des großen Supermarkts gesetzt und dann ab über die Grenze marschiert.

BALD GEHT’S WEITER (Und dann wird beim Intro angesetzt).

MADMIKE  30.10.2016

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Teil 27 – Zürich, Letten, Platzspitz

Seit sechs oder sieben Monate hieß es nun also wieder die Kölner Gemeinde und Umgebung, zu ärgern.
Hatte ich zu Anfang immer mal wieder Rohypnol Sonder Ferientage eingelegt, war schon bald Shore wieder täglich am Start und der Dreh und Angelpunkt unseres Lebens.
Als ich die Benzos letztendlich ganz wegließ, merkte ich auch welch hohes Suchtpotenzial, diese kleinen, unscheinbaren, in allen Formen verfügbaren Pillen hatten.
Vier oder fünf Tage ging es mir gar nicht berauschend und alleine die Tatsache, dass mein Opiatspiegel bis zur Oberkante Unterlippe befüllt war, lies es mich einigermaßen überstehen.
Und bedenkt bitte …. Wann immer ich schreibe: „Es war auszuhalten“, „Ich hatte es einigermaßen im Griff“, etc., dann setze ich dies wirklich in Relation zu einem heftigen Affen.
Für manche, und wohl auch mich heutzutage, mag dieser Zustand wahrscheinlich schon als absolut schrecklich zu beschreiben sein.
Umso länger du von einer Substanz abhängig bist, desto sensibler und anfälliger reagiert dein Körper, solltest Du ihm diesen Stoff wieder entziehen.
Von Entzug zu Entzug wird die Scheiße immer schlimmer.


Die Arbeit bei Krüger? … Ich sag’s mal so …. Schichtarbeit und stupide Helferjobs. Man war praktisch der Schlepp-Esel der Firma. Betrachtete man das Arbeits/Vergütungs-Verhältnis, eigentlich eine absolute Frechheit. Die Einzigen, die hier wohl ordentlich ihr Bankkonto aufpumpten, war in diesem Fall wohl eindeutig die Zeitarbeitsfirma, so kassierten sie doch wahrscheinlich das Doppelte für uns Leiharbeiter. Und das auch noch für’s Nichtstun. Moderne Sklaverei halt.
Jede firmeninterne Toilette wurde kurzerhand in einen Konsumraum von uns umfunktioniert und der wöchentliche, jeden Freitag stattfindende und somit auf legale Art und Weise finanzierte Holland Trip, war wohl der einzige Ansporn für uns, diese Schufterei mitzumachen.
Aber wie schon gesagt, war auch dieser Abschnitt bald Geschichte.
So was funktionierte halt nie lange. Irgendein Pfeiler brach weg und schon hing man durch.
Zwischendurch besuchte ich sogar noch einmal die Entgiftungsstation des Krankenhauses in Marienheide, schaffte es aber auch bei diesem Besuch, gerade mal den Rekord meines Aufenthaltes um einen ganzen Tag zu erweitern.
Bei den Bullen war ich auch noch einige Male und zum Glück war ich letztendlich, aus der Sache mit dem Blitzüberfall, komplett draußen.
Die kleine Ratte wollte mir doch tatsächlich diese Aktion anhängen.


Tja, es dauerte dann also noch max. zwei bis drei weitere Monate um feststellen zu müssen, von dem ganzen Umfeld hier in Köln, mal wieder die Schnauze gestrichen voll zu haben.
Und dann? Tja, und dann planten wir also tatsächlich einen erneuten Trip Richtung Bodensee.
Wieso zum Teufel denn auch nicht? Immerhin kannten wir jetzt schon den genauen Weg dorthin. Dann also auf ein Neues.
Mit ’nem abgerotzten Zweimannzelt, setzten wir uns also dieses Mal, ganz luxuriös und gediegen in einem Zug, welcher unsere beiden Ärsche, gradewegs Richtung Überlingen transportierte.
Denn obwohl 99% unserer Kohle, gnadenlos für unser beider heiß geliebtes Freizeithobby drauf ging, sorgte ein vorheriger etwas erfolgreicherer „Arbeitstag“ dafür, mal wieder etwas besser aufgestellt zu sein.
Aber mal ganz ehrlich? Von einer erneute Daumen-Aktion Richtung Überlingen, hatten wir beide auch definitiv die Schnauze voll, und so tuckerten wir also nun, mit etwas Rest-Shore, etwas Hasch und ein paar Mark in der Tasche, Richtung Überlingen.

 

Es war Hochsommer und extrem heiß also wir dort ankamen.
Direkt in unmittelbarer Nähe des Überlingener Bahnhofes war ein großer Flohmarkt. Warum ich dass noch in Erinnerung habe? Weil ich mir genau dort noch einen extrem lustigen Strohhut geklaut hatte.
Wir marschierten geradewegs zu einer Stelle, Richtung Dorfende.
Wir hatte dort schon mal eine Nacht im Freien verbracht und der Platz schien ziemlich gut, für die vorübergehende Besiedlung geeignet.
Viele Bäume, drumherum einige Felder und ein Feldweg, welcher direkt in ein kleines Waldstück führte. Schön abgelegen, keine Anwohner oder sonstige Störquellen.
Den Platz hatte uns damals ein Kumpel von Piko gezeigt. Sein Bruder hatte versucht, in direkter Nähe, einige Gras Pflanzen hochzuziehen. Natürlich konnten wir damals, in dieser Nacht, trotz mehrfacher Mahnung die Finger von den Pflänzchen zu lassen, nicht wiederstehen diese mal anzutesten.
Leider war aber zwecks fehlenden Flutlichtern und Orientierungssinn, ausgelöst durch einen viel zu hohen Promille-Spiegel, alles was in unserem Joint landete, unpotenter Dreck.
Na ja, diese schön aussehenden grünen Pflanzen, waren nun leider eh nicht mehr da. Wäre auch zu schön gewesen.

Tag und Nacht Nummer 1, waren noch ziemlich entspannt. Wir rauchten morgens unsere restliche Shore, kochten Bohnen über dem Lagerfeuer und chillten mit genug Hasch auf unserer Wiese.
Es hatte fast etwas von einem Campingausflug.
Fehlte nur noch der obligatorische gitarrenuntermalte Gruppengesang am Lagerfeuer. Kumba Fucking Ya, oder wie war das noch?
Doch wir wussten beide, dass die kommenden Tage anders ablaufen würden.
Und genau so, war es dann auch.

Die zweite Nacht war da und, ohne zu übertreiben, qualvoll!
Der Affe kickte gnadenlos und wir quälten uns in der viel zu heißen Sommerhitze.
Ich weiß wirklich nicht wie oft man in so einer Situation, den Sinn und die Logik dieser, sich immer wiederholenden Unterfangen, infrage stellte. Doch es war verdammt noch mal oft.
Vorbei war es mit der ach so schönen Lagerfeuer Romantik und nur die zuvor fertig gerollten, bis zum Anschlag befüllten Joints, gönnten uns ein paar Minuten des Wegdösens.

Anscheinend dauerte es nicht lange und unserer Überlingen Besuch machte die Runde, so standen doch plötzlich, am nächsten Tag zwei Mädels vor unserem Zelt.
Die beiden, die gerade Ihr Abi machten, waren auf der Suche nach etwas Haschisch, hörten von uns und probierten einfach mal Ihr Glück.
Hasch zu verticken hatten wir definitiv nicht, waren diese kleinen braunen Brocken doch unser letzter Anker, um vom Affen getrieben nicht komplett durchzudrehen.
Doch wir luden die beiden auf ’nen dicken Joint ein.
McFly verstand sich besonders gut mit einer der beiden und fing sogar an zu flirten. WTF? Wie zum Teufel …. Ich meine, in solch einem Zustand wollte ich eigentlich immer nur meine verdammte Ruhe haben.
Soziale Kommunikation war da wirklich das Allerletzte, was ich ausleben wollte, konnte und auch nur ansatzweise in der Lage zu war.


«
Zurückgeblickt kann ich aber auch sagen, dass McFly schon immer etwas besser, in so einer Situation, auf Entzug, ohne Shore, klar kam als ich.
Für mich waren solche Ersten Tage immer eine Qual. Nicht nur körperlich. Fuck, was heißt hier „nicht nur“?!
Nein Mann, der körperliche Aspekt war nur ein kleiner Teil. Es war der Kopf, der einen dann penetrant fickte.
Dieses Gefühl, diese Leere, dieser Abgrund war kaum auszuhalten.
Mit dem Zeug in meiner Blutbahn funktionierte ich wie eine perfekt eingestellte Maschine. Wie ein Schweizer Uhrwerk.
Negative Gefühle oder Gedanken prallten an mir ab, wie an einer stahlharten Mauer. Ich mochte dass! Ich meine, wer denn nicht?
Genau dies war der Grund, weshalb ich mich sofort in dieses braune Pulver verliebte.
Genau dies ist der Grund, weshalb dieses Zeug, ein so hohes Suchtpotenzial hat.
Shore ist, auf den ersten Blick gesehen, nun mal der perfekte Shortcut im Leben. Und das für wirklich Alles!
Ich meine Fuck Man. Wenn ich meine Dosis drinnen hatte, dann hätte ich problemlos mit 16 Jahren, ein komplettes Manager Meeting übernehmen können. Ich hätte eine freie Rede vor Zehntausenden von Leuten, über ein mir unbekanntes Thema halten können, ohne auch nur die geringsten Zweifel, Ängste oder Sorgen, diesbezüglich zu haben.
Doch genau dies ist auch das Gefährliche an der Sache.
All diese Gefühle, Eigenschaften, für die man normalerweise arbeiten muss, denen man Zeit geben muss, die sich entwickeln müssen, greift man einfach so ab.
Versteht Ihr was ich damit meine?
Überwindet man sich, stellt man sich seinen Ängsten, setzt man sich unangenehmen Situationen aus, dann ist „nüchtern“ der Nutzen enorm, den man daraus zieht.
Hebelt man über viele Jahre, negative Gefühle aus, wird es immer schwerer sich diesen nüchtern zu stellen.

Es ist ein Unterschied, ob man Drogen nimmt, nur um Spass zu haben, oder Probleme damit bewältigen möchte.
Doch glaubt mir eins. Viele sind sich gar nicht Ihrer Probleme bewusst, und diese werden auch erst oft durch so eine Sucht aufgedeckt.
Wenn man dann auch noch in sehr jungen Jahren anfängt, ist das natürlich noch mal eine Nummer extremer, da man dort ja sowieso noch in der Entwicklung ist. Der Charakter, die Persönlichkeit, alles wird nach und nach geprägt und geformt. Eine Droge wie Shore nimmt vieles davon.
Und ist man dann mal viele Jahre drauf, schafft es wirklich clean zu werden, nach einer so langen Zeit ….  Das ist verfickt noch mal sehr hart und schwer.
Natürlich legt sich das wieder umso länger man clean ist und man holt irgendwann wieder auf, doch bis dort hin, ist es extrem hart.

Viele Leute die drauf sind und denken, dass sie gut mit Shore klar kommen, aufhören könnten, wenn sie wollten, sind meist eben noch nicht sehr lange drauf und haben eben meist noch gar nicht eine längere Zeit darauf verzichtet.
Erst dann stellt sich heraus wie gut du damit klar kommst.
Wenn deine ganz persönlichen Dämonen angeschlichen kommen und dir Dinge in’s Ohr flüstern, von denen du vorher nicht mal ansatzweise wusstest, dass sie existieren.

Sein Leben mit genug Shore auf die Reihe zu kriegen ist kein Kunststück – Es nach einer langen Zeit aber „ohne“, auf jeden Fall !!!!

Klar gibt es wieder von allem Extreme und auch Ausnahmen. Die gibts es immer.
Aber wenn von 100 Fallschirmen, 99 falsch gepackt sind, schnappst du dir trotzdem einen, springst mit deinem Arsch aus einer, in tausend Meter hohen kreisenden Propellermaschine und hoffst nach diesem einen Funktionierenden gegriffen zu haben?
Es ist schön, an sich zu glauben, von sich überzeugt zu sein, doch orientiere dich in solchen Fällen, nicht an diesen einzelnen Ausnahmen, sondern gehe hier lieber „ausnahmsweise“ einmal mit der breiten Masse.
Spiele nicht mit dem verfickten Feuer und lasse es nicht darauf ankommen! Im Grunde ist das Leben ganz schön und es lohnt sich einfach nicht, es komplett weg zu werfen! »


Am zweiten oder dritten Tag war der Peak erreicht. Mit allerletzter Kraft marschierten wir Richtung Konstanz aka Szene und gaben unseren Körpern einen Tage Ruhe. Langfristiges Denken und Handeln in so einen Zustand?
Nee Man, absolut nicht möglich!
Der Augenblick, der Moment, das Hier und Jetzt ist präsent und nichts anderes.
Für heute war also wieder alles okay. Die rosarote Brille war aufgesetzt und die Welt schien wieder rund zu laufen. Von den tiefsten aller Löchern hinauf, auf die Spitze aller Gefühle, in nur 1,2 Sekunden. Das schaffte kein Lambo und kein Rarri. Das schaffte nur die gute alte, mit Sugar befüllte, 1ml Insulinpumpe.

Am nächsten Tag, gegen Mittag, liefen wir beide runter, Richtung Dorfplatz.
Die letzt Shore, was wirklich sehr wenig war, hatten wir früh morgens weggemacht, so waren wir zwar noch nicht voll affig, aber kurz davor.
Das Ziel war nun erst mal, etwas Essbares klar zu machen, da unsere Körper nun mal ab und an auch diese Nährstoffe, neben Opiaten brauchten, um einigermaßen zu funktionieren.
McFly war gerade mit den beiden Mädels, die am Tag zuvor bei uns aufgetaucht waren, auf dem Weg etwas zu Trinken zu besorgen, und ich schlenderte, mit ein paar klargemachten Brötchen und Tafeln Schokolade, hinunter ans Ufer des Bodensees.

Das starke Abbremsen eines Autos lies mich kurz aufschrecken und schon beim Umdrehen wusste ich, was nun als Nächstes passieren würde.
Zwei Typen hüpften aus dem VW Bulli und rasten auf mich zu, das Wort „Zivi“ förmlich auf die Stirn geschrieben.
Tja, ich wusste, und ihr wahrscheinlich mittlerweile auch, was nun folgen würde.
Ich konnte McFly noch aus dem Seitenfenster des VW’s, in dem ich fünf Minuten später saß, erblicken.
Wäre er etwas früher gekommen, würde er mir nun Gesellschaft leisten, doch so konnte er gerade noch, mit hochgezogenen Augen und Armen, in die kleine Metzgerei abbiegen, als er die ganze Aktion wahrnahm.
Eine verdammte Stunde saß ich auf dem verfickten Bullen Revier. Immer wieder forderte mich der oberschlaue Zivi auf, einen Bruch, der wohl letzte Nacht in irgendeinem Einfamilienhaus stattfand, zuzugeben.
Fuck Man. Habe ich nicht, war ich nicht, will ich nicht!
Irgendwann gaben sie auf und ließen mich, bzw. mussten mich wieder gehen lassen.

 

Zurück im Dorf. Es war mittlerweile schon spät am Abend und kühle Luft machte sich breit. Der Himmel hatte sich zugezogen und dunkle graue Wolken hingen tief über dem Bodensee.
Die Bullen hatten noch nicht einmal den Anstand und die Manieren, mich zurück ins Dorf zu fahren.
Mehrmals ginge ich, halb tot und schlapp durch das kleine Kaff, checkte unsere Stammplätze, doch von den anderen gab es keine Spur.
Ich war wirklich körperlich fertig und als es dann auch noch anfing zu regnen, hockte ich mich frustriert in eine Telefonzelle und überlegte. Wo zum Teufel waren die anderen bloß?
Der Suchtdruck war nicht mehr auszuhalten, doch wie sollte ich ihn hier und jetzt befriedigen? Ich hatte zwar noch etwas Kohle auf Tasche, doch alleine der Gedanke an den bevorstehenden Aufwand, um letztendlich den großen Preis, in Form eines dicken Päcken Shore, in den Händen zu halten, reichte aus um mir meinen Magen um weitere 180° zu verdrehen.
Ja Mann, das war einer dieser Momente, in dem man sich am liebsten sein verficktes Hirn, mit einer 9MM, in Zeitlupe weggeballert hätte.
Den Gnadenstoß. Dem Ganzen ein schnelles Ende machen. Einer dieser Momente wo man wirklich alles in Frage stellte!
Man sich immer wieder sagte „Wie bescheuert bist du eigentlich?“
Jetzt hängst du hier schon wieder! In dieser verfickten Telefonzelle am Arsch der Welt!.

Doch es half alles nichts. Ich war einfach nicht mehr in der Lage um den 20 km Marsch auf mich zu nehmen, nur um dann festzustellen das um diese späte Zeit niemand mehr auf der popeligen Szene anzutreffen war.
Und als der Regen immer stärker wurde, machte ich mich also frustriert zurück an den Platz, wo unser Zelt stand.
Ein Horror Gefühl! Totale Verzweiflung und Aussichtslosigkeit sind nur einer der vielen negativen Gefühle, die einen in so einem Moment dauerficken.

Doch dann geschah etwas womit ich wirklich überhaupt nicht gerechnet hätte.
Einige Stunden quälte ich mich in unserem Zelt, welches zu meinem Glück auch noch zur Hälfte unter Wasser stand, ab.
Ich stöhnte, drehte mich Hin und Her, bis plötzlich, es muss drei oder vier Uhr am Morgen gewesen sein, ein heller Lichtkegel, gepaart mit einem Motor Geräusch, das Zelt erleuchtete.

„Na toll! Ihr wollt mich wohl alle fertigmachen!“, dachte ich mir und bereitete mich schon darauf vor das gleich zwei Bullen oder aber ein paar Glatzen, mit denen wir schon bei unserem letzten Aufenthalt in Überlingen, Stress hatten, vor mir stehen.
Fest umgriff ich ein Feuerzeug, mit meinen verschwitzten Händen und wartete nervös auf die nächste Aktion.
Immer wieder unterdrückte ich den aufkommenden Würgereflex, und hatte Mühe meinen Mageninhalt davon zu überzeugen, noch etwas in seiner gewohnten Umgebung zu verharren.

Hallo?? Hey?? Ist da jemand??„, eine männliche Stimme ertönte durch das Dunkle der Nacht.

„Okay, der Stimmlage nach zu urteilen fielen die Glatzen schon mal raus, und nach Bullen hörte es sich irgendwie auch nicht so richtig an.“, dachte ich mir, während ich mich aufrappelte und den Reißverschluss des Zeltes suchte.

Vielleicht irgendein Perverser, der mich schon seit Stunden beobachtete, und mit mir und meinem nackten Arsch, ’ne kleine privat Party schmeißen wollte?
Auch wenn ich in meinem aktuellen Zustand, wohl ein leichtes Opfer gewesen wäre, und wahrscheinlich, um das Ganze abzukürzen, direkt freiwillig meinen heiligen Arsch hinhalten hätte können, entschied ich mich doch für Gegenwehr und öffnete mit geballter Faust, den Eingang zum Zelt.

Auf allen Vieren krabbelte ich nach vorne und steckte meinen Kopf hinaus.

Wer ist da?!?„, schrie ich mit lauter und energischer Stimme.

Okay, diese körperliche Anstrengung quittierte mir mein Körper umgehend mit einem, nicht mehr endend wollendenden, Hust- und Spuckanfall und als ich langsam wieder aufnahmefähig wurde, blickte ich in das Gesicht, des vor mir stehenden, jungen Typen.

Hey, Hallo. Endlich hab ich Euch hier gefunden. Kennst du mich noch?“, sagte er mit ruhiger Stimme, während er sich hin hockte um auf meine Blickebene zu kommen.

Ich setzte mich auf meinen Arsch, sammelte mich kurz und lies dann meinem Hirn, welches aktuell wohl gerade nicht in Symbiose mit den restlichen meiner Körperfunktionen lief, etwas Zeit, das eben Abgelaufene zu verarbeiten.

Hmm …. Nee Man! Wer bist n du?! Alter Man, du hast mich zu Tode erschreckt. …… Moment Mal …. Du bist doch der ..?.. Na, wir haben uns doch mal in Konstanz getroffen, in ….„, und noch bevor ich zu Ende sprechen wollte, unterbrach er mich.

Jaaa Man, genau! In Konstanz, in dem Bus. Du und dein Kumpel wart total in einer anderen Welt. Hätte nicht gedacht, dass Du dich dran erinnerst.„, erwiderte er, mit einem breiten Grinsen im Gesicht.


Okay, Rückblick!
Könnt ihr euch noch an den zweiten LSD Teil erinnern? Der Abend als wir auf dem Rückweg von Konstanz, Richtung Überlingen waren?
Genau da trafen wir doch diesen Typen im Bus und hatten ein kurzes Gespräch, welches sich, wie nicht anders zu erwarten, natürlich um Drogen drehte.
Nun, genau dieser Typ stand nun mitten in der Nacht vor meinem Zelt.
Es dauerte seine Zeit, bis ich meine Gedanken in die richtige Reihenfolge sortieren konnte, war dann aber eigentlich ziemlich froh über diese Unterbrechung.

Ah. Jaa, cool. Und wie kommt es, dass du mitten in der Nacht hier auftauchst?„, fragte ich ihn und zündete mir ne Kippe an.

Man, ich war auch schon gestern auf der Suche nach Euch. Hab von ein paar Leuten erfahren, dass ihr hier in Überlingen seid. War die letzten Nächte schon immer unterwegs und wollte einfach mal schauen, was Ihr so treibt.„, Chris, so hieß er, setzte sich neben mich, auf den feuchten Grasboden.

Man, dir scheint’s ja gar nicht gut zu gehen, was?„, erwiderte er.

Ja Man, bzw. Nein Man, ich mein Fuck ja, richtig bemerkt. Ging mir definitiv schon mal besser.„, ich musterte Chris, dessen Gesicht nun einwandfrei, im Lichtkegel der hell leuchtenden Scheinwerfer des grauen Kombis, den er auf der Wiese vor dem Zelt geparkt hatte, zu erkennen war.

Nun ja, es ist ja nicht sodass man mit einem Affen im Nacken besonders aufnahmefähig war, doch eins stach mir besonders ins Auge.
Das ständige Jucken und Kratzen, welches Chris wahrscheinlich noch nicht mal merkte, ließ meine Hoffnung, dass diese endlos erscheinende Horrornacht doch noch anders als erwartet ausginge, wieder etwas Glauben schenken.

Also, wie du schon richtig bemerkt hast, geht es mir alles andere als gut. Hast du was da?????„, mit weit aufgerissenen Augen und voller Hoffnung starte ich Chris an.

Alter, weist du was? Komm mit, wir fahren zu mir. Ich kann dir da helfen. Du kannst auch bei mir pennen dann.„, erwiderte er, ohne groß nachzudenken.

Zu Dir? Helfen? Alles klar!„, es bedurfte keine großen Überredungskünste seinerseits, um meinen feuchten Zeltplatz inklusive diesem abgefuckten Zustand, aufzugeben und mitzukommen. Alles schien in diesem Moment besser, und die Aussicht auf sogenannte „Hilfe“, sowieso.


Bei ihm zu Hause angekommen, erschreckte ich mich erst mal vor dem Riesen Köter, welcher mich beim scheinbar freudigen Anspringen, fast umgehauen hätte.

Alter, ist das ein Pferd oder ein Hund?„, erschreckt und wirklich total platt stützte ich mich, an der Wand im Flur, ab.

Hehe. Glaube ein Hund. Keine Sorge der ist ganz lieb. Jetzt leise. Komm mit„, flüsterte Chris.


Auf leisen Sohlen schlichen wir die Treppe hinauf in sein Zimmer. Nervös setzte ich mich auf den kleinen, an vielen Stellen eingerissenen, schwarzen Lederstuhl.
Eine Matratze in der Ecke, zwei alte Regale und ein kleiner schwarz-weiß Fernseher.
„Okay“, dachte ich mir. Diese spärliche Inneneinrichtung passte ja mal gar nicht, zu der des Restlichen, mit viel Liebe Eingerichteten, Hauses.
Hier hatte wohl definitiv „Kollege Sucht“, inkl. all seiner dazugehörigen Nebenwirkungen, gnadenlos zugeschlagen.
Die Familie, die aus den beiden Elternteilen, Chris und seinem kleinen Bruder bestand, wohnte in einem kleinen Dorf, ca. 25 Kilometer von Überlingen entfernt.
Das ziemlich große, mit dunkelbraunen Holzleisten verkleidete Haus, stand auf einem, am Wald angrenzenden, kleinen Grundstück. Ziemlich schöne Gegend und wohl wieder mal ein klassischer Klischee Bruch. Kein abgefucktes Getto, keine zerrüttete Kindheit, keine schlagfreudigen alkoholkranken Eltern, die ihrer Kinder nur in die Welt gesetzt haben um ein paar Mark mehr beim Sozialamt abzustauben oder sonstige abgefuckten Lebensumstände, welche die Heroinsucht von Chris rechtfertigen könnten. Nein Man, eine ganz stinknormale Durchschnittsfamilie, die man wohl in die Kategorie „gehobener Mittelstand“ einordnen könnte.

Beide Eltern waren Lehrer und sein kleiner Bruder ging noch zur Schule. Chris, der in meinem Alter war, hatte auch schon ein paar Jahre Sucht auf dem Buckel und zuletzt eine kleine clean Phase.
Er nahm aktuell, seit 2 bis 3 Wochen, den Ersatzstoff Polamidon.
Aber nicht wie Ihr jetzt wahrscheinlich denkt. Er war nicht in einem offiziellen Substitutionsprogramm.
Nein Man, damals, vor allem in so abgelegen Gegenden, gab es noch gar kein richtiges „Methadon“-Substitutionsprogramm, beziehungsweise dies steckte alles noch in den Kinderschuhen und war gerade dabei sich zu etablieren.
Er bekam das Pola sozusagen über den Familien Hausarzt. Das dies natürlich alles andere als einfach war, dürfte jedem klar sein. Aber irgendwie schaffte es sein Vater mit Beziehungen über den Hausarzt, die kleinen Fläschen zu besorgen.
Die Mengen waren aber auch nicht sehr hoch. Er bekam glaube ich zwei kleine Flaschen pro Woche und so richtig gut lief es bei Chris damit auch nicht.
Immer wieder hatte er seit Tagen Rückfälle, und natürlich setzt er alles daran, dies innerhalb der Familie zu verheimlichen.

Schlapp und von jeglichen Kräften verlassen, wechselte ich den Platz und ließ ich mich auf die Matratze fallen.

„Chris Man, äh ….“, noch bevor ich ausreden konnte, unterbrach mich Chris und verschwand mit den Worten, „Ja Man, ich weiss. Warte kurz„, aus seinem Zimmer.

Und so sehr ich auch darauf hoffte, in den nächsten Momenten meinen Affen, mit ’nem dicken Druck in die ewigen Jagdgründe zu katapultieren, war ein kleines dunkles Fläschchen alles, womit Chris in seiner Hand, wiederkam.
Polamidon? Vorher noch nie was von gehört und ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese Flüssigkeit meinen Körper auch nur ansatzweise wieder in einen funktionsfähigen Zustand versetzen könnte.
Na ja, was soll’s dachte ich mir.
Schlimmer als jetzt kann es schon nicht werden, und außerdem hätte ich mir in so einem Zustand wahrscheinlich auch die Mohnsamen eines Mehrkornbrötchens in die Venen gejagt.

Chris zog das Pola komplett auf, teilte es dann in zwei frische, kleine Pumpen auf und reichte eine zu mir rüber. Knappe zwei ml für jeden.
Ich rappelte mich auf. Ein beherzter Zug an meinem Hosengürtel und einen Moment später war er fest, als Schlaufe, um meinen linken Oberarm gewickelt.
Die Zähne meins Mundes mussten die Spannung halten, sodass meine rechte Hand frei war für die eigentliche Aufgabe.
Ein paar tiefe Atemzüge und Konzentration, um das Zittern meiner Hände, einigermaßen in den Griff zu bekommen.
Die dicke Vene an der Armbeuge wölbte sich stark nach außen und lachte mich förmlich an.
Wohl die Liebling-Vene aller intravenös konsumierenden Mitmenschen, und zu 99% auch genau die Vene, die als erstes das Zeitliche segnet. Die, welche tagtäglich penetriert wird, verhärtet und irgendwann die Schnauze dieser permanenten Sticheleien gestrichen voll hat, kollabiert oder sich für immer verpisst

Beim zweiten Anlauf traf ich und das Polamidon, welches übrigens rein war und nicht wie üblich mit Sirup o.ä. gestreckt wurde, schoss in meine Blutbahn.
Okay, mir ging es definitiv etwas besser, aber dennoch kein Vergleich zu dem, was eine ordentliche Dosis Shore, mit mir angestellt hätte.
So ist das nun mal mit dem Zeug. Wenn man seinen Affen damit wegmachen oder sogar komplett darauf umsteigen wollte, brauchte man am ersten Tag schon eine ordentliche Menge um seinen Körper von diesem Vorhaben zu überzeugen. Heroin hängt immer noch an den Rezeptoren und dein Körper will auch im Grunde nichts anderes vorgesetzt bekommen.
Das ändert sich dann aber auch wieder nach zwei bis drei Tagen.
Das Pola hat komplett angedockt, die Shore ist komplett weg und dann reicht auch etwas weniger von der Dosis.

 

Die Nacht war kurz, und ich fühlte mich alles andere als wohl dabei mit Chris am nächsten Morgen zusammen nach unten zu seinen Eltern zu gehen.
Diese saßen gerade draußen, an einem gut gedeckten Frühstückstisch, und genossen die ersten Sonnenstrahlen, welche immer mal wieder durch den, mit wolkenbedeckten Himmel, durch kamen.
Ein kurzes Räuspern meinerseits und wir setzten uns, nachdem ich beide begrüßte, zu ihnen an den Tisch.
Ich stammelte mal wieder meine Standard Geschichte, inklusive eines belegten Mehrkornbrötchens, hinunter und ließ den anschließenden Smalltalk über mich ergehen.
Total kaputt und übermüdet war ich, und wartete eigentlich nur darauf wieder aufstehen zu können.
Na immerhin hatte es die gestrige Dosis Pola ansatzweise geschafft, meine Körperfunktionen in Richtung Normalzustand zu pushen, denn sonst hätte ich wahrscheinlich nach dem ersten Biss in das Brötchen, eine Kotzvorstellung, die seinesgleichen suchen würde, zum besten gegeben. Hätte wohl keinen guten ersten Eindruck hinterlassen, doch so hatte ich sogar irgendwie das Gefühl, dass die Mutter mich richtig mögen würde.
Na ja, wahrscheinlich habe ich mit meiner fertigen Optik, Muttergefühle in Ihr freigesetzt, denn die Blicke des Vaters sendeten irgendwie andere, versteckte Botschaften zu mir rüber.

Der restliche Tag verlief genau so, wie ihr es Euch wahrscheinlich alle schon denken könnt. Wir trampten nach Konstanz und kauften Candy auf der kleinen Szene. Gerade mal soviel dass es uns gut ging denn die Kohle, welche wir zusammen hatten, wollten wir uns für den Abend, beziehungsweise Nacht aufheben.
Und genau zu dieser Nacht werde ich jetzt mal etwas vorspulen.

Der Wagen, mit dem Chris mich die letzte Nacht abgeholt hatte, war nicht seiner.
Fuck Man …  Nee, er war ja noch nicht mal im Besitz eines „Lappens“. Nein, der Wagen war von seinem alten Herrn. Eine Aktion, die er wie es schien, immer mal wieder durchzog. Sobald die ganze Familie ins Schlummerland abtauchte, schlich er sich nachts, bewaffnet mit dem Autoschlüssel, raus zur Garage und entführte den Volvo des Vaters.
So also auch in dieser Nacht. Gegen 2Uhr morgens schlichen wir raus, schoben den Wagen aus der Garage, ließen ihn einige Meter lautlos rollen und ab dafür.
Dann, ca. eine Stunde später, erreichten wir die Drogenszene in Zürich.

Leute, ich war schon einmal davor in der Schweiz um braunes Pulver einzukaufen, doch was ich an diesem Abend zu sehen bekam, übertraf wirklich alles davor Gesehene.
Drei Worte: Zürich! Letten! Platzspitz!

„Was zum Teufel? Dein Ernst? Das kann doch nicht sein! Etc.“

Ich weiß wirklich nicht wie oft ich Worte dieser Art um mich geworfen hatte, als ich einen ersten Blick auf die Szene warf. Wir kannten ja mittlerweile viele Drogenszenen, sind gut rum gekommen, hatten sogar einen verfickten Drogenszene-Führer verfasst, aber dass?! Dieser Anblick?

Ich meine Fuck man, es war mitten in der Nacht und dort herrschte Hochbetrieb, wie auf einem gut besuchten Hamburger Wochenmarkt. Und das inklusive Marktstände und Marktschreier.
Es gab wirklich keinen besseren Vergleich, um diesen Auflauf an drogenliebhabenden Menschen zu beschreiben.
Und das alles auch noch zu einer Zeit, die 90% aller Menschen dazu nutzten, um Eier kraulend in Ihrem warmen Bettchen zu liegen. Am Tage erwachte das Ganze dann erst richtig! Tausende von Gleichgesinnten, inmitten der Weltstadt Zürich.

Da stand ich nun also mit Chris, zwischen hunderten Junks, Pushern und anderen zwielichtigen Gestalten, zusammengepfercht auf diesem kleinen Abschnitt. Diesem kleinen Teil der Szene, dem toten Bahngleis auf dem wir uns gerade befanden und der noch lange die ganze, von den Konsumenten und Pushern in Beschlag genommene Fläche, wiederspiegelte.
Nee Man, da gab es noch den großen Park, die Brücke und andere Bereiche, in denen das intravenöse Hobby gnadenlos ausgelebt wurde.

Es war wirklich heftig! Überall standen kleine improvisierte, aus Pappe und Holzlatten gebaute, Buden und Stände, an die man sich setzen und die eben erworbenen Drogen seiner Wahl, konsumieren konnte.
Es lag alles da. Saubere neue Spritzen, Löffel zum Aufkochen, Alu zum Rauchen, etc. Wenn man wollte, oder selber nicht mehr in der Lage dazu war, übernahm der selber hochgradig süchtige, Budenjunkmitarbeiter sogar die komplette Zubereitung.
Und da wir nun mal in einer Marktwirtschaft leben, nichts umsonst ist, bezahlte man ihn mit ein paar Strichen (ML-Einheiten) aus der Pumpe oder ließ ihm den feuchten Filter auf dem Löffel da. So finanzierte er sich seine Sucht, und die eingeschränkte Jobvielfalt, welche an so einem Platz herrschte, sorgte dafür, dass diese improvisierten Buden im Meter-Takt auftauchten.
Doch Moment, da gab es ja noch die Tüten Homies und die offiziellen Drogen-Abwieger. Ohne Scheiß Man. Wann immer der Kauf einer Droge getätigt wurde, brüllte der Ticker einmal in voller Lautstärke „Tüütcheeeen “ und „Waaage“.

Leider weiß ich nicht mehr, was diese beiden Worte auf schweizerisch hießen. Ich weiß nur noch, dass McFly (der später mit mir da war) und ich, uns jedes Mal halb tot gelacht haben. Vor allem bei dem Schweizer Wort Tüte, also die kleinen verschließbaren Plastik Bags. Es hörte sich jedes mal extrem lustig für uns an.
Naja, wie auch immer, auf jeden Fall dauerte es nur Sekunden nach Ausrufen dieser beiden Worte und schon kamen, aus irgendwelchen Ecken herbei gerast, zwei Junkies angetanzt. Der eine mit ’ner Pesola Waage in der Hand und der andere mit einer Tasche, voller dieser kleinen Plastik Tütchen.
Und hier natürlich das gleiche Spiel. Für den Service bekamen sie von dem Pusher ’ne kleine Messerspitze Dope ab.
Ein perfekt ausgeklügeltes System also.
Und dann gab es natürlich noch die wichtigsten Personen, die so eine Drogenszene am Leben erhielten. Pusher, Dealer, Drogenfachverkäufer, oder wie immer man sie auch nennen mag.
Und es gab nicht einen, nicht 5, nicht 10 oder 20. Nee Man. Das gleiche Spiel auch hier.
Über den ganzen Platz hörte man Leute schreien: „Kookaaaain“, „Heeeeeroooin“, als würde jemand seinen Fisch oder andere Lebensmittel anpreisen wollen. Teilweise standen die da mit ’nem halben Kilo Koks oder Shore, als wäre es da Normalste der Welt.
Schlägereien fanden pünktlich zu jeder vollen und halben Stunde statt und Krankheiten wie HIV und Hepatitis konnte man gratis, an den dafür vorgesehen Abgabestellen, in Empfang nehmen.
Alles in allem also wirklich ein toller Ort. Perfekt für einen kleinen Familienausflug an einem Sonntagnachmittag.

Es war wirklich krass.
Man musste aufpassen, wo man hintrat. Überall lagen Druffis, fertige und kaputte Typen.
Gescheiterte Existenzen, die an diesem einen Ort zusammengekommen sind und gemeinsam oder auch gegeneinander, Ihr eigenes Überleben sicherten.
Die jeden Tag auf ein Neues, den Kampf gegen die Zeit, in Form eines sinkenden Opiatspiegels und auftretenden Entzugserscheinungen, aufnahmen.
Die von der restlichen Bevölkerung wie Aussätzige behandelt wurden, zumindest den meisten.
Die kleine Brücke, welche über das stillgelegte Bahngleis führte, wurde oft von staunenden Passanten, teilweise mit Fotoapparat bewaffnet, zum Gaffen genutzt.
Teilweise erinnerte dies schon an die lustige Affenbeschau im Zoo. Na ja, nur halt nicht ganz so lustig.
Wobei, ich muss zugeben, dieser erste Anblick versetzte nun mal jeden in größeres Staunen. Es war das Drogen Mecca schlechthin und eigentlich ein Paradebeispiel dafür, was die Drogen-Prohibition alles anrichten konnte.

 

Die Drogen waren schnell organisiert. Bei so einer großen Angebotsvielfalt waren die Preise und vor allem die Qualität, extrem gut.
Wir waren etwas in Eile. Zum einen war es schon ziemlich spät und immerhin musste der Volvo des Vaters wieder in der Garage stehen, bevor das Haus zum Leben erwachen würde. Zum anderen standen wir mit der Karre in einem Halteverbot und ein Polizei Kontakt war sicherlich das Allerletzte, worauf wir in dieser Nacht noch Bock hätten. Ohne Führerschein, Fahrzeugpapiere und in unserem Zustand war es klar, wie so etwas zwangsläufig enden würde.
Etwas Shore und Koks kauften wir ein, setzten uns vor einer dieser Pappstände, und fingen an zu kochen.
Es sollte ein Cocktail werden. Erst kochten wir die Shore auf und rührten anschließend einen guten Batzen von dem Koks hinzu.
Was dann passierte, war wirklich extrem. Uns hat es so dermaßen weggeschossen, das es schon jenseits von Gut und Böse war.

Nachdem ich den Blut-Shore-Koka Mix in meine Vene abfeuerte, hatte ich das Gefühl in meinem Kopf würde eine Atombombe detonieren.
Ich ließ mich nach hinten fallen. Das Kokain fetzte durch meinen ganzen Körper und lies das Blut wie einen Lavastrom pulsieren.
Alle meine Sinne verschärften sich im Nu.

„Bum, Bum Bum, Bum Bum“, meinen Puls, der anscheinend einen neuen Hochgeschwindigkeits-Rekord aufstellen wollte, hätte ich problemlos ohne ein Instrument messen können. Meine feingetunten Ohrkanäle waren dazu einwandfrei in der Lage.
Dopamin hieß das Zauberwort. Alles schmeckte und roch nach Kokain.

Oh Man. Chris gehörte definitiv zu der Kategorie von Koksern, die Stufe 1 (siehe meine Koks Teil) komplett übersprungen und direkt in Stufe 2 landeten.
Nervös fuchtelte er mit seinen Armen herum und fetzte immer wieder im Slalom um zwei Junks, die am Boden lagen und von denen man nicht wusste, ob sie gerade ihren Kick genossen, oder schon tot waren, herum.

Alter ist das krass! Man ist das gut! Hat es dich auch so weggeschossen?! Komm, wir müssen gehen! Das Auto! Ich mein, das Auto wird abgeschleppt! Wir müssen zurück zur Garage! Alter, das ist so dermaßen heftig! Man ist das gut! Bei dir auch?! Komm wir müssen gehen!„, die Worte überschlugen sich förmlich und schienen kein Ende zu nehmen.

Fuck Man! Und ich dachte, ich würde schon zu den nervöseren Zeitgenossen gehören, wenn es um Koks Ballern ging, doch Chris schoß diesbezüglich, den Vogel wirklich noch mal komplett ab.
Ich hielt mir meine Ohren zu, um den Koksexpress, verfolgt von dem Shore ICE durch meinen Kopf brettern zu lassen.
Ich holte tief Luft und einen kurzen Moment hatte ich Bedenken, dass dies etwas zu viel des Guten war.
Als dann noch zehn Meter weiter ’ne heftige Schlägerei, zwischen ’nem Dealer und dem Tütchenanbieter ausbrach, war es vorbei mit dem Genießen.
Ich stand auf, und im ersten Moment musste ich mich wirklich drauf konzentrieren, das meine weichen Knie in Verbindung mit dem lieben Herrn Newton, mich nicht wieder umgehend auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Also im wahrsten Sinne des Wortes.
Verdammt noch mal. Das Zeug war stark!

Schnell kann so was auch nach hinten losgehen.
Ein bisschen zu viel, ein bisschen zu potent, ein bisschen zu viel Dreck und schon hast du ein bisschen Tod an der Backe! Es war ja sowieso immer ein Russisches Roulette, was man da spielte. Ein Rest Risiko blieb immer, da konnte man noch so vorsichtig und schlau sein.
Doch langsam sammelte ich mich wieder und mein Stand wurde fester und sicherer.

Kippe?„, ich griff mit meinem Arm nach links und hielt mich an Chris seiner Schulter fest.

„Was? Was los?„, Chris riss seinen Kopf in meine Richtung. Seine aufgerissenen Augen und Pupillen schienen mich förmlich zu durchbohren.

Zigarette …. Gib mir bitte mal ’ne Kippe.„, wiederholte ich.

Ach so. Ja Man, hier. Aber jetzt lass uns gehen! Komm, wir müssen uns beeilen!“, er drückte mir die Kippenschachtel in die Hand und marschierte los.

Noch etwas zittrig zündete ich mir eine an und lies meinen Blick noch einmal über diesen heftigen Ort schweifen.
Junk City! … „, dachte ich mir und gerade als ich wieder, angetrieben von dem weiß-braunen Pulver, in Gedanken verfallen wollte, kam Chris zurück und zerrte an meiner Schulter.

Komm, wir müssen rennen. Das Auto wird abgeschleppt„, und weg war er wieder.

Mein Fresse ist der drauf! Wer zum Teufel schleppt denn mitten in der Nacht dein Auto ab?„, dachte ich mir und rannte Chris hinterher.

Es kam, wie es kommen musste. Nach ca 50 Meter war Schluss und, noch bevor ich zum Stillstand kam, schoss mir ein Mix, aus Magensaft und unverdauten Rest-Lebensmitteln, wie eine Fontäne aus meinem obrigen Körpereingang. Kurz stützte ich mich, nach vorne gebeugt, an meinen Oberschenkeln ab und spuckte mich aus. Und so sehr ich „Kotzen“ auch haste, diesmal ging es wie von selbst und danach ging es mir richtig gut.
Mir war heiß! Ich riss mir mein Shirt vom Leib, und Chris zog ebenfalls nach.
Die Nacht war kühl doch unsere Körper glühten förmlich.
Ein kleiner Brunnen, in der Nähe des geparkten Autos, sorgte für Abkühlung und so steckten wir beide unsere Körper, fast bis zum Bauchnabel, in das kühle Nass.
Was dem älteren Herrn, der gerade mit seinen Hotdog auf vier Beinen die Straßen unsicher machte, wohl durch den Kopf ging, als er uns beide da so sah?
Wäre bestimmt lustig gewesen zu erfahren, doch wir hatten es eilig und keine Zeit für Smalltalk.
Natürlich stand der Wagen immer noch genau dort, wo wir ihn bei Ankunft platziert hatten.
Kokain Paranoia vom Feinsten, sag ich nur.

Wir fuhren los, wir fuhren schnell und das nicht nur auf vier Rädern.
Fuck waren wir beide drauf. Der Laber und Mitteilungsdrang schlug nun voll zu, und das „Schöne“ an der Sache war, dass die Opiate immer wieder ganz subtil dazwischenfunkten und somit den echt üblen Koks-Crash abfingen.
Wir fuhren zu einem kleinen abgelegenen Grenzübergang im Wald, den Chris ziemlich gut kannte.
Ca. 1 Kilometer davor parkte er den grauen Volvo am Straßenrand.
Ich stieg aus und checkte zu Fuß ab, ob diese besetzt war. Oft war es an dieser Grenze so, dass man einfach durchfahren konnte, und wäre diese besetzt gewesen, hätten wir uns die Mühe machen müssen, einen riesen Umweg in Kauf zu nehmen.
Doch an diesem Abend war die Durchfahrt gewährleistet.
Kurz vorher beschlossen wir beide noch, dass es wahrscheinlich besser wäre, unsere Shirts wieder anzuziehen, und auch, dass unsere Haare mittlerweile wieder trocken waren, war wahrscheinlich von Vorteil.
Ich war froh, in einem Stück, die Dorf Einfahrt zu passieren. Ich bin ja generell kein guter Beifahrer, und ein früherer Frontal Crash mit Arkan, gegen eine Leitplanke trug dazu wahrscheinlich nicht gerade wenig bei. Doch in dieser Nacht dachte ich wirklich, dass sich meine Drogen-, sowie auch alle anderen Probleme, in Form von zerfetzten, über der ganzen Straße verteilte Gliedmaßen, von selbst erledigen würden.
Leise schoben wir den Volvo, dessen Motor wir ca. hundert Meter vorher schon ausgemacht hatten, in die Doppelgarage.

Wir hatten Glück und der Hund beließ es bei einem freudigen Schwanzwackeln, als er uns erblickte.
Chris legte den Autoschlüssel wieder an seine ursprüngliche Stelle und wir schlichen leise nach oben, in sein Zimmer.
Auf meine Frage, ob dem Vater der veränderte Kilometerstand nicht auffallen würde, antwortete er nur mit einem lockeren „Ach, der merkt das schon nicht.“.

Sonnestrahlen und das Bellen eines Hundes, ließen uns, nach gerade mal einer Stunde Schlaf, wach werden.
Unten gab’s Frühstück. Bei uns oben auch.

Bald gehts weiter!

MADMIKE 28.09.2016

 

 

 

 

 

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