Danke!!!!

Vielen Dank euch allen für die tollen und netten Kommentare!

Ich kann gerade nicht auf alle einzeln Antworten, aber euer Feedback bedeutet mir wirklich so viel!!

Ich werde bald probieren weiterzuschreiben! Auch wenn das alles ist jetzt sehr lange gedauert hat, aber ich werde auf jeden Fall dieses Ding zu Ende bringen!!

Immer schön die Ohren steif halten!

Euer verrückter Mike..

 

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Veröffentlicht unter Uncategorized | 3 Kommentare

Teil 31 – Kassel

Neugeborene Babys blutrünstig zwischen Kaffee und Frühstücksei opfern und sich irgendwann, um die vierte Dimension zu erreichen, im Gruppen Kumbaja selbst flambieren?
Syanon also! Außer das mein verjunktes Hirn Assoziationen dieser Art für mich bereitstellte, konnte ich mir halt nicht gerade viel darunter vorstellen.
Hörte sich halt wie so ne Sekte an und hätte doch auch glatt mal ’n Ableger von Scientology seien können. Zumindest was den Namen angeht.

Auch wenn nicht ganz so extrem, aber dennoch, die die Option zu haben ohne Wenn und Aber, umgehend, zu jeder Zeit, in dem Laden, auch noch ohne jegliche Wartezeit, aufgenommen zu werden, musste ja an irgendwelche Bedingungen geknüpft sein.
Und auch der, nach Betätigung der Klingel, im straffen Militärschritt auf uns zukommende Leiter der Einrichtung, spiegelte nicht gerade ein „Herzliches Willkommen“ wieder.

Wie ausgekackter Dünnschiss fühlten wir uns, als wir nach der langen Fahrt endlich dort ankamen.
Den, kurz vor der Ankunft eingelegten Tankstopp, den mein Vater für ’ne kleine Kaffeepause nutzte, nahmen wir zum Anlass, unseren Geist und Körper mit der legalen Droge Alkohol aufzuputschen.
Wir beglückten unsere Leber, mit so viel Alk, wie wir nur ergattern konnten.

Zum Glück war die alte Dame, die Ihre dicken Hüften hinterm Tresen parkte, nicht allzu pfiffig und wie es aussah mehr daran interessiert sich von Ihrer RTL Mittagsserie berieseln zu lassen, anstatt das Inventar mit Leib und Leben zu schützen.
Mehrer kleine Fläschchen, des guten Tropfen Namens Bonnekamp, wanderten so ungehindert in unsere Hosentaschen.
Wir pflanzten uns, auf den Kleinen, mit grünem Gras bedecktem Hügel, hinter der Tanke und schütteten einen nach dem anderen in uns rein.
Jede Ablenkung war willkommen, und mit der Aussicht auf das „Bevorstehende“, sowieso mehr als nur nötig.

Und so standen wir also ca ne halbe Stunde später, vor dem etwas grimmig dreinschauenden Leiter, der uns nach Öffnen des großen Tores, irgendwie abwertend von oben bis unten musterte. Im Anhang zwei Lakaien, die ziemlich erniedrigt und fertig aussahen, als hätten sie gerade ihre persönliche Folter Stunde beim Chef hinter sich.
Wobei, schlimmer Affe inkl. der Hoffnung, dass wir beide dabei waren einige Gramm feinsten Heroins mit in den Laden zu schmuggeln, könnte wohl auch ’n Grund für deren ausgelutschte Optik gewesen sein.

So jedenfalls, war es bei mir immer, als ich auf Entgiftung war.
Immer wenn sich die Türen öffneten, ein neuer Klient eintraf und in die Gruppe kam, hoffte ich darauf durch ihn, in Form von reingeschmuggelten Heroins, dem qualvollen kalten Entzug ’ne kleine Pause zu gönnen.
Kam aber außer einmal nie wieder vor.
Spätestens bei der persönlichen Kontrolle durch einer der Pfleger, inklusive gründlicher Durchforstung aller körpereigenen Öffnungen, flogen 99% aller Schmuggelversuche gnadenlos auf.

„Ja ja.. Es stimmt schon. Wir nehmen jeden auf! Jeder kann zu uns kommen. Zu jeder Zeit!“, erklärte er uns mit lauter Stimme und verschränkten Armen.

Oh ja. Es gibt diese Art von Menschen, die einem vom ersten Moment an, unsympathisch sind. Und an Mcfly’s Gesichtsausdruck konnte ich definitiv erkennen, dass er nicht anders dachte.
Der einzige, der etwas Euphorie in den Augen hatte, war wohl mein Vater, so spielte er doch mit dem Gedanken uns endlich an einem Ort abliefern zu können, an dem Ungewissheit und Sorge unsererseits, mal nicht im Vordergrund stehen würden.
Voll und ganz verständlich, oder nicht?!

Einige Katzen kreuzten unseren Weg, als wir das Gelände betraten. Ein großer Bauernhof und andere kleinere Gebäude, waren auf dem weiten Grundstück verteilt. Viel Gras, Bäume und Wiese.
Der Typ redete ununterbrochen während er uns alles zeigte, doch so richtig zu, hörte ich nicht mehr.
Mir war schlecht, von den vielen Kleinen, mit hochprozentigem Alk befüllten Fläschchen, die noch kurz zuvor, in Rekordzeit den Weg in unsere Mägen gefunden hatten. Und außerdem verspürte ich ein leichtes Pochen aus Richtung Backenzahn.
Leicht zerrte ich an McFlys Pulli, der auch ohne Worte sofort wusste was ich wollte und reichte mir kurz darauf den Tabak rüber.
Und gerade als ich dabei war mir im Gehen „eine“ zu drehen, stoppte der Typ plötzlich schlagartig, so dass ich meine Fresse fast in seinem Hintern geparkt hätte.

„Ja also, da könnt ihr euch jetzt direkt mal dran gewöhnen, dass es das hier nicht mehr gibt!“, wie ein stolzer Truthahn pustete er sich vor mir auf.

„Wie jetzt? Was??“, verdutzt schaute ich nach oben, während ich das Paper der Zigarette mit meiner Zunge befeuchtete und diese zu Ende rollte.

Ich war mir immer noch nicht genau sicher was er jetzt meinte und gerade, als ich mir die Kippe anzünden wollte, ertönte ein lautes „NEIN!“.

Fuck Man! Selbst mein Vater zuckte glaube ich kurz zusammen und war etwas erschrocken, über den krassen Wechsel in seiner Stimme.

„Hier wird nicht geraucht! Regeln! Wie ich schon sagte, hier gibt es Regeln, und dies ist eine davon!“, sichtlich angestrengt, um seiner Stimme wieder die nötige Ruhe und Seriosität zu verleihen, zeigte er auf den kleinen braunen Mülleimer, welcher neben dem Eingang stand.
„Ihr könnt euren Tabak dort in der Tonne entsorgen!“, ergänzte er.
Mit großen Augen und irgendwie entsetzt, schauten wir beide ihn an.
„Ist das jetzt wirklich ihr ernst?“, erwiderte McFly.
„Ich meine. Das ist doch alles, was uns bleibt. Der „Scheiss“ ist doch schon schwer genug. Wie sollen wir denn da auch noch auf Kippen und vielleicht mal ’nen Kaffee verzichten??“, ergänzte ich, mit einem mehr als fragenden Ton in meiner Stimme.
„Seht Ihr?! Genau das ist es, was Ihr Lernen müsst. Ihr müsst euer typisches Suchtverhalten, welches ihr euch mit viel Geduld und Ausdauer über Jahre angelernt habt, endlich einmal durchbrechen.“, erwiderte er.
„Ja aber, haben wir dafür nicht auch noch nach dem Entzug, alle Zeit der Welt?“, McFly’s weit aufgerissene Augen sprachen ihre eigene Sprache.

„Wie gesagt, „REGELN“! Wir haben hier einige und dies gehört dazu. Ihr werdet auch genug beschäftigt sein, um gar nicht ans Rauchen zu denken! Wir stehen hier alle um 5Uhr30 morgens auf und nach einem guten Frühstück gehts an die Arbeit.“, ergänzte er.

Halb 6 Aufstehen? Arbeiten? Rauchverbot?????
Wir brauchten wohl einen guten Moment, um den Zusammenhang dieser Wörter herzustellen.
Das Alles harmonierte irgendwie überhaupt nicht in unserem Verständnis.
Abgesehen davon, dass einem auf Turkey, ein gutes Frühstück so ziemlich scheißegal sein dürfte, waren wir uns beide irgendwie nicht mehr so richtig sicher, wo wir uns gerade befanden.
„Man muss hier vom ersten Tag an auf kaltem Entzug arbeiten?“, McFly stolperte über den Schnürsenkel seines offenen Schuhs.

Ich fing ihn auf, und vollendete seine Frage mit einem etwas länger anhaltenden „Jaaaaaa?“ und „Wirklich jetzt?“, meinerseits.
„Richtig! So ist dass. Alle gehen arbeiten, ohne Ausnahme. Vom ersten Tag an!“, antwortete er.

„So, und jetzt müssen wir nur noch abklären, wer von Euch beiden hier bleibt.“, fügte er, nach einer Weile der Stille, schließlich noch hinzu.

Okay! STOP!! Moment jetzt!
Bis hierher war ja für uns alles schon Hardcore genug, doch als wir diesen letzten Satz hörten……
Ich meine, in dem Moment grenzten diese Regeln für uns ja teilweise schon an Körperverletzung und wären uns fast ne globale Meldung bei Amnesty International wert gewesen, doch all das hätten wir in dem Moment wirklich in Kauf genommen. Zumindest versucht hätten wir es.
Auch wenn es nicht die beste Voraussetzung für das Vorhaben gewesen wäre, doch alleine schon um es meinem Vater zu beweisen, hätte ich es in dieser Einrichtung versucht. Außerdem wollten wir beide ja auch irgendwie den Absprung schaffen. Irgendwie halt schon.
Doch als dieser letzte Satz fiel, fing alles an zu kippen.
Und selbst mein Vater wusste wohl von dem Moment an, wie das Ganze ausgehen würde.

„Wie bitte meinen Sie das jetzt? Wie, wer von uns hier bleibt? Was soll das denn jetzt?“, die Worte verließen abwechselnd unsere Münder und überschlugen sich hektisch.
„Ja also… So ist das nunmal. Ihr beide seid Freunde, und wie es aussieht auch noch ziemlich gute. Das geht hier nicht!
Wir können hier nur Einen aufnehmen. Der Andere kann ja nach Berlin in die Einrichtung gehen.“, er setzte sich auf die kleine, „etwas“ unstabil wirkende Holzbank, die aussah als hätten zwei Junkies das Teil, während eines psychotischen Anfalls, ausgelöst von einer Woche Dauerkonsum Meth, zusammen gezimmert. So krumm und schief stand sie da.

Auch mein alter Herr merkte schnell, dass selbst Überredungsversuche eines verzweifelten Vaters, hier auf taube Ohren stoßen und die Mehrfache Bitte uns doch beide aufzunehmen, prallte einfach an dem Leiter ab. Seine, wie es schien für Ihn in Stein gemeißelten heiligen Regeln, zu umgehen, war für ihn einfach absolut unmöglich. Da war nichts mehr dran zu machen.
Ich blickte hinüber zu meinem Vater.
Die eben noch, in seinem Gesicht gezeichnete Euphorie und Hoffnung wich schnell, und breit machte sich ein Ausdruck voller Verzweiflung, Traurigkeit und Wut. Ein Blick, den ich nur allzugut kannte.
Und es tat mir so leid! Er tat mir so verdammt leid.
Ich weiss, dass ich damals nicht allzu oft ein schlechtes Gewissen hatte. Zu sehr war ich meinem Film verankert.
Doch an diesem Tag, in diesem Moment, fühlte ich mich so dermaßen mies und beschissen! Viel mehr als nur ein schlechtes Gewissen.
Es tat mir alles so verdammt leid! Für einen Moment lang fühlte es sich an, als müsste ich all den Schmerz, Wut und die Trauer meines Vaters ertragen, die er über die letzten Jahre mit sich herumschleppte. Jederzeit damit zu rechnen, diese eine Nachricht zu erhalten, in der es hieß, sein abgefuckter Sohn, sei mit ’ner verfickten Nadel im Arm verreckt!
Ich schluckte mehrmals und atmete tief ein.
Wieder eine Hoffnung zerstört, doch McFly und ich konnten uns einfach nicht trennen in dieser Situation.
Die ganzen letzten Jahre sind wir zusammen durch diese Scheiße stolziert. Wir beide waren einfach alles was wir hatten und wenn, so waren wir uns sicher, würden wir es nur zusammen schaffen!
Beim Verlassen des Geländes kramte ich noch den Tabak aus der braunen Tonne und so standen wir also nach ‘ner viertel Stunde, wieder vor dem Tor.
„Tja, das war’s dann also mal wieder. Wieder mal alles umsonst.“, mein Vater zuckte mit seinen Schultern und starrte uns an.
Außer „was ist das auch für ein Drecksladen?!“, fiel mir oder McFly nichts Schlaues ein, was wir hätten sagen können.
Es fing an leicht zu regnen und wir standen noch eine Weile so da, ohne etwas zu sagen, bis ich die Stille schließlich unterbrach.
„Wir werden nach Berlin fahren und es dort probieren. Vielleicht werden wir dort ja beide aufgenommen. Und wenn nicht….?“,

Einen Moment lang schwieg ich…

„Und wenn nicht, dann wird einer von uns dort bleiben und der andere fährt wieder hierher zurück!“
Ob ich wirklich selbst an diese Worte glaubte?
Keine verdammte Ahnung.
Ich wusste nur, dass ich meinem Vater irgendwie Hoffnung machen wollte, machen musste.
Ob er meine Worte auch nur ansatzweise für bare Münze hielt? Wahrscheinlich genau so viel, wie wir es in dem Moment taten.
„Ja, dann macht das Mal. Ich muss jetzt wieder zurückfahren.“, antwortete er mit leiser Stimme.
Ich umarmte meinen Vater kurz, wir verabschiedeten uns und dann ging er zurück zu seinem Auto.
Nach einigen Metern stoppte er und kam zurück.
Er zückte sein Portemonnaie und drückte mir noch 50 Mark in die Hand.
Dann drehte er sich langsam um, stieg ein und fuhr weg.

War‘s der Alkohol? Der kurz vor dem Turkey stehende geschwächte Körper? Ich weiss nur dass mir irgendwann die Tränen herunter liefern und ich kurze Zeit später, für einen Moment lang, wirklich wie ein Schlosshund heulte.
Irgendwie kam alles auf einmal hoch! Die Wut auf diesen abgefuckten Laden Namens Synanon. Die Wut auf die Shore. Die Wut auf das abgefuckte Leben und die Wut auf mich selber.
Die Hoffnung meines Vaters wieder zerschmettert zu haben.
Alles kam hoch und ich war echt fertig! Tja, und genau jetzt wollte ich im Grunde nur eins! Dem Overload in meinem Hirn ‘ne Verfickte Freifahrt auf die Amnesie Station verpassen! Braunes Pulver! Das Feuer mit Feuer bekämpfen!
Ohne meinen Bruder wäre ich jetzt total am Ende, doch so fing ich mich schließlich wieder und rappelte mich auf.
Auf „Play“ drücken und weitermachen. Wir marschierten Richtung Bahnhof und ließen Scientology, äh, ich meine Synanon, hinter uns.

Ich weiß nicht mehr warum wir letztendlich in dem Zug, Richtung Kassel, gelandet sind.
War‘s die erste Bahn, die kam? Hat uns die Farbe der Waggons gefallen? Was zum Teufel weiß ich denn schon!
Auf jeden Fall saßen wir etwas später in dem ICE mit Endziel Kassel. Ach Fuck, saßen traf wohl eher nur auf McFly zu. Ich wiederum windete mich eher auf dem Boden des fast leeren Gruppenabteils. Die verdammten Zahnschmerzen, das subtile hinterlistige Pochen, aus Richtung des oberen Backenzahns, mutierte nach und nach zu einem Schmerz, welcher kaum noch auszuhalten war. Es fühlte sich an, als würde jemand im Sekunden Takt meinen Zahn mit Hochstrom foltern.
Immer wieder stieß ich meinen Kopf gegen die Glasscheibe und stöhnte, wie das Ferkel beim Schlachter.
McFly konnte gerade noch so den Schaffner davon überzeugen, uns doch nicht an der nächsten Haltestelle rauszuwerfen.
Der war ziemlich sauer, nachdem ich ihm einige Schimpfwörter an den Kopf geworfen hatte.
Seine ungeduldige Art nach den Tickets zu fragen, und irgendein anderer Spruch, aber gaben mir echt den Rest.
Man sollte einen Mann mit Zahnschmerzen einfach nicht provozieren.

Ankunft Kassel Wilhelmshöhe.
McFly musste mich förmlich aus dem Zug schieben, da ich vor Schmerzen schon halb im Delirium war.
Wir hatten keine Ahnung wo zum Teufel wir uns hier befanden.
Es war dunkel und außerdem war es verdammt kalt.
Wir marschierten den Gleis entlang in Richtung Haupthalle, null Ahnung wohin oder wie genau es weiter gehen sollte.
Im Grunde war ja irgendwie Berlin angepeilt, doch im Moment hatten wir beide nur ein anderes Ziel vor Auge.
Die Schmerzen waren unerträglich und Erleichterung gab es nur in einer Form!
Nicht dass wir dafür jemals einen Grund gebraucht hätten, denn auch McFly dachte an nichts anderes mehr.
Und was macht man also, wenn man spät Abends in den Hafen einer fremden Stadt einläuft, kein Schwein kennt und dringend auf der Suche nach illegalen Substanzen ist?
Kassel war mir zwar nicht unbekannt, doch zuletzt war ich dort als kleiner Stumpen und in dem Alter hatte ich sicher andere Prioritäten, als Shore und andere bewusstseinserweiternde Substanzen nachzujagen.
Im 13. Stock eines Hochhauskomplexes, in dem kleinen Vorort von Kassel Namens Niederzwehren, verbrachte ich meine ersten Lebensjahre, bevor wir dann schließlich nach Köln umgezogen sind. Da war ich dann sieben Jahre alt.

Tja, was macht man also nun, um an die Substanz seiner Wahl zu gelangen?
Richtig! Man fragt den ersten abgefuckten Junkie.
Findet man, wie in unserem Fall, keins solcher edlen Exemplare, tut’s zur Not auch irgendein Jugendlicher.
Immerhin dürfte die Szene so bekannt sein, wie jede andere Sehenswürdigkeit. Zumindest zur damaligen Zeit, als diese öffentlichen Plätze noch ganz anderen Ausmaße, was Größe und Anmut betraf, annahmen.
Sogar ‘nen Bullen könnte man getrost fragen, immerhin weiß keiner besser, wo sich die lokale Drogenszene befindet. Natürlich sollte man die Taschen, in diesem Fall, nicht voller Drogen haben, denn man weiß ja nie. Aber stimmt die Geschichte, dann ist das alles kein Problem.

Gesagt, getan … Am Ende des Bahnhofsvorplatzes, auf einer der Bänke, der vielen Bushaltestellen, erspähten wir ‘nen jüngeren Typen.
Mit seiner viel zu weiten Schlabberhose und der Kangol Mütze auf seinem Kopf, schien er die beste Auskunftsquelle darzustellen und vor allem auch gar keine so schlechte Wahl zu sein.
„Ey Jung.. Alles klar?“, fragte McFly ihn, während wir, freundlich lächelnd, auf ihn zugingen.
„Ist der Bus schon weg?“, ergänzte er.

Ich setzte mich neben ihn, auf die verbogene Bank, welche wahrscheinlich von irgendeinem pubertierenden Jugendlichen, im Vollrausch und als Akt des Zuspruchs an die eigene Männlichkeit, in viel Liebe zum Detail, fachmännisch zertreten wurde.
„Ähm …. nee, der muss gleich noch kommen.“, antwortete er etwas zögernd.

Seine roten Augen sprachen für sich!
Wahrscheinlich kam er grade von ’nem Kiffermarathon, inklusive einiger Biere, mit seinen Kumpels.
„Ah, cool. Hey hör mal. Wir beide sind nicht von hier. Wir suchen ’nen Kollegen von uns. Der war hier in der Nähe auf Therapie. Na ja, du weißt schon. Drogen und so ’n Scheiss. Auf jeden Fall ist der heute Morgen von dort abgehauen und wir machen uns jetzt ziemliche Sorgen.
Weißt du wo hier in dem Ort die ganzen Drogen Leute abhängen? Also die öffentliche Drogenszene und so?“, ich dreht mir ’ne Fluppe und bot ihm auch eine an.

„Ähm… Hmmm… Ähm.. Ach so, ihr meint das ganze harte Zeug und so?“, erwiderte er fragend mit großen Augen.
„Ja Man. Der ganze harte Scheiss. Wir müssen den schnell finden, bevor er Scheiße baut!“, ergänzte McFly.

„Ja, also…. Im Zentrum am HBF hängen die alle ab. Ihr könnt mit dem Zug dorthin. Ist nur eine Station weiter, die Ihr fahren müsst.“, erwiderte er und drehte sich dann dankend ’ne Kippe.

Ging doch schnell, und ganz ohne Google. Also zurück Richtung Bahngleis.

Ankunft Kassel HBF.
Wir hatten Glück, denn das im Zug erworbene Ticket, reichte noch für die Weiterfahrt bis zum HBF.
Schließlich war jeder weitere Pfennig für das kommende Produkt eingeplant.
Es war spät und es fühlte sich echt an als würde es von Minute zu Minute kälter werden. Wirklich verschissen kalt!

Der HBF war ziemlich überschaubar. Ein ziemlich altes, nicht allzugroßes Gebäude und am Ende gerade mal fünf oder sechs Gleise. In dem Inneraum ein kleiner Supermarkt, ein paar kleinere Läden und ’ne Kneipe, in der sich Pendler, Wartende und frustrierte Ehemänner noch schnell, vor der Abfahrt oder Ankunft, die Kante geben konnten.
Kein Vergleich zu den Bahnhöfen größerer Städte aka Köln, Stuttgart oder Frankfurt.

„Alter, was ’n das für ’n popeliger Bahnhof? Hier läuft doch nie im Leben was!“, frustriert kickte ich die verbeulte Cola Dose in die Luft, während ich mit meiner rechten Hand auf meine Backe drückte.
Der Zahn pochte und pochte.
Der Grundschmerz hatte zwar etwas nachgelassen, doch immer wieder, so aus dem Nichts Herraus, fühlte es sich an als würde jemand den offenen Nerv meines Zahns, als Gitarrensaite zweckentfremden, und darauf Beethovens Neunte spielen.
Dann zuckte ich zusammen, und schrie ein lautes „Fuck“ durch die Nacht, sodass selbst McFly sich jedes Mal erschrak.
Verdammte Zahnschmerzen! Es gab echt nichts Schlimmeres und wir beide konnten ein Lied davon singen.

„Hmm, sieht echt Scheiße aus. Wirklich voll das Kaff!“, erwiderte McFly.

„Aber lass uns erst mal alles abgehen hier.“, er hüpfte drei, vier Schritte nach vorne und griff beherzt nach der verbeulten Dose.

Und nicht etwa um mir das Thema Umweltschutz näher zu bringen. Nee Man, so eine, in der Mitte geteilte Dose, ließ sich eben auch als Ersatz für einen Löffel nutzen.
(Anm.d.Red. Ein Halleluja auf das Thema Hygiene und auf all meine vorhandenen Gliedmaßen!)
Doch unsere Zweifel waren gross, ob diese Dose, an diesem Abend, zu dieser späten Stunde und verdammten Kälte, überhaupt noch zum Einsatz kommen würde.

Wir verließen den Bahnhof, gingen den kleinen Treppenvorsprung hinunter und betraten den echt mickrigen Vorplatz.
Auf der rechten Seite waren die Endhaltestellen einiger Buslinien, links ’ne kleine Pommesbude und vor uns, in der Mitte des Platzes, ein Brunnen, der zu dieser Jahreszeit aber nicht mit Wasser befüllt war.
Rechts neben dem Brunnen führte eine Treppe weiter hinunter zur U-Bahn. Links und rechts davon jeweils eine Rolltreppe, die aber am Arsch waren.
Frustriert folgten wir dieser, bis McFly plötzlich mittig auf der Treppe stehen blieb.

„Hmmm… Altaaa.. .!“, er streckte seinen Kopf nach oben und fing an zu schnüffeln, wie ein Wildschwein auf der Trüffelsuche.

Ich hüpfte die restlichen Stufen hinunter und blieb stehen.
„Ja Man! Du hast Recht!,“ grinsend schaute ich zu McFly rüber.

Ich sag’s ja, Mcfly‘s Geruchssinn!
Da hatte selbst ’n ausgebildeter K9 Spürhund Probleme mitzuhalten.
Unten dann angekommen, machte sich dieser unverkennbare, süßliche Geruch, ein Mix aus billigem Marihuana, aufgekochtem Heroin und frischem Blut, in unseren Nasen, in all seiner Pracht und Schönheit, breit.

Auf den, mit viel schlechten Graffiti beschmierten Durchgang, lungerten alle paar Meter, der Optik nach zu urteilen, Dauerkonsumenten herrum.
Fuck Man, das war doch ein Anfang und der Anblick von diesem wahllos zusammengewürfelten Haufen verlorener und kaputter Existenzen, hatte uns, bis dato, glaube ich noch so viel Freude bereitet.
Der Gang war nicht sehr lang. Er teilte sich an einer Stelle um dann an zwei Punkten, wieder nach oben, zu den gegenüberliegenden Straßen zu führen.
Doch zwei Treppen führten nochmals eine Etage tiefer, zu den Haltestellen der U-Bahn oder auch gradewegs in den Anus des verfickten Leibhaftigen! Und glaubt mir, mit der Aussicht den heranrollenden Affen wegzukicken und den Zahnschmerzen etwas Erleichterung zu gönnen, hätte ich mich auch in diesen mit genug Vaseline hinein gequetscht.

Also ab nach unten, in Richtung Epicenter.
Nur allzu vertraute Szenarien beglückten uns.
Schon komisch, egal wo, es ist immer dasselbe. Immer das gleiche Rudelverhalten, dieser grazilen Rasse namens „Junkus Interuptus“.

In der einen Ecke blutiges Massaker, in Form von verzweifelter Venen Stecherei, an anderen Stellen dem Schein nach glücklich und zufriedene Individuen, die nach getaner Arbeit, im Halbschlaf, in den unmöglichsten Positionen, den Boden küssten.
Von zu viel Koks oder anderen aufputschenden Substanzen, überdrehte Junks, die ohne Pause der hektischen Kugel eines Flippers Konkurrenz machten, hier und da mal ne gediegene Schlägerei und und und… etc.. etc.
Aber was soll ich sagen. Mittlerweile kennt Ihr das ja schon Alle.
Eben das typische Bild einer offen Drogenszene.
Aber wieso zum Teufel, sollte es auch woanders anders sein?!
Wie auch schon einige Male von mir beschrieben, ist der Drogenkauf auf einer offenen Szene russischem Roulette gleichzusetzen. Glück und Pech liegen unmittelbar beieinander und passt du nicht auf, wirst du gefickt und stehst am Ende „Ohne Alles“ da.
Und Zeitdruck, in Form eines Affen, ist eine Variabel die das alles nicht besser macht.
Nacheinander checkten wir alle ab. Bloß niemand anlabern, dem das Wort „Turkey“, inklusive tellergroßer Pupillen, praktisch schon auf der Stirn geschrieben schien.
Schließlich quatschten wir ’nen Typen an, der gerade dabei war seinem Kollegen, eine bis zum Anschlag, mit dunkler brauner Suppe befüllte 5ml Pumpe, in die Vene zu jagen.
Vor allem, wie er dies tat, ließ mich doch etwas verwundern.
Er stach nicht „normal“ in die Vene hinein, sonder klopfte von hinten auf den Kolben der Spritze, sodass Diese Stück für Stück, in Richtung Ziellinie rutschte.
Er schnippte regelrecht, auf die gleiche Art und Weise, wie man bei Langeweile, fette Nasenpopel durch die Luft befördert.
Man konnte sehen wie schwer es ihm fiel, sich auf diesen einen Arbeitsschritt zu konzentrieren.
Nur die immer wiederkehrenden, lautstark ausgesprochenen, Worte „Hey“, „Man“ oder „ALTAAAA!!“, seines Gegenüber, hielten ihn davor ab, die Augen endgültig nach hinten zu rollen und noch hier und jetzt, in den sanften Schlaf der heiligen Opiatengel zu gleiten.
Fuck, was war der Typ „brigge“.
Genau der Richtige zum Fragen, und wir konnten nur hoffen, dass sein Zustand ein Indiz für die Qualität, der hier zu erwerbenden Drogen war.
„Hey Kollege. Alles klar? Wo kriegt man den gutes „Braunes“ hier?“, ich schielte zu ihm rüber, während ich meine Kippe befeuerte.

„Hmm.. Ahhh…“, keine weitere Reaktion mehr.
Nun gut, meine Worte zu entschlüsseln und dem Typen das Dope in die Venen zu jagen, war wohl doch etwas zu viel, für sein weich gekochtes Hirn.
Für Multitasking sollte man dann doch wahrscheinlich besser auf Meth oder Koks zurückgreifen.
Also auf ein Neues. Gleiche Frage, langsamere und voluminösere Aussprache, nur um sicher zu gehen, dass die Schallwellen meiner Worte auch wirklich den präfontalen Cortex, welcher laut Wiki für die essenziellen Aufgaben einer Konversation zuständig ist, erreichten.

„Ahh…Ähh..“, erneute Pause, bis sich schließlich etwas regte.

Er zog die Pumpe, nach erfolgreichem Abschuss, aus der Armbeuge des nun zufrieden und glücklich dreinschauenden Typen.
Drehte langsam seinen Kopf in unsere Richtung, entschied sich dann aber plötzlich doch dazu einen Abstecher, in Richtung abgewichsten Fußboden zu machen.

„Nein, nein, nein!! Warte man!“, ich konnte ihn grad noch so abfangen und wieder in die Horizontale bringen.
„Kollege! Sag mal! Wer hat den hier was jutes? „, laut und deutlich formulierte McFly die Worte erneut.

„Hmm… Ahhh… Braunes?“

-PAUSE-

„Hmm … Ahhh“

-Pause-

Nach mehreren Pausen kam schließlich irgendwann dann doch ein ganzer Satz.

„Aaahm ….Ja Man. Klar doch….. Äähm…. Helf mir mal hoch“, wahrschein war es die mögliche Aussicht auf eine kleine Provision, die seinem vernebelten Hirn, letztendlich wieder etwas Leben einhauchte.

McFly zog ihn an seiner viel zu großen schwarzen Cordjacke nach oben.
Er stand auf und wir marschierten zu dritt, die Treppe hinunter zu dem Bahngleis.
Ganz hinten, da wo der Bahnsteig endete, hüpfte er runter auf die Schienen und marschierte über diese durch den Tunnel, der sich um eine Kurve zog.
Ich schaute kurz zu McFly rüber, sah wie er mit den Schultern zuckte und wir beide folgten ihm.
Zum Glück war der Tunnel nicht lang, und man musste sich schon wirklich sehr dumm anstellen, um sich von einer herranrollende Bahn, die Fresse zermatschen zu lassen.
(Wobei… wenn ich jetzt so darüber nachdenke. Hmm)

Alle paar Meter kamen uns Druffis entgegen, und quetschten sich an und vorbei.
Es waren vielleicht gerade mal 50 Meter bis zum Eingang und wir waren echt überrascht.
Hinter dem Tunnel lag ein größeres offenes Gelände. Bäume, Gestrüpp, einige kleinere Hügel links und rechts neben den Bahnschienen, die in einer größeren Kurve in den Tunnel führten.
Und mitten drinnen alles voller Junkies. Wir hatten also das Herz dieser Stadt, die öffentliche Drogenszene, nach nicht allzu langer Suche gefunden.
Nicht falsch verstehen, von der Größe her war es kein Vergleich mit z. B. dem Letten in Zürich aber dennoch waren wir überrascht, weil wir es echt nicht erwartet hätten.
Unser Einkauf war schnell getätigt. Zurück in der U-Bahn suchten wir uns ’ne ruhige Ecke und schnell bekamen wir die nächste Überraschung wie einen Schlag in die Fresse serviert.
Ich meine, man konnte ja nicht immer erwarten 1A Drogen von bester Qualität zu ergattern. Aber dies hier??!!
Unmittelbar nachdem der Kolben der Spritze auf Anschlag war, kam der große Knall. Und nein nicht dieser Knall. Ein Knall in Form von ……… „Nichts“.
Verdammt war das Zeug schlecht!
Der Affe war gerade mal im Ansatz vernichtet.
Auch unsere Hoffnung einfach mal den falschen Anbieter erwischt zu haben, wurde die kommenden Tage gnadenlos zerschmettert.
Es war einfach, durch die Bank weg, alles komplett für den Arsch. Zumindest für uns beide.

Waren wir etwa zu verwöhnt? Wurden wir in der Vergangenheit etwa nur mit dem feinsten Stoff gesegnet? Nee Man, ganz bestimmt nicht. Zufälligerweise sind wir halt genau an dem Ort gelandet, an dem die Qualitätskontrolle des deutsche Reinheitsgebotes total versagte.
Ich meine, war man von Geburt seiner Junky Existenz an, nur dieses Pulver gewöhnt, war das wahrscheinlich gar nicht so das Problem, doch kam man, wie wir, von auswärts, war man, kurz und knapp gesagt, einfach nur gearscht.
Unser Kampf gegen den Affen, mutierte also nun von einem Getto Faustkampf mit drei Polen, in einen Atomkrieg mit der Weltmacht USA.
Und eigentlich war dies auch mit der Hauptgrund weshalb wir uns nach einigen Tagen wieder verpissen wollten. Aber es kam halt doch anders. Wir blieben trotz all dem erst einmal und schlugen uns weiter durch.

Der Winter kam nun auch noch ganz plötzlich und Schnee fiel über Kassel.
Schnell mussten wir feststellen, dass hier in der Gegend, die Temperaturen noch um einiges tiefer fielen, als im guten alten Köln.
Es war arschkalt! Tagsüber lungerten wir oben im Hauptbahnhof und auf der Szene herum.
Und die Nächte? Tja, die einzige Möglichkeit, unseren gefrorenen Ärschen etwas kostenlose Wärme zu gönnen, war der beheizte Warteraum des Hauptbahnhofs.
Ein kleiner 5×5 Meter großer Raum, mit unbequemen, aus Stahl gebauten Sitzen, verankert an den Wänden.
Doch leider war selbst hier nicht an eine ruhige Nacht zu denken.
Ich weiß noch genau wie sehr ich das erste Mal erschrak.

Gerade als ich, zusammengekauert in Fötus Position, den Kopf tief im Kragen meiner Jacke vergraben, auf einem 3er Element der Bänke, in einen Traum gleiten zu schien, schreckte ich auf und fiel nach vorne von der Bank auf den Boden.
McFly der gegenüber die gleiche Position eingenommen hatte, ging es nicht anders, nur das er noch lautstark einiges an Schimpfwörter um sich warf.

Da sah ich die beiden Typen vor uns stehen. Zwei, in geleckter Uniform bekleidete Möchtegern Polizisten, aka Securitys standen vor uns.
Doch das war es nicht, was uns wie verrückt aus dem Schlaf riss.
Nee Man, es waren die zwei voll ausgewachsenen Deutschen Schäferhunde, welche die beiden stolz mit Maulkorb an der Leine führten.
Sie ließen die beiden Köter im Duett, in voller Lautstärke, bellen als gäbe es kein Morgen.
Die beiden Tölen war außer Rand und Band, bellten und fletschten Ihre Zähne als würde sie in uns zwei fette Nackensteaks sehen. Ihr könnt euch nicht vorstellen wie verdammt laut es war und wie es sich anfühlte so aus seinem Schlaf gerissen zu werden.
Das ganze ging solange, bis schließlich ein Kommando der beiden ertönte und Ruhe war.

„Raus hier!“, brüllte uns der kleine Dicke an.
„Maximal eine Stunde wird sich hier aufgehalten! Und dann auch nur mit gültigem Bahnticket!“, ergänzte der andere und schien sich dabei zu freuen wie ein Schuljunge, der gerade sein auswendig gelerntes Referat aufgesagt hatte.

„Euer Ernst jetzt?! Habt ihr mal rausgeschaut?? Es ist schweinekalt!“, wütend rieb sie McFly seine Augen.

„Meine Fresse! Es ist kein Schwein gerade hier im Bahnhof. Jetzt seid mal bitte nicht so und lasst uns hier einige Stunden schlafen.“, ergänzte ich genervt.

Aber nee Mann, nichts zu machen! Die beiden Möchtegern Cops nahmen ihren hoch anspruchsvollen Job todernst und führten sich so auf, als wäre der Bahnhof ihr privates Wohnzimmer.
So also liefen die kommenden Nächte, ohne wenn und aber, ab. Immer das gleiche Spiel.
Mit müh und Not ’ne halbe Stunde Schlaf abgreifen nur um dann von den zwei Dreckstölen (ich liebe Hunde! ) aus dem Schlaf gerissen zu werden, draußen ne Weile den Arsch abfrieren und den Kreislauf von vorne beginnen.
Obwohl wir, wie gesagt, jeden Tag mit dem Gedanken spielten uns, aufgrund der massiven Qualitätsunterschiede, wieder aus Kassel zu verpissen, gewöhnten wir uns irgendwie an die kleine Stadt.
Wir lernten schnell Leute kennen und vergrößerten so unser Netzwerk. Und schließlich machten wir noch Bekanntschaft mit etwas anderem.
Und zwar Substitute und andere Leckerlies der Pharmaindustrie.
Im Grunde war bis dato die Hauptsubstanz unserer Wahl eben Shore aka Heroin.
In Köln hatte ich mir zwar das ein oder andere Mal so genannte Remies (Remidacen mit Codein als Wirkstoff) auf der Szene besorgt, um mir den Entzug etwas zu erleichtern, aber andere Substitute waren halt nicht so verbreitet.
Auch hatte ich mir das ein oder andere Mal ein Döschen Methadon aus Holland mitgenommen, aber das war’s dann auch schon.
Doch das änderte sich halt als wir in Kassel eintrafen.
Schon ein paar mal hatte ich den Typen, mit der Vokuhila Frisur, auf der Szene brüllen hören “ Pola …. Wer braucht Pola?“, aber bis dato immer getrost ignoriert.
Doch als McFly und ich an diesem Morgen, wieder halb totgefroren auf der Szene waren, und erneut vor der Wahl standen unsere schwer erbeutete Kohle in Pulver, welches zu 98% aus Mannitol (Milchzucker) bestand, zu investieren, überlegten wir, dem Ganzen mal ’ne Chance zu geben.

Das kleine dunkelbraune Fläschchen Polamidon, wechselte also schnell den Besitzer.
Der Toiletten Türsteher, der einige Tage zuvor die Klotür aufgetreten hatte, und die zerrissene Cola-Dose, inkl. aufgekochter Shore, welche sich zwischen meinen beiden Knien befand, mit einem gekonnten Kick ins Jenseits befördert, schien zum Glück gerade nicht vor Ort zu sein.
So marschierte ich, bis ans Ende der Reihe zur letzten Kabine.
Ich hockte mich seitenverkehrt auf die Schüssel, holte meine frische Pumpe hinaus und zog mir 3 oder 4 ml, von dem Reinen, nicht wie heute üblich, mit Sirup vermixten, Polamidon auf.
Ich hatte ja am Bodensee, zusammen mit Chris, schon einmal etwas von dem Pola geballert, doch da die Dosis da spürte ich nicht all zu viel und so machte ich mir auch hier keine riesen Hoffnungen.

Ein Vorteil an der ganzen Sache war, dass man hier nichts aufkochen musste. Kein Klicken vom Feuerzeug, welches mitunter immer eines der ersten Anzeichen war das hier ein Junk sein Geschäft verrichtete und auch sonst ging alles viel schneller.
Nachdem ich drei bis viermal durch das stark vernarbte Gewebe, welche sich um meine Lieblingsvene an der Armbeuge gebildet hatte, durchstach, schoss das dunkle Blut in den Kolben der Spritze zurück.
Kurz durchatmen und abdrücken.
Die warme Welle schoss durch meinen Körper und die Strapazen der Nacht lösten sich in Sekunden auf. Ein zufriedenes entspanntes Gefühl machte sich in meinem Körper breit. Ich lehnte mich zurück, zog die halbe Zigarette aus meiner linken Jackentasche und zündete sie an.
Ich war zufrieden und es fühlte sich gut an.
Genau dies sind die Momente auf die man als abgefuckter Junkie hinarbeitet. Das klein bisschen Paradis auf der abgewichsten Bahnhofstoilette.
Ich hatte nicht damit gerechnet. Besser als der Dreck der hier die Runde machte, war es sowieso! Und auch besser als damals mit Chris.
2 bis 3ml reichten mir pro Schuss aus. Einen morgens und dann noch mal ’nen zweiten gegen Abend und manchmal noch einer dazwischen.
So vergingen einige Tage und die Mission Entgiften vergrub sich mal wieder tief in die letzten Ecken unserer Kleinhirne.
Obwohl wir in den letzten Jahren immer einen auf Zigeuner machten und nie allzu lang an einem Ort verweilten, kam es, dass Kassel für „längere“ unsere neues Zuhause wurde.
Shore gab’s also nur noch selten, stattdessen halt wie gesagt, immer mehr die guten Alternativen der Pharmaindustrie.
Codein/Dehydrocodein, Polamidon oder Methadon wurden zu unseren neuen besten Freunden.
Und bei mir gesellten sich Benzodiazepine irgendwann auch noch regelmäßig dazu, was zurückgeblickt, wirklich schlimmer als alles andere war.
Ich meine, ich hatte immer wieder mal Phasen in denen ich Benzos konsumierte, die längste davon wahrscheinlich in Überlingen.
Aber schließlich endeten diese auch immer wieder, doch in Kassel ……. Na ja, später dazu mir.

Es war der Morgen als wir drei, Andre, ein Typ, den wir zuvor am Hauptbahnhof kennengelernt hatten, war mit dabei, im Wartezimmer des Sozialamts saßen.
Zum ersten Mal, nach all den Jahren auf der Straße, probierten wir Unterstützung vom Staat zu erhalten.
Ich war der Erste der dran war und nach einem kurzen Gespräch hatte ich einen Stempel mit der Aufschrift OFW (ohne festen Wohnsitz) auf meinem Perso.
Damit konnte man sich nun sein sogenanntes Tagesgeld abholen. Ich weiß es nicht mehr genau aber ich glaube es waren so um die 12 bis 14 Mark pro Tag.
Dies konnte man sich nicht im gleichen Haus abholen, sondern man müsste ca. einen halben Kilometer, zu einem anderen Gebäude laufen.
Da die anderen beiden noch das Gespräch vor sich hatten, ging ich schon mal vor. Wir verabredeten uns für danach auf der Szene, welche sich direkt zwischen den beiden Gebäuden befand und auf der ich mich ca 20 Minuten später, mit etwas Kohle in der Tasche, befand.

Da ich ’nen heftigen Affen hatte, und gerade nichts anderes da war, griff ich auf das braune Pulver zurück.
Ich war gerade dabei aufzukochen, als sich ’n Typ neben mich hockte und anfing Shore zusammen mit ein paar Benzos auf ’nem Löffel aufzukochen.

„Du ballerst dir die Benzos?“, fragte ich ihn während ich mit einem Auge zu ihm rüber schielte.

„Klar Man!“, erwiderte er prompt. „Will ja wenigstens irgendetwas davon spüren“.
Ich hatte fertig aufgezogen, doch wartete ich und beobachtete den Typen weiter.
Nachdem er das Heroin fertig aufgekocht hatte, legte er die Rohypnol Tablette auf den Löffel.
Mit dem Boden des Kolbens seiner Spritze, zerstampfte er diese, bis sie sich nach und nach in der braunen Suppe auflöste. Noch mal kurz warm gemacht, dann alles aufgezogen und ’nen Moment später landete alles in der Vene seines Handrückens.
Seine verdrehten Augen, offener Mund und lallende Sprache, reichten mir aus.
Ich starrte auf meine Pumpe, blickte zu ihm rüber, wieder zurück auf die befüllte Pumpe in meiner Hand und nach ein paar Sekunden marschierte ich zu dem fetten Jugoslawen rüber, der mich irgendwie immer an Jabba de Hut aus der Star Wars Trilogie, erinnerte.

„Haste ma ’ne Rhopse da?“, fragte ich ihn nervös.

Die schätzungsweise 200 Kilogramm schwere Masse, setzten sich in Bewegung, und Jabba, der auf den Resten einer Holzbank saß, stand mit sichtbarer Anstrengung auf. Er kramte in seinen Taschen rum und holte zwei Riegel Rohypnol hervor.

„Wieviel brauchste?“, nuschelte er leise. „Einen, zwei Riegel?“

„Nee Man, brauche nur ‘ne Einzelne.“, antwortete ich.

„Eine? Man Ey.“, sichtlich genervt presste er eine Pille aus dem Blister und drückte mir diese mit dem Worten „zwei fünfzig“ in die Hand.

Ich kramte die Kohle hervor und verschwand wieder.
Der Typ, der mich auf die Pillenballeraktion gebracht hatte, war mittlerweile dabei die typische „Ich-bin-breit-wie-tausend-Man“- Position einzunehmen, bedeutet Oberkörper im 180° Grad Winkel zum Unterkörper, nach vorne gebeugt und den Kopf in Wischmoppposition.

Meine, zum Aufkochen benutzte Cola Dose, lag noch an gleicher Stelle.
Ich drückte die aufgekocht Shore zurück auf die Dose, legte die 2mg Rohypnol Tablette hinein und wiederholte das eben beschriebene Prozedere.
Die mittlerweile, schon um Gnade winselnde Vene in meiner Linken Armbeuge, musste mal wieder irgendwie herhalten.
Nach zwei oder drei Versuchen schoss endlich das dunkelrote Blut hervor.
Ein seltsamer chemischer Geschmack machte sich in meinem Mund breit und dann schlug es auch schon ein wie eine Bombe.

Der Mix aus Shore und der kleinen weißen Pille verrichtete seinen Dienst einwandfrei, verdrängte alles für den Moment Unwichtige in den Hintergrund und ließ mich im gedankenfrei im Hier und Jetzt verweilen.
Mir ging es gut. Der unpotente braune Dreck mutierte mithilfe dieser kleinen unschuldigen runden Pille, in eine PS Bombe.
Ein verdammter Segen für den Augenblick, doch wahrscheinlich ’n fetter Arschtritt für die Zukunft.
Meine gelegentliche Affinität zu den, von der Pharmaindustrie hergestellten Pillen, wechselte unter diesen Umständen schon bald zu einer Dauerunterkunft im Hotel Benzodiazepin.

Kassel wurde also zu unserem neuen Spielplatz. Die erste Zeit war wirklich beschissen wegen dieser verdammten Kälte im Winter. Es war so schweinekalt und Platte zu machen war wirklich hart.
Tagsüber hingen wir auf der Szene, oder im Nautilus, das kleine Kontakt Café direkt gegenüber vom Hauptbahnhof, wo man billig seinen Kaffee und Müsli bekam, und gebrauchten Spritzen gegen Neue austauschen konnte, ab. Ansonsten hieß es halt, das Übliche. Kohle machen, weiterleben, überleben.

Da wie gesagt nach und nach Shore immer öfters gegen Pharma Shit ausgetauscht wurde, war es nur die logische Konsequenz, bis wir uns direkt auf die Suche nach der Quelle machten.
Wieso zum Teufel sollten wir das drei bis vierfache auf der Szene hinblättern, wenn es die Möglichkeit gab, die Quelle direkt anzuzapfen?
Auch wenn es mehrere Ärzte gab, so stach doch ein Name besonders immer wieder hervor. Dr Krüger war der Name, der auf der Szene immer so seine Runde machte.
Der Arzt auf den man sich verlassen könne, so hieß es.
Gesagt getan. Nach ca. 45 Minuten Busfahrt saß ich im Wartezimmer von dem Doc.
Es war spät abends, kurz vor Arbeitsende und außer einem Patienten, der wohl gerade drinnen war, war keiner mehr da.

Ok Leute, an dieser Stelle schon mal ein kleiner Hinweis . Das leere Wartezimmer bei diesem Arzt, war ein Bild, welches sich nicht mehr wiederholen sollte. Glaubt mir, was ich bei diesem sogenannten Arzt noch alles erlebt habe, grenzt schon fast an Unglaubwürdigkeit. Aber dazu kommt bestimmt auch noch mehr in den nächsten Teilen.
Vielleicht liest ja sogar mal einer aus der damaligen Zeit hier mit, der diesen Arzt selber mal kennengelernt hat.

Ich war dran. Der pummelige Doktor öffnete die Tür und ich verschwand mit ihm, in seinem Behandlungszimmer.
Er schien ganz alleine in seiner Praxis zu sein, zumindest konnte ich keine Sprechstundenhilfe entdecken.

Mit Ärzten hatte ich ja mittlerweile so meine Erfahrungen und die Gratwanderung zwischen Einschleimen, Mitleid und Einfordern, um das gewünschte Mittel seiner Wahl zu ergattern, beherrschte ich mittlerweile ja echt perfekt.
Also leierte ich auch hier meine, schon vorher parat gelegte Geschichte, runter.
Doch schnell unterbrach mich der gute Herr Krüger.

„Ist ja okay. Mach mal langsam.“, er lehnte sich zurück in den opulenten Ledersessel.

„Was brauchste denn mein Junge?“, ergänzte er.

Moment bitte. Ist das jetzt ’ne verdammte Fangfrage oder wie?! Etwas unruhig, strich ich mit meinen Fingern über Mund und Nase.

„Ähm… Jaa….Also….“, immer noch verwundert über die direkte Frage des Arztes, stammelte ich einige Wörter vor mich hin, bis mich der Doc erneut unterbrach.

„Also, Polamidon ist jetzt schlecht. Ich kann dir Codein aufschreiben.“, das Leder des Stuhls gab quietschende Töne von sich, als die bestimmt 120 Kilo schwere Fleischmasse, auf dem Sessel Hin und Her rutschte.

„Ähm… Ja.. Natürlich… Sicher.. Das wäre perfekt. Ähm, ich meine, das würde mir wirklich sehr weiterhelfen. Ich halte diesen ganzen Druck wirklich nicht mehr aus. Dieses Leben ist schrecklich und ich möchte es endlich …..“, und gerade als ich wieder voll in meinem Konzept war und den armen hilflosen Junkie zum Besten geben wollte, unterbrach er mich erneut.

„Jaja, ich verstehe das schon. Also das macht 10Mark pro Rezept. Brauchst du noch was zum Schlafen“, fragte er mich trocken, während er etwas auf seinem Block kritzelte.
„Will ich noch etwas zum schlafen????!!!!! Ob ich noch etwas zum Schlafen brauche??????“, Fuck Man, ich muss jetzt gerade tief und fest am schlafen sein, dacht ich mir. Ja man, du musst träumen, redete ich mir ein. Du liegst gerade wahrscheinlich, mal wieder viel zu breit, auf der ungemütlichen Stahlbank, der mit dem großen Loch in der Mitte, wo man sich immer Arsch oder Eier einklemmt, im Vorraum des Banhofs.
Ich kniff ein paar Mal meine Augen zusammen.

„Zum Schlafen? Das wäre wirklich sehr hilfreich! Ich hab so extreme Schlafprobleme.“, unruhig glitt mein Blick durch die kleine Praxis. Ziemlich chaotisch war hier alles. Nicht dreckig, aber halt ein großes Durcheinander. Bücher, Dokumente lagen überall verteilt.

„Ich schreib dir mal fürs erste ein weiteres Rezept über 40 Rohypnol auf.“, das dürfte dann ja für die nächsten Tage erst mal reichen.
Rohypnol??!! Fucking Halleluja. Innerlich schrie und feierte ich gerade, als hätte ich das entscheidende Tor im Finale einer Weltmeisterschaft geschossen.
Ich muss ihn gefunden haben. Den Heiligen Gral, den Messias in Weiss. Den ultimativen Junkie Orgasmus in Form eines schrulligen alten Arztes. Genau so und nicht anders, fühlte und dachte ich damals!

„Danke Herr Doktor. Das hilft mir wirklich sehr weiter.“, ich kramte die 20 Mark aus meinen Taschen, tauschte diese gegen die Rezepte und verabschiedete mich.

So verließ sich also gerade mal zehn Minuten später wieder die Praxis und ging in Richtung McFly, der einige hundert Meter weiter, an der Bushaltestelle, auf mich wartete.
Mit Rezepten über ’nem halben Liter DHC Codeinsaft (Dihydrocodein..) und 40 Rohypnol Tabletten in der Tasche, ging es also wieder zurück Richtung HBF.
Zehn Rohypnol Tabletten waren schnell vertickt. Mit der Kohle konnten wir den kompletten Rest der Privatrezepte auslösen und hatten also so die nächsten Tage erst mal ausgesorgt.
Und sollte die Munition ausgehen? Der Weg zur Quelle war nun geebnet.

Leute, wenn Ihr bis jetzt all meine Teile gelesen habt, dann wisst Ihr ja, dass ich bis dato schon immer Benzodiazepinen nicht gerade abgeneigt war. Ich liebte dieses Gefühl, genauso, wie ich das braune Pulver liebte.
Mein „Glück“ war halt immer, das entweder irgendwann die Quelle versiegte, wir weitergezogen sind oder sonst irgend ein Umstand dafür sorgte, dass sich die kleinen runden Pillen, wieder aus meinem Leben verpissten.
Doch nun in Kassel angekommen? Mit diesem Arzt am Start?
Tja, vorab nur soviel, hier erreichte der ganze „Spass“ ein komplett neues Level!

Aber dazu mehr im nächsten Teil.
Euer MadMike

#teil31 #madmike #blechtänzer #turkeyuncut

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Gute Vorsätze fürs neue Jahr …?

Na ja, im Grunde sind sie ja eigentlich eh total für den Arsch, und allerhöchsten soviel Wert, wie die ausgeleierte linke Brusst von der dicken Strassenschwalbe Olga, die im 15 Minuten Takt, männliche Fleischmikrofone auf dem versifftem Bahnhofsklo, zum explodieren bringt.

Dennoch hab ich einen Vorsatz: Meine verdammte Geschichte hier endlich weiterzuerzählen! 

Das bin ich mir, Euch und vor allem der fetten Olga einfach schuldig. Ich werd mein bestes geben im neuen Jahr endlich neue Teile rauszuhauen.

Wünsch Euch Allen schöne Feiertage,

Mike

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Denn sie wissen nicht was sie tun…

Die Demokratie ist gestürzt – das totalitäre System an der Macht. Der Diktator Namens Sucht tyrannisiert sein Volk. Er befiehlt, wir folgen. Schlimmer als je zuvor.

Doch nichts ist mehr wie früher. Wo ist es hin, das gute Gefühl? Der warme Schutzmantel, das tolle High? Wo ist sie hin, die verdammte Illusion der endlosen Freiheit, gepaart mit dem ultimativen Ego Boost?

Alles futsch! Nichts mehr da, außer dem auf links gedrehten Magen inkl. schlechtem Gewissen, welches sich selbst mit ’nem fünfer Beutel feinstem China White nicht mehr ins Jenseits ballern lassen würde. Ist es der Stoff oder ist er derjenige? 

Es funktioniert einfach nicht mehr. Die einzige immer dagewesene Konstante hat den Schwanz eingezogen. Was zum Teufel macht man, wenn die Droge nicht mehr funktioniert, doch der Tyrann immer noch da ist? Paradoxe Sache das! Unlogisch und einfach nur abgefuckt! 

Bis spät in die Nacht konsumiert er zwanghaft Krümel für Krümel. Lässt das braune Pulver verflüssigt, über die, mit schwarzen Ruß verschmierten, Bleche laufen. Nur das Flackern des fast ausgebrannten Teelichts und das kleine Oberlicht, der mit viel Geschirr voll gestellten Spüle, werfen einen kleinen Lichtkegel in die dunkle Küche.

Er hockt vor dem schmalen Eckfenster und pustet angestrengt nach und nach den Qualm des Heroins, gepaart mit dem des Tabaks, hinaus. Zehn, fünfzehn oder zwanzig Feuerzeuge, neben Fetzen von Alufolie, Tabakfiltern und Blättchen, vor ihm liegend auf dem weiß grauen Fliesenboden verteilt.

*Klick*… *Klick* … *Klick*  

Genervt geht er Alle der Reihe nach durch, bis er schließlich eins erwischt welches noch nicht ganz den Geist aufgegeben hat. Die kleine Flamme reicht aus um die nächste Bahn Shore in Qualm aufgehen zu lassen. Diese Prozedur, dieses fast schon heilige Ritual – Früher Gold – heute maximal der Gegenwert eines ausgekotzten Haufen Scheiße.

Das Tier starrt ihn an. Fixiert ihn seit Minuten schon, mit seinen grüngrauen Augen. Ohne zu blinzeln, schaut nicht ein Mal weg, als wolle er ihm sein schlechtes Gewissen links und rechts um die Ohren pfeffern. 

Die letzte Bahn, die letzten kleinen Punkte – Alles muss in Rauch aufgehen! Stechende Brust. Verkrustete, mit schwarzem Teer überzogene Lungenflügel und aufgedunsene Leber.   Unkaputtbar oder wie war das noch? Kleine naive Fotze  – War früher und ist lange her! Schmerzend und bettelnder Körper, doch Wünsche aus dieser Richtung werden seit langem gekonnt ignoriert.  Der Kopf ist der verfickte König.

Vor dem letzten Gramm schon, hätte er aufhören können. Die Rezeptoren mehr als bis zum Anschlag gesättigt. Das Blech beiseite legen und sich genüsslich zurücklehnen können. Doch STOP! Genuss?!?  Falsches Wort, falscher Kontext. Substituieren wir es lieber mit Qual. Und wieder. Paradoxe Sache das!

Warum den Scheiß nicht einfach wegschmeißen? Oft getan! Mehr als einmal hat das Zeug den Scheißpott von innen gesehen. Nur um dann 3 Tage später den Fehler, durch Einkauf der doppelten Menge, wieder gut zu machen. Ich sag’s doch, Man! Paradoxe, abgefuckte Sache das! 

US-Anthropologin Helen Fisher behauptet, der stärkste Trieb der Menschheit sei die Liebe. Überlebenskünstler MadMike behaupte, es sei die Sucht.

Alles muss weg! Nichts darf mehr übrig bleiben. Kein noch so kleiner Krümel darf mehr in der Plastikdose, welcher ursprünglich mal der Behälter für Ohropax war, zu sehen sein. Er kann erst aufhören wenn jedes Blech zusammengeknüllt, den Weg in den verbeulten Mülleimer gefunden hat. Alles nur um Morgen eventuell den einen Tag zu erwischen, an dem er den verfickten Kreislauf nicht erneut zum Laufen bringt. Alles nur um sich die Möglichkeit zu nehmen,  dem verfickten Suchtdruck am nächsten Morgen ein Häppchen zum Frühstück vorzuwerfen. Nur um diesen einen Tag, diesen einen Moment zu erwischen. Einmal durch die richtige Tür zu gehen.

Totale absurde Scheiße! Zu 99,9 Prozent wird dieser eine Tag nicht kommen. Illusion, Wunschdenken, Realitätsverlust. Backflash! Das Band der Kassette dreht sich in Dauerschleife zurück. Wie am Tag zuvor, der Woche und dem Monat zuvor. Du kleiner Spaßt, was in Gottes Namen tust du hier?

Ein Gnadenstoß, ein verfickter Gnadenstoß! Ein Schritt in den freien Fall, ein Atemzug im kühlen Nass, ein goldener Schuss, aufgefangen in dem Schoß singender Engel. Morgen wahrscheinlich und auch übermorgen nicht. Doch irgendwann dann vielleicht. 

Das Leid, der Mut des Einen, der die Eier hat abzudrücken, ist die erbärmliche, angstverzerrte Feigheit des Anderen. Das Bild der Feigen kleinen Ratte, die sich klammheimlich aus dem Leben stielt. Ihr kleinen Wichser ihr! 

Doch wer weiß – Vielleicht ist er ja morgen doch da. Dieser eine Tag, dieser eine besondere Moment.

MadMike 7.09.2017  

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Lebenszeichen..

Die Welt hat immer noch nicht aufgehört sich zu drehen und ich lebe und zucke auch noch ^^

In diesem Sinne einen fetten Gruß an alle Mitleser.

Euer verrückter Mike……

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Teil 30 – Ballern ins offene Bein

Zurück in Konstanz.
Verdammt, was ging mir die scheiss Sucherei auf den Sack. Wie ein Bekloppter lief man Hin und Her nur um die verdammte Nadel im Heuhaufen zu suchen. Chris war verschwunden. Weder nachts, an unserem sporadischen Zeltplatz, noch tagsüber in der Stadt. Keine verdammte Spur mehr von ihm!
Hätte ich für jede Minute, die ich zu der damaligen Zeit, mit Warten und Suchen verbracht habe, einen verdammten Pfennig bekommen, dann wären Geldprobleme definitiv ans Ende meiner Problem Kette gerutscht.
Und so kam es, dass ich mich die kommenden Tage erst mal alleine durchschlagen musste.

Es waren Momente wie diese, in denen einem bewusst wurde, wie mies es doch war, komplett alleine durch seinen, mit viel Liebe und großem Aufwand erstellten Haufen Scheiße, stolzieren zu müssen.
Ohne seinem besten Freund oder wenigstens ’nem Kumpel an der Seite, wurde alles frustrierender, abgefuckter und deprimierender!
Wie sagt man doch so schön? Geteiltes Leid ist halbes Leid.
All die Tage, Monate und Jahre ….. Fuck Man, alleine hätte man diese Zeit wahrscheinlich nur mühsam überstanden.
Doch zu zweit war alles nur halb so schlimm.
Ich meine, wie seltsam dieser Bullshit auch klingen mag, aber zusammen waren wir beide in der Lage, selbst aus den abgefucktesten Situationen, noch etwas Positives und Lustiges zu kreieren. Selbst ’nen stinkenden Haufen Scheiße hätten wir uns wahrscheinlich noch in ein rosarotes Blümchen, gepflückt von dem heiligen Messias selbst, schönreden können.
Und Meister des Verdrängens waren wir beide ja sowieso. Für Alles und Nichts konnten wir uns Rechtfertigungen aus den Ärmeln ziehen.
Das perfekte Team also.
Dennoch, glaubt nicht daß wir uns nicht auch oft genug, gegenseitig ans Bein gepisst hatten.
Nee Man, mehr als einmal kam es vor, dass wir kurz davor waren uns die Köpfe einzuschlagen. Doch ganz ehrlich? Es wäre auch ein wirkliches Wunder, wenn dem nicht ab und zu so gewesen wäre.
Doch was dann letztendlich nur zählte, war dass wir am Ende wieder wie zwei Brüder den Kampf gegen die Verfickte restliche Welt aufnahmen, für einander da waren und uns gegenseitig aus der Scheiße rauszogen.
In einer Welt und einem Umfeld, wo jeder nur an seinen eigenen Arsch dachte, konnten wir uns blind aufeinander verlassen.
Das war mehr wert, Alls alles andere!
Es war mehr als eine Freundschaft! Wir waren wie Brüder und unser Blut war dicker all alles andere.
Bekanntschaften gibt es wie Sand am Meer, doch findet ihr mal solch ein „Exemplar“, dann haltet dran fest. Geben ist mehr als Nehmen in so einer Konstellation.

Und an dieser Stelle noch mal ein paar Worte, Fuck, man könnte es schon fast eine abgewichste Ode nennen. Und zwar an den Menschen, der für immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben wird. . Egal wo du bist, was du machst, wann immer wir uns auch sehen, ich werde immer für dich da sein! Ihr werdet euch vielleicht wundern, denn bis jetzt hat McFly noch keinen meiner Texte gelesen.
Nein Man, erst wenn ich am Ende angekommen bin, werde ich sie ihm zeigen. Ihm diese widmen, denn im Grunde sind das hier unsere Texte. Es ist unsere Geschichte!
Und glaubt mir, es wird noch einiges passieren, womit Ihr nicht rechnen würdet.

 

Einige Tage vergingen, in denen ich mich so durschlug. Rumlaufen, Kohle klar machen, Waren verkaufen und Drogen einkaufen. Arbeitsbeginn 8Uhr morgens – Feierabend 00Uhr Mitternacht. Pausen gab es keine und Bereitschaftsdienst hatte man 24/7 an der Backe.
Dazu kamen noch miese Sozialleistungen und Aufstiegsmöglichkeiten, in Form eines Grabsteins oder dem Knast, gab’s gratis als Zuschlag oben drauf. Von einem Praktikum oder kurzem Reinschnuppern kann ich jedem nur abraten.
Werdet Klempner, studiert BWL oder leistet Entwicklungshilfe in irgendeinem Kaff in Afrika. Mach sonst was, nur strebt keine Karriere in diesem Metier an. Lohnt sich net, ist ungesund und einfach nur für den Arsch!

Es war früher morgen. Nieselregen fegte durch Konstanz. Zusammengekauert quetschte ich mich unter den schmalen Vorstand der Bushaltestelle und war gerade dabei meine obligatorische Tafel Ritter Sport, die ich mir aus dem kleinen Supermarkt, unten am Ufer ausgeliehen hatte, zu vernichten.

„Den Typen kennste doch!“, dachte ich mir, während ich auf die letzte Reihe des Linienbusses, der soeben vorfuhr, schielte. Und tatsächlich, mit einem lauten Quietschen der Hydraulik öffnete sich die hintere Tür, der gute McFly hüpfte hinaus und lief mir grinsend entgegen.

Es dauerte nicht lange, und er fing an mich zu überreden mit ihm zurück nach Überlingen zu kommen.
Doch ich entfernte ich mich nur ungern von der Quelle, aka Konstanz, der verfickten Spielhalle, in der braunes Pulver in viel zu kleinen Mengen für viel zu viel Bares den Besitzer wechselte. Nee Man, der Aufwand um von Überlingen hierher zurückzugelangen, war einfach viel zu groß. Vor allem mit ’nem Turkey in den Knochen. In dem Zustand war einem nun mal alles Zuviel und seinen, vom Affen geschwächten Körper 20 Kilometer ins Nächste Dorf zu schleppen ist unmenschlich und sollte mit der Todesstrafe sanktioniert werden.
Doch der gute McFly schaffte es ’nen ordentlichen Anreiz für den Umzug zu kreieren.
Anscheinend wartete ein Batzen Kohle auf Ihn und so stimmte mich der Ruf des Geldes, dann schließlich doch um, Konstanz zu verlassen und mit ihm zurück nach Überlingen zu fahren.
Rückweg Überlingen!
Die letzten Meter liefen wir zu Fuß, da der Fahrer des kleinen grauen Transporters, den wir schon auf der Fähre angesprochen hatten, uns kurz vorher an einer Straßenecke rauswarf.
Natürlich dauerte es nicht lange, bis sich die Knochen in meinem Körper anfingen zu drehen und den Versuch starteten, mir mit Unwohlsein und leichten Schmerzen klar zu machen, mal bitte ganz schnell für ’n dicken Nachschlag zu sorgen.
Der letzte Druck lag viel zu lange zurück und es war nur ’ne Frage der Zeit, bis sich mein restlicher Körper der kleinen Privatparty ohne großer Überredungskunst anschließen, und der Affe die volle Kontrolle übernehmen, würde.

„Wieviel Kohle hast du? Die hatte Euch einfach so ’n Typ in die Hand gedrückt, damit Ihr dem „was“ klar macht??“, ich zog mir den Rotz zurück hoch, der gerade dabei war meine Nasenhöhle als Spielplatzrutsche zu nutzen.

 

„Ähm, ja Man. ‚N paar Blaue. Der Typ will ’ne dicke Platte Hasch haben und natürlich hab ihm gesagt, dass wir das „Beste“ im Umkreis von 100 Kilometern klar machen können. Die Kohle ist aber noch bei der Schwester von Phil und die müssen wir erst noch holen.“, erwiderte McFly.

 

Phil bzw Philipp war ’n junger Kerl, mit dem McFly die letzen Tage in Überlingen verbracht hatte. Während ich weiterhin die Shore Welle in Konstanz ausgiebig und mit viel Hingabe ritt, feierten die beiden, auf jeder nur möglichen alternativen Droge, die gerade halt verfügbar war.
„Ja, dann lass uns schnell die Kohle besorgen und rüber nach Zürich fahren! …. Oder?“, ein Gähnen welches mir fast den Kiefer ausrenkte, ließ meine letzten Worte nur ansatzweise erahnen.

„Was? Ähm, ja klar, machen wir!“, die Antwort kam zwar etwas zögernd, doch reichte aus, um meiner Energie wieder etwas Aufschwung zu bescheren.
Ankunft Überlingen!
Nachdem drei hintereinander gekaufte Eis beim Italiener meinen Hunger besänftigt hatten, war es definitiv Zeit für die Hauptspeise.

„McFly! Komm man, lass uns los die Kohle holen!“, ich zündete mir die soeben geschnorrte Kippe an.

„Ähm ja Man. Wir müssen noch was warten..Ähm, ich meine, wir müssen erst die Schwester anrufen, bzw. erreichen.“, stammelte er vor sich hin.
Okay den Enthusiasmus, den McFly an den Tag legte, was die Sache betraf, gefiel mir nicht so richtig aber ich fand mich damit ab und konzentrierte mich auf das Wesentliche.
„Dann auf zur Telefonzelle.“, erwiderte ich umgehend.

Dort angekommen, unten am Ufer des Bodensees, ging das Spiel dann los.
Immer wieder wählte McFly eine Nummer, doch kam letztendlich nie durch.
Ständig kam irgendeine Ausrede. Die Schwester kommt gleich, sie muss doch noch weg, ihr Auto sei stehen geblieben, etc. etc.
So lief das Ganze also für die nächsten zwei bis drei Stunden in Dauerschleife ab.
Mir ging das Alles extrem auf den Sack. Mein Körper randalierte und von Minute zu Minute wurde ich unruhiger.
Ich war letztendlich kurz davor, wieder alleine zurück nach Konstanz zu fahren, als McFly schließlich einwilligte, mit Phil zusammen, zu seiner Schwester zu fahren.
Ein fetter BMW reagierte endlich auf unsere ausgestreckten Daumen. Der Grund dafür war aber wohl eher, dass der Fahrer Phillip vom Sehen kannte, alls die Optik unserer wohlgeformten Ärsche.
Die Fahrt dauerte nicht lange und so standen wir einige Augenblicke später, vor einem kleinen Einfamilienhaus. Natürlich sollte ich kurz warten, und die beiden verschwanden kurze Zeit darauf.
Ganz ehrlich? Ich erwartete nicht sehr viel. Um genau zu sein, gar nichts, denn nicht erst seit ein paar Minuten hatte ich das Gefühl, dass an der ganzen Geschichte mit der Kohle etwas faul war.
Umso mehr war ich von der kommenden Aktion überrascht.
Das breite Grinsen, welches sich diagonal durch McFly’s Fresse zog und er gerade zum Besten gab, als die beiden zurück um die Ecke des Hauses kamen, kannte ich nur allzu gut und ließ doch tatsächlich Positives erhoffen.
Ohne was zu sagen, griff er in die Hintertasche seine Jeans und wedelte kurze Zeit später mit einem fetten Bündel blauer Scheine, vor meiner Nase umher.

Es ist schon wirklich erstaunlich, wieviel Aufschwung einem vom Affen geschwächten Körper, alleine nur die „Aussicht“ auf Drogen geben kann. Wirklich verdammt erstaunlich. Dein Kopf spielt die verdammte Hauptrolle und der Körper den Statisten, in der Dreigroschenoper, die sich Sucht nennt.

Freudig knutsche ich McFly mehrmals ab und dann machten wir uns auf in Richtung Zürich.
Doch Moment!
Die Kohle??? Tja, von wegen, die war gar nicht von dem Typen, der Dope wollte. Das Haus, vor dem wir da standen?
Nee Man, da wohnte noch nicht einmal die Schwester von Phil.
Oh ja, die Story hatte der gute McFly nur erfunden um mich irgendwie wieder zurück nach Überlingen zu holen.
Da McFly mich nun mal besser als jeder andere kannte, wusste er genau dass es mehr als nur ein paar Worte bedurfte um meinen Arsch weg aus Konstanz, dem einzigen Ort, an dem es unser heiß geliebtes Pulver gab, zu befördern.
Im Grunde gab es nur zwei Dinge. Shore, oder das Mittel zum Zweck: „Bares“.
Der gute alte McFly entschied sich somit für Lockmittel Nr.2.
Mit ein paar Scheinen wedeln und den gierigen Fisch beim Haken packen, so ungefähr nach dem Motto.
Erst Monate später erzählte er mir woher die Kohle wirklich kam.
Tja, ich sag nur Trampen, fetter BMW, Rücksitz, dickes Portemonnaie, leeres Portemonnaie.

 

Ankunft Zürich aka Junk-City!
Mittlerweile kannten wir auch hier schon die ein oder anderen begünstigte Stelle, welche zum ungestörten Konsumieren einlud. Natürlich konnte man sich, wie auch oft getan, mitten auf den Letten, das Pulver seiner Wahl in die Venen jagen, doch wir hatten kein Bock auf Stress, sei es in Form von Bullen oder stressigen Mitsüchtigen. Und außerdem wollten wir Koks in Form von Cocktails genießen und unsere Ruhe haben. Der Plan war deshalb erst mal für die eine Hälfte der Kohle Dope einzukaufen und dann wieder, zu einem unserer Plätze, zu verschwinden.
Und genau jetzt muss ich Euch noch von einem Ereigniss erzählen, welches sich mir, und wohl auch McFly, noch bis heute, fest wie ein gemaltes Bild in unseren Köpfe eingebrannt hat.
Ein Bild, welches das ganze Elend und Übel einer Sucht, auf ein Einzelnes reduzierte und zum Besten gab!

Wir näherten uns der kleinen Brücke, die über den Letten, bzw. die alten ausrangierten Bahngleise führte.
Eine Straße, auf beiden Seiten Bürgersteige und eine Treppe, welche direkt nach unten in die Hölle oder auch das Paradies führte. Was von beidem liegt wohl im Auge des Betrachters.
Genau hier, auf einer der unteren Stufe saß er. Ein Typ, dessen Optik wirklich nur jedes möglich verfügbare Klischee eines Heroin Junkies der 80/90er Jahre bediente.
Wir marschierten die Treppe weiter hinunter und quetschen uns an ihm vorbei. Und dann erst sahen wir das ganze Elend.
Bei unseren Ausflügen durch die Weltgeschichte erlebten wir oft abgefuckte Situation, sahen üble Sachen, doch dieser Typ hier, sicherte sich definitiv einen Platz auf dem Siegerpodest, was dies betraf.

Er hatte seine Jeans ausgezogen und saß nur noch in Unterhose, da.
Überall war Blut, auf den Treppen lagen kleine Hautfetzen und anderes undefinierbares Zeug.
Er war so vertieft, in dem was er tat, dass es einen Augenblick dauerte, bis er uns bemerkte.
Er hob sein eingefallenenes Gesicht nach oben und seine großen Glubschaugen, die aus den tiefen dunklen Augenhöhlen herausragten, starrten uns kurz an.
Seine grau-gelbliche Haut, hing über seinem Körper wie ein loser Lappen Leder.
Dann, also sei es das Normalste der Welt, widmete er sich wieder voll und ganz seinem Projekt „Vene lokalisieren“.
Er setzte die, schon mit dunklem Blut gefüllte Pumpe, erneute an. Bis hier hin ein ganz normales Bild der damaligen Zeit und auf dem Letten sowieso stinknormaler Alltag.

Doch dann sahen wir sein Bein.
Sein verficktes Bein, dieses Bild werde ich nie vergessen, war komplett offen!!
Und zwar so weit, dass man wirklich schon die offenen Venen und Arterien sehen konnte.
Wie die Saiten einer Gitarre, baumelten diese, von Fleisch und Muskeln umgeben, herum und der arme Kerl stocherte immer wieder erfolglos in diesem Loch herum.
Es war eine reines Blut Massaker, welches er dort veranstaltete.
Fast die ganze Innenseite seines Oberschenkels war betroffen.
Immer wieder pulte er mit seiner linken Hand in dem offenen Bein herum, um dann erneut den Versuch zu starten, eine Vene zu lokalisieren und auf „Blut“ zu stoßen.

Fuck-Man, bevor ich selbst zum Heroin Junkie wurde, war „pures Unverständnis“ alles, was ich für diese Gattung Mensch aufbringen konnte. Ich dachte mir immer, wie zum Teufel kann man sich denn sein eigenes Grab schaufeln und von der verdammten Loge aus dabei zusehen, wie man sich und und sein Leben Stück für Stück gnadenlos zerfickt? Absolut lächerlich so was! Ja Man, Gedanken wie diese waren es, bevor ich selbst dem Zeug verfiel und mich diesem mit Leib und Seele verschrieb.
Tja, und wie zum Teufel soll man einem 0815 Mensch denn bitte so ein Bild erklären?
Wie soll man dies rechtfertigen.
Kann man so ein Verhalten denn nicht nur mit Schwäche und Dummheit abtun?
Nee Man, egal wie schwer es zu verstehen ist, all diese Attribute passen dazu nicht.
Unverständnis ist das Letzte, welches man aufbringen sollte.
Diese Macht, diese Sucht ist einfach unbeschreibbar, doch sie ist verfickt noch mal Real!

Der Schweiß tropfte ihm aus seinem Gesicht. Es war ein Schauspiel purer Verzweiflung, welches sich uns dort offenbarte.
Er stöhnte, fluchte und schluchzte, währen er die Nadel immer wieder erneut in sein offenes Bein rammte. Es klappte und klappte und klappte einfach nicht.
Seine alten Pumpen und Nadeln lagen wild durcheinander verstreut vor ihm auf dem Boden, und immer wieder wechselte er die, von Blut verstopfte Nadel gegen eine andere aus. Spritzte die ganze Suppe zurück auf seinen, mit Ruß und Dreck verschmierten Löffel, rührte herum, um sie erneut aufzuziehen und das Prozedere im Loop zu wiederholen. All dies, nur um den Kampf gegen die Zeit, in Form von geronnenem Blut, zu gewinnen.
War dies einmal der Fall, dann war’s dass und er konnte die ganze Suppe allerhöchstens noch,  vorausgesetzt er war schnell genug, runterschlucken, um wenigsten etwas davon aufzunehmen.

Oft genug habe ich es mitterlebt, dass Druffis in so einer Situation, voller Verzweiflung sich die, mit Blut verklumpte Pumpe, einfach subkutan ins Gewebe rammten. Schmerzhaft, übel und ganz gefährlich!
Bei dem ganzen Dreck der im Umlauf war, war dies wirklich die allerbeste Voraussetzung, um in den Genuss eines schönen fetten Abszesses zu gelangen.
Genau so einen Abszess, der bei diesem armen Kerl hier wahrscheinlich einmal die Ausgangsbasis für dieses leckere offene Bein war.
Nicht ordentlich behandelt, entzündet er sich, gedeiht froh und munter weiter und das Endergebnis hatten wir hier auf dem Silbertablett serviert bekommen. Der nächste Schritt währe dann wohl die Amputation, wenn man Pech hat.
Absolut schlimm!
Was Abszesse an ging, hatte ich zurückgeblickt eigentlich immer ein verdammtes Glück. Natürlich hatte ich mir mehr als einmal ein fettes Ei geballert, und auch entzündet hat es sich das ein oder andere Mal, aber alles ist zum Glück immer wieder gut verheilt. Aber na ja, Glück stand sowieso ganz oben auf unserer Liste.

Was dieser Typ hier gerade durchmachte …. man kann es sich wirklich nicht vorstellen. Es gibt einfach keine Worte, um es  jemanden verständlich zu machen. Jemanden der dieses Gefühl nicht kennt. Es ist einfach unbeschreiblich!
So nah dran um seinen schlimmen Affen, seinen Horror Entzug, den er vielleicht schon seit Stunden oder sogar Tagen mit sich rumschleppte, endlich zu besiegen, doch gleichzeitig Kilometer weit entfernt.
Ich meine, gottverdammte Scheiße! All diese Sachen, die Umstände, welche Süchtige auf sich nehmen und akzeptieren … ich meine, all das müsste Grund genug sein, um die Macht dieses Pulvers, die Hoffnungslosigkeit so einer Sucht, so einer Krankheit, zu rechtfertigen. Es müsste voll und ganz ausreichen, um dies alles offiziell zu einer Erkrankung zu erklären, und nicht nur alls Willensschwäche abzutun. Es müsste voll und ganz ausreichen um die ganze Drogenpolitik zu revidieren und neu zu verfassen.
Es ist nun mal ein Fakt ohne Wenn und Aber, dass Sucht eine Krankheit ist! Wo diese anfängt, oder aufhört ist vielleicht schwer auszumachen, dies aber zu leugnen grenzt schlicht und einfach an Dummheit!

Doch jetzt das Krasse!
Nachdem wir unser Arsenal, welches wie immer aus Koks und Shore bestand, aufgefüllt hatten, ging es wieder zurück. Wir verbrachten bestimt eine dreiviertel Stunde oder ‘ne Stunde auf dem Letten. Es dauerte seine Zeit bis wir den richtigen Dealer fanden und ‘ne kleine Nase gönnten wir uns dann doch noch direkt auf der Szene.
Und als wir schließlich wieder den gleichen Weg zurück kamen, da saß dieser arme Kerl doch tatsächlich immer noch an der gleichen Stelle und war immer noch dabei in seinem Bein herum zu stochern. Wir konnten es echt nicht glauben! Der Typ hatte es immer noch nicht geschafft sein Zeug in seiner Venen zu verschießen. Er war total fertig! Die Treppe sah noch um einiges schlimmer als vorher aus und er war kurz davor durchzudrehen.
Wir blieben kurz stehen und machten dann ’nen kleinen Umweg, um über eine andere Treppe hoch auf die Brücke zu kommen.
Der restliche Tag verlief ohne weiter Vorkommnisse. Wir verballerten unsere Kohle komplett und mit ein bisschen auf Tasche, ging es zurück Richtung Überlingen.

Aber Fuck Man, das war dies wirklich das letzte krasse Bild, welches mir vom Letten in Erinnerung geblieben ist. Der Typ auf dieser Treppe!
Danach waren wir nur noch einmal auf der Szene in Zürich. Sporadisch, nur um kurz aufzutanken, bevor wir uns dann wieder Richtung Heimat verpissten
Denn bald war das Kapitel Bodensee endgültig abgehakt. Nur soviel, das nächste Kapitel, der nächste Ort, der uns mit offenen Armen empfing, hieß „Kassel“.
Und dort sollte der Absturz erst richtig beginnen. Ein neues Level erreichen.
Zumindest für mich. Aber dazu später mehr.
Noch waren wir hier und Köln war vorerst auch noch für einen kleinen Zwischenstopp geplant.

McFly und ich machten nun also erst mal wieder vereint, zusammen Konstanz unsicher. Immer wieder hielt ich Ausschau nach ihm, doch Marc tauchte nach unserem letzten Zürich Trip einfach nicht wieder auf.
Der Alltag beschränkte sich  wieder auf den üblichen 24 Std. Job. Fuck Man, ein Jahr auf der Straße konnte man locker mit fünf „normalen“ Jahren vergleichen.
Tja, und so kam es, das selbst wir mal wieder an den Punkt kamen, von allem die Schnauze gestrichen voll zu haben.

Das kleine popelige zwei Man Büro, mit der Aufschrift  „Drogenhilfe“ sah nicht gerade sehr einladend aus und man merkte sofort das die Stadt ihr Jahresbudget definitiv in andere Bereich anlegte.
Mit seiner Franzosen Mütze, 6 Tage Bart und an beiden Ohren baumelnden Ohrringen, sah der ältere Typ, der uns grinsend hinein bat aufjedenfall so aus, als müsste er hier selbst, in regelmäßigen Abständen, seine Hilfsangebote auf Herz und Nieren testen.
Er brauchte nicht allzu lange um zu checken weshalb wir vor ihm standen.
Unsere Optik, gepaart mit den nicht mehr vorhandenen Pupillen, sprach ihre eigene Sprache.
Zwei junge Junkies, die sich freiwillig zu Entgiftung anmelden?
Wenigstens erkannte er ziemlich schnell, das dies ein Moment geprägt von Seltenheit war und das so ein Zeitfenster für diese Entscheidung mehr als nur begrenzt war. So kam es, dass wir nach zwei oder drei Telefonaten, doch tatsächlich noch am selben Tag, in einer Einrichtung aufgenommen wurden.

Ich glaube es war auch die einzige Einrichtung rund um Konstanz, in der Junkies und Alkis probierten den Kampf gegen Ihre ganz persönlichen Dämonen aufzunehmen. Soweit ich mich erinnern kann, waren es drei oder vier kleinere Baracken, welchen um ein Krankenhaus herum verteilt, aufgebaut waren. Dort, in verschieden Suchtkategorien eingeteilt, durfte man sich also zwei bis drei Wochen mal so richtig auskotzen, um dann am Ende körperlich gereinigt, wie ein neu geborener Mensch dazustehen. Doch in unserem Haus waren wir gemixt mit Alkis, da es anscheinend an Platz mangelte. Ich kann mich deshalb daran erinnern, weil ich noch weiss wie wir uns aufgeregt hatten, das die Alkis nach drei Tagen das Recht hatten, sich frei auf dem Gelände zu bewegen, während für uns Drogis die ganze Zeit über striktes Ausgangsverbot herrschte.
Abgesehen davon, wie fast überall damals, hielt man sich auch hier gnadenlos an das Motte „Kalter Entzug!“
Fucking hallelujah! Unser Motto, quäl dich gesund. Keine Pillen, die dir etwas Erleichterung verschaffen, nichts zum Schlafen, geschweige denn Opiate zum langsamen abdosieren. Nee Man, nur Du, dein Bett, dein Klo und deine Innereien, welche froh und Munter, den Abgang aus sämtlich verfügbaren Körperöffnungen machten.

Na gut, etwas Luft und Liebe gab’s auch noch gratis obendrauf. Das war’s! Alles darüber wäre nunmal Luxus, den man Süchtigen damals eben nicht zusprach. Ich weiss noch, dass es in ganz Deutschland irgendwann eine einzige Klinik gab, die einen sogenannten „warmen“ Entzug praktizierte. Glaub mit DHC (DehydroCodein). Dort aufgenommen zu werden, glich in etwa einem Sechser im Lotto. Die Wartezeiten waren unendlich lang, und das hatten wir ja schon. Alleine „eine Woche“ kann in dem Leben eines Süchtigen die Welt bedeuten. Alles und Nichts kann in dieser Zeit passieren.
An einem Tag noch die besten Vorsätze sein Leben komplett umzukrempeln, so war es doch glatt möglich, 24 Stunden später, vollgepumpt mit jeder nur denkbaren Droge, in dem Bett einer russischen Nutte, am anderen Ende der Welt, aufzuwachen. Inklusive Herpes an den Eiern und ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, wie man dort gelandet ist. Um es mal grob auszudrücken.

Natürlich ist so etwas nicht leicht umzusetzen, doch wenn ein Schwerstabhängiger sich dazu entscheidet sein Leben zu ändern, es wagt den alles entscheidenden Schritt zu gehen, dann muss Hilfe sofort bereit stehen, denn das Zeitfenster ist klein und kann sich nun Mal jeden Moment wieder schließen.
Doch Sucht wie eine Krankheit zu behandeln, davon war man damals noch weit entfernt.

 

Tag 1, Tag 2 und Tag 3 beglückten uns mit dem Üblichen.
Die Beziehung zu dem Klo, welches sich glücklicherweise sogar mal innerhalb, unseres steril eingerichteten fünf Mann Zimmer befand, wurde vertieft und gefestigt. Und als wäre es nicht schon genug Anstrengung, sich auf dieses mit allerletzter Kraft zu schleppen, so nervten uns auch noch die lieben Angestellten mit dem Therapie Bullshit vom ersten Tag an. Ich meine, es gibt für alles die richtige Zeit und Ort, aber wenn Ihr uns schon ’nen kalten Affen schieben lasst, dann gönnt uns doch wenigstens die ersten 4 bis 5 Tage Ruhe, bevor Ihr uns wieder auf den Pfad der Tugend bringen wollt.
Nix da, so mussten wir uns 3mal am Tag, aufgeteilte in zwei kleinen Gruppen, im obligatorischen Kreis zusammensetzen und unsere abgefuckten Hirne in Selbsttherapie analysieren. Wut – Trauer – Angst -Zweifel – Hass … Ein buntes Potpore an Gefühlen in Kombination mit dem körperlichen Symptomen, prasselte auf einen nieder. Leer und ausgesaugt, dem allmächtigen Schutzschild entrissen, so fühlte ich mich in so einer Situation. Ich konnte so etwas nie gut, und in so einem Zustand schon gar nicht.
Ach was soll’s. Hier mal ’ne kurze Zusammenfassung:

Tag 1:
Turkey im Anmarsch! Ankunft gegen Abend. Nistete sich ein, fühlte sich wie zu Hause und wollte sich partout nicht mehr verpissen.
Natürlich kam er wie immer, mit seinen besten Freunden im Anhang. Die da wären, Dünnschiss, Krampfanfall, Schweißausbruch und Kopfgeficke.
Die Gähnerei begann. Frierend unter Decke fielen wir in die ersten kurzen Schlafepisoden. Leider nur bis zur Nacht. Denn die wurde komplett zweckentfremdet und an Schlaf war nicht mehr zu denken.

 

Tag 2:
Körperfunktionen versagten auf ganzer Linie. Das Klo wurde unser bester Freund – wir beiden öffneten uns ihm voll und ganz.
Die Kraft versagte gnadenlos. Kleine Bewegungen oder Anstrengungen quittieren unsere Körper mit ’nem radikalen Totalausfall!
Das Bett unser bester Freund und schlimmster Feind.

 

Tag 3:
Kurz vor Peak! Jede Bemühung um irgend eine Erleichterung zu ergattern, sei es nur für eine verdammte Baldrian Tablette, wurde mit ’nem müden Lächeln der beiden Schwestern abgewimmelt!
Die Quälerei schaukelte sich langsam hoch, Richtung Höhepunkt. Man schwitze und friert simultan und wir gaben alles, um unsere Mageninhalte nicht schon auf dem Weg zum Klo Gassi gehen zu lassen.

 

Tag 4:
Totaler Peak! Schlimmer gings nicht mehr! Total am Ende! Neben gemütlichen Kotzorgien und fröhlichen Krämpfen gesellte sich nun auch noch der hinterlistigste aller Protagonisten dazu. Die Kirsche auf der Sahne sozusagen. Geselle „Kopffick“ schlich sich hinterlistig in unsere Bettchen und bohrte sich wie ein Parasit in unsere angeschlagenen Köpfchen. „Geh! Steh auf! Quäle dich nicht länger hier ab!“, flüsterte er mir in meine verschwitzen Ohren.

 

Und dann, am Morgen des fünften Tages passierte das, was jeder Süchtige nur allzu gut kennt.
Es machte „Klick“! Das verfickte Teufelchen auf der Schulter gewann den Kampf und man schmiss alles hin. 5 Tage für Nichts und wieder Nichts! 
Ein Trauerspiel seinesgleichen!
Folgende Konversation spielte sich also kurz darauf zwischen McFly und mir ab:

„Alter …….“, ohne Pause drehte ich mich von links nach rechts in meinem komplett durchwühlten Bett.

„Was? Hast du was gesagt??!!“, krächzte McFly, der sich in dem gegenüberliegenden Bett abquälte.

„Ahh.. Ich …. Ähh ….?!“, stöhnte ich erbarmungslos.

„Ja???? Was?? Was meinst du???? „, …….

„Alter, irgendwie … Ich weiss nicht ….“, ………

„Ich weiss, ich weiss. Sollen wir?“, ……..

„Hmm.. Ahhh …. Hmm …..  Ja, Okay Man!“, …….

Keine fünf Minuten später, standen wir beide angezogen vor dem Zimmer der Pfleger, hauten ein „Wir sind dann mal weg!“, heraus und verpissten uns kurz darauf. 
Beim Verlassen konnten wir noch den Satz, „Passt bitte auf! Eure Toleranz ist gesunken und so passieren die meisten Unglücke!“, wahrnehmen, den uns einer der Pfleger hinterher rief.

Die kommenden Stunden kannten wir nur allzu gut.
Es gab wirklich nichts schlimmeres, als in so ’nem miserablen Zustand in die verdamme Ungewissheit zu marschieren. Ohne einen Pfennig auf Tasche, nur mit dem einen Ziel vor Augen. Mit allen Mitteln, ohne Rücksicht auf Verluste, diesen Horrorzustand wegzudrücken.
Nachdem wir uns den Berg hoch zur Bushaltestelle geschleppt und den Gehweg in unregelmäßigen Abständen, symmetrisch und farbenfroh mit unsere Kotze verschönert hatten, ging es geradewegs weiter zur Spielhalle, wo wir irgendwie unser Lebenselexir ergatterten.
Es gab immer einen Weg. In diesem Zustand mobilisierte man alles an Kräften was noch da war, alles was noch möglich war, nur um irgendwann das heiß ersehnte Päcken in seinen Händen zu halten. 

Also wieder mal versagt! Nach weiteren zwei oder drei Wochen des Dauerkonsums in Konstanz und Überlingen, kam es dass wir uns wieder Richtung Köln verpissten.

Grund dafür war ein dickes Bündel Bargeld.
Ein paar Typen aus dem Nachbarort suchten uns doch tatsächlich auf und servierten uns ein paar blaue Scheine förmlich auf dem Silbertablett, mit der Bitte Ihnen ’ne größere Menge Dope oder Pillen klar zu machen.
Wie das ausging könnt Ihr Euch natürlich denken.
Aber mal ehrlich… Wer zum Teufel drück bitte zwei hochgradig süchtigen Typen, so viel Kohle in die Hand?
Wir hatten damals unseren puren Überlebensmodus aktiviert und da war es klar dass wir die Kohle nahmen und uns, mit ein paar lieblichen Versprechungen, verpissten. 
Tja so landeten wir also, nach ’nem dreitägigen Zwischenstopp auf dem Letten, welcher definitiv der letzte sein sollte, wieder in dem guten alten Köln.
McFly hatte das Glück Asyl bei seinen Eltern gewährt zu bekommen. Zumindest für die ersten Nächte. Für mich dagegen sah es mau aus und die Türen blieben verschlossen.
Für meine Mutter war ich ein rotes Tuch. Und ganz ehrlich? Auch wenn ich damals vielleicht sauer war und es ihr übel man, so kann ich es heute voll verstehen.
Es war meistens so das zumindest einer von uns beiden das Glück hatte zu Hause pennen zu können bzw. zu dürfen. Und so gab es wenigstens manchmal die Möglichkeit, irgendwie für den anderen dort mit unter zu kommen.
Wobei ich muss sagen, die ganze Nacht in seinem Bettkasten zu verbringen war nicht gerade die bequemste Art zu ratzen. Denn offiziell hätte weder ich bei McFly noch er bei mir pennen können. Die Zeiten waren schon lange vorbei.
Na ja, der Bettkasten war immerhin noch besser, als sich draußen den Arsch ab zu frieren.
So vergingen also weitere Monate mit dem üblichen Bullshit.
Eines Tages trafen wir meinen Vater in Dellbrück.
Es war später am Abend und er kam gerade von der Arbeit. McFly und ich saßen auf einer der Bänke an der S-Bahn und ließen uns gerade den letzten Druck Shore durch den Kopf gehen.
Wir waren froh, als er hielt und wir uns in das aufgewärmte Auto setzen konnten. Immerhin war es gerade Winteranfang.

Natürlich war es klar, dass es nicht lange dauerte bis mein alter Herr anfing, uns in unsere Gewissen zu reden.
Doch ehrlich? Wir waren gerade mal selber wieder an dem Punkt die Schnauze, von diesem Leben, komplett gestrichen zu haben.
Es war einfach, verfickt noch mal, viel zu anstrengend! Die Droge selbst war nur ein ganz kleiner Teil. Nein mann, dieses Verfickte drumherum war das Problem! Zumindest was die Shore betraf. Beim Koks sah die Geschichte noch mal ganz anders aus, was ihr in den nächsten Teilen auch erfahren werdet.
Die ständige Jagd nach der Kohle, diesen 24 Stunden Job hielt man einfach nicht lange durch.
Naja, und so kam es, dass wir uns mal wieder dafür entschieden eine Entgiftung in einer Einrichtung starten zu wollen. Und täglich grüßt das Murmeltier oder wie?
Die wievielte? Fragt mich nicht, ich habe irgendwann aufgehört mitzuzählen. Ganz abgesehen von den Versuchen, die wir auf eigene Faust starteten.

So fuhr mein alter Herr also mit uns durch die Gegend mit dem Ziel uns zwei, noch in dieser Nacht, irgendwo einzuliefern.
Erster Stopp war Köln-Merheim. In der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses wurden Entgiftungen für Alkoholiker und Drogisten durchgeführt.
McFly und ich stiegen aus und marschierten Richtung Eingang, welcher um diese Zeit schon verschlossen war.
„Abend. Wie kann ich Ihnen helfen?“, ertönte es aus dem Lautsprecher der Freisprechanlage
„Ähm, Abend. Tja ähh, mein Freund hier und ich … Wir beide sind süchtig und würden gerne…. Ähm … uns gerne die Sucht austreiben lassen. (orig Zitat etwas abgeändert)“, beide Hände in der Hosentasche, lehnte ich mich leicht nach vorne gebeugt mit meinem Kopf gegen die Glaswand.
Einen Moment lang war Stille und nur das Knacken der Sprechanlage war zu hören.
„Tja, das ist wirklich schön, dass Sie sich dafür entschieden haben. Aber wie stellen sie sich denn das bitte vor?! Sie können doch nicht einfach so, mitten in der Nacht hier auftauchen und …….. Ähm also nein, ich kann da jetzt  so nichts machen. Sie müssen sich morgen ganz offiziell bei der Annahme melden. Sie kommen dann auf eine Warteliste und …. “
„Warteliste? Das heißt wie lange?“, McFly stütze sich mit seinen Ellenbogen an meiner Schulter ab und unterbrach die etwas hektisch und sehr jung klingende Stimme.
„Na ja, das ist schwer zu sagen. Aber aktuell können Sie sicher mit einem bis anderthalb Monate rechnen.“, ertönte es zurück.
„Fuck …. in einem Monat? Da kann sich die verdammte Welt aufgehört haben zu drehen.“, erwiderte McFly mit genervt der Stimme.
„Wissen sie was in dem Leben eines Süchtigen, in einem Monat alles passieren kann? Wir brauchen jetzt Hilfe!“, ergänzte ich und schob McFly beiseite, der immer noch vorgebeugt über dem Lautsprecher hing.
„Ja. Ich weiß dass das nicht einfach ist. Aber nur weil sie jetzt und hier gerade mal wieder den Wunsch verspüren Aufhören zu wollen, sollen wir nun für sie hüpfen? So funktioniert das halt nicht. Es gibt da nun mal Regeln. Da können wir jetzt leider nichts machen. Einen schönen Abend noch und passen Sie gut auf sich auf.“ Der Lautsprecher knarzt kurz und danach war Stille.

 

Wir zündeten uns ’ne Kippe an, schauten uns eine Zeit lang fragend an und marschierten dann wortlos zurück zum Auto.
Im Wagen zog sich das Schweigen noch eine Weile hin, bis mein Vater schließlich den Wagen startete und von dem Krankenhausgelände fuhr.
„Synanon!“, ertönte es nach einer Weile aus dem Mund meines alten Herrn.
„Was???“, ich drehte meinen Kopf zu seiner Seite und schaute ihn fragend an.
„Synanon!“, wiederholte er ausdrucksstark, mit der Annahme dass uns beiden nun ein Lichtlein in unseren drogengetränkten Hirnsynapsen aufgehen würde.
„Was? Wovon redest du?“, erwiderte ich mit der gleichen Fragwürdigkeit wie vorher.
„Syna… Syna… Was???“
„Synanon! Mensch! Hör doch zu! Das ist eine Einrichtung, so ein Hof. Die nehmen jeden, der Probleme wie ihr habt auf.  Sofort und ohne Wartezeit!
Vor längerer Zeit stand ich mal mit denen in Kontakt und habe mich informiert.“, erklärte er uns mit aufgebrachter und genervter Stimme.
Dort könnt ihr hingehen. Ach, was sag ich?! Dort müsst ihr hingehen! Wenn nicht … Verdammt noch mal! Wenn nicht ist das auch bald die allerletzte Hilfe von meiner Seite!“, ergänzte er und trat plötzlich und unerwartet in das Gaspedal, so dass ich mich ’nen Moment panisch in den Sitz krallte.
„Besondere Probleme?!Hmm.., so wird das also genannt. Alles was wir tun ist doch bloß unseren einsamen Hirnsynapsen etwas Liebe und Aufmerksamkeit, in Form von übermäßig erhöhten  Endorphinausstößen zu schenken.“

Nein, ich meine Fuck man, auch wenn Ironie und Humor in den übelsten Situationen hilfreich sein konnte. Den letzten Teil Satz hab ich mir allerhöchstens im Stillen für mich gedacht. Denn an dieser Situation war wirklich nichts mehr lustig. Mein alter Herr tat mir tat mir echt leid. Mitten in der Nacht mit uns zwei verkorksten Junkies durch Köln zu fahren.

 

Ich klappte die Sonnenblende hinunter und suchte über den kleinen Spiegel Kontakt zu McFly, der meinen Blick, ebenfalls mit großen Augen, erwiderte.
„Wo ist denn dieses Synanon?“, ich drehte das Fenster ’nen Spalt hinunter und spürte die kühle Luft, die gegen meine Stirn zog.

 

„Es ist schon etwas weiter von hier. Kurz vor Kassel.“, nervös riss mein Vater das Lenkrad herum und bretterte in die kleine Einbahnstraße.
Und gerade als ich etwas sagen wollte unterbrach er mich.
„Jetzt hört mal zu ihr beiden! Ihr könnt nicht mehr so weitermachen. Das hier ist eure letzte Chance! Punkt Ende Aus! Wenn ihr die nicht wahr nimmt ist bald alles vorbei.“, fest knallte er die flache Hand auf das Armaturenbrett.
Einigen Minuten noch, sprudelten ähnliche Sätze aus dem Mund meines Vaters nur so heraus. Dabei fuchtelte er immer wieder, wie wild mir seinen Armen in der Luft herrum, boxte auf das Lenkrad eine und malträtierte das Armaturenbrett.
Bevor wir noch alle im Graben landeten, unterbrach ich ihn schließlich mit lauter Stimme.

„Vateer, ist gut jetzt. Bitte Man, wir wissen das doch alles selber. Dann halt Synanon.“, mit einem Ton in meiner Stimme, als hätte ich alles unter Kontrolle, drehte mich um und blickte in das Gesicht von McFly.

Er überlegte kurz, zuckte dann mit den Schultern und nickte mit seinem Kopf.
„Wenn ihr das nicht macht könnt ihr von mir nichts mehr erwarten. Dann war’s das!
Ich werde euch beide morgen dort hinfahren. Die Nacht werden wir alle im Auto verbringen. Nach Hause kannst du nicht. Das weißt du!
Ist bei dir ja auch nicht anders!“, er drehte den Rückspiegel etwas nach rechts und suchte Blickkontakt zu McFly.
„Ist doch okay. Wir fahren dorthin.“, ich drehte den Sitz nach hinten und schaute in das dunkle der Nacht.
Wir fuhren noch einige Kilometer durch Köln bis mein Vater schließlich an einem kleinen Parkplatz, am Rande eines Waldes, stoppte. Er ließ den Motor, und die Heizung welche die letzten Kilometer schon auf Hochtouren lief, noch einige Minuten laufen. McFly und ich rauchten draußen noch ein oder zwei Kippen, bis wir schließlich alle probierten etwas Schlaf zu finden.

Die Nacht war kurz und ungemütlich.
Ich öffnete meine Augen und das erste was ich erblickte waren ein paar Kühe die an mir vorbeirasten.
Wir befanden uns auf der Autobahn mit dem Ziel, dieses sogenannte „Synanon“.
Mal wieder auf ein Neues.

Fortsetzung folgt……

MADMIKE 07.07.2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Teil 29 – Danket dem Herrn

Der Tag verlief schleppend. Ein paar Sonnenbrillen und etwas hochwertigen Alkohol, konnten wir erst nach stundenlangem Umherziehen an den Man bringen.
Die Kohle, die wir letztendlich ergatterten, hätte in Konstanz gerade mal für ein 3/4 Gramm gereicht.
Da für die zwei oder drei Dealer praktisch ein Monopol herrschte, was den Verkauf in dort anging, konnten sie so die Mengen auf schon fast lächerliche Größen, herunterschrauben.
Mehr als einmal zofften wir uns mit dem lockigen Italiener, der fast immer morgens in der Spielhalle anzutreffen war. Mit seinen lockigen Haaren und einer Nase, die auch mal so eben mit der von Pinocchio mithalten konnte, versuchte er jedes Mal in gebrochenem Deutsch, sein heruntergestrecktes Material als das Beste in ganz Deutschland anzupreisen.
Es war frustrierend den ganzen Tag durch die Stadt zu ziehen, Kohle klar zu machen, nur um nach Öffnen des kleinen Briefchens festzustellen, dass die Menge grade mal so ausreichte, dem verfickten Affen ’nen kleinen Snack zu servieren.
Also entschieden wir uns dafür unsere Ärsche nach Zürich zu befördern.
Da ein Auto jetzt nun mal nicht mehr zur Auswahl stand, gab es nur die eine Alternative.
Erst über die Grenze nach Kreuzlingen, ein kleiner Ort unmittelbar hinter der Grenze.
Von dort an hatte man noch die Möglichkeit mit dem Zug weiter nach Zürich zu fahren, was wir auch ein paar Mal taten, oder aber halt auf die gute Altmodische, per Daumen-Taxi.
Mit ’n bisschen Glück erreichte man so den Letten, aka 14. inoffizielles Weltwunder, nach 1,5 bis 2 Stunden.
Der Aufwand war hier zwar auch groß, doch auf der anderen Seite, war die Ausbeute, bzw, das Preis-Leistungsverhältnis nun mal viel besser als auf der deutschen Seite. Um am Ende zählte schließlich nur das Pulver im Beutel.

Umso näher wir in Richtung Szene kamen, desto skurrilere und abgefucktere Gestalten kamen uns entgegen.
Auch wenn dies nun schon mein dritter Besuch war, einmal hatten wir uns noch den Volvo aus der Garage des Vaters ausgeliehen, so war der Anblick dieses kontrollierten Chaos, tagsüber wirklich noch mal eine ganz andere Nummer.
Wurden Einzelheiten noch vom Dunkel  der Nacht verschluckt, so offenbarte sich das volle Elend, erst bei Tageslicht.
Junge Mädels die im Gebüsch mehrere alte Säcke gleichzeitig für Ihren Morgenschuss befriedigten. Typen die nach zuviel Koks über die Szene rasten, als wäre der Leibhaftige hinter Ihnen her. Schlägereien bei denen beide Parteien wahrscheinlich nicht Mal mehr ansatzweise wussten weshalb sie sich gerade die Köpfe einschlugen, war hier der ganz normale Alltag.
Mit Block und Bleistift bewaffnet, hätte hier wahrscheinlich jeder Psychologie Student im Handumdrehen seine Bachelorarbeit, über die Auswirkungen von Drogen auf das menschliche Hirn, aufs Blatt bringen können. 

Der Letten in Zürich – Der Ort, an dem keiner sein wollte, der aber dennoch tausende Vollzeitjunkies und Hobbykonsumenten in seinen Bann zog. Ein Ort, der dich entweder brach, oder mit vielen Narben und Geschichten überleben ließ. Ein Ort, der mit seiner schwarzen dunklen Seele Menschen zum Frühstück fraß und sie zum Abendessen wieder unverdaut ausspuckte.

Na ja, wie auch immer. Wir setzten uns an die Bar, bzw. an einen, der mit viel Liebe zum Detail aufgebauten, Pappstände. Da die Menü Karte nicht allzu viel her gab, entschieden wir uns mal wieder für das flüssige Tagesgericht.
Die eine Hälfte unseres Einkaufs, machte umgehend Bekanntschaft mit unseren Blutbahnen und raste in Hochgeschwindigkeit in Richtung Kleinhirn, um sich dort gnadenlos auszutoben. Die andere Hälfte teilten wir auf, sodass jeder selbst entscheiden konnte, wann es Nachschlag gab.

Ich weiss nicht mehr wer auf die dumme Idee kam, doch kurze Zeit später standen wir tatsächlich in einem riesen Geschäft, mitten in der Fußgängerzone. Na ja, das Ganze war im Grunde eine Affekthandlung. Geplant war da nichts dran. Keine Kohle mehr auf Tasche, der Laden tauchte auf und wir sind, ohne groß unser Hirn einzuschalten, reinmarschiert um unser Glück herauszufordern.

Im Prinzip war es schon im vornherein glasklar wie die ganze Aktion ablaufen würde.
Ich meine, an einem anderen Ort, hätte diese Rein Raus Aktion evtl. gute Erfolgschancen gehabt, doch hier in diesem Laden, unmittelbar neben der größten Drogenszene weltweit, hätten wir uns wahrscheinlich auch direkt selber anzeigen können.
Es war klar, dass es hier von Zivis und Kaufhausdetektiven nur so wimmelte.
Gerade als ich mit den zwei oder drei, in meiner Jacke verstauten, Mini Disc Player der Marke Sony, die Schwelle des Ausgangs übertreten wollte, packte mich ein behaarter Männerarm. Jemand zog mich ruckartig, nicht gerade zimperlich, zurück in den Laden, sodass es mich fast auf meinen Arsch gelegt hätte.
Dann dauerte es keine weiteren fünf Sekunden und ich war umzingelt von insgesamt drei Haus-Detektiven.

Verfickte Scheiße! Nicht jetzt und nicht hier!“, dachte ich mir und war mir sicher, dass es für solch einen Blödsinn doch definitiv passendere Momente gab. Ich griff in meine Hosentasche und fühlte das Päcken, während mich die netten Herren nach unten, in einen Raum begleiteten.

Da gab es keine Chance mehr mich loszureißen oder sonst irgendwie zu entkommen.
Ich konnte noch kurz aus dem Augenwinkel erkennen, wie Chris, der an einer anderen Stelle im Laden sein Glück versuchen wollte, aus dem Laden flüchtete.
Es half alles nichts. So sehr mir auch mein Herz blutete, mit meiner rechten Hand öffnete ich das Päcken in meiner vorderen Hosentasche und probierte, so gut es ging, das Pulver in meiner Tasche zu verteilen.
Leider zog keine meiner Ausreden, inklusive der, doch nur die Arbeitseffizienz der lokalen Kaufhausdetektive auf Herz und Nieren prüfen zu wollen.
Es dauerte keine zehn Minuten und ich wurde von zwei Bullen abgeholt, und in deren Wagen verfrachtet.

Grüne, mit eingeritzten Namen und Rus verschmierte Wände, ein kleines quadratisches mit extrem dicken Sicherheitsglas verziertes Fenster und eine dunkelbraune Holzbank, die quer direkt in die Wand eingelassen wurde. Nachdem meine Daten aufgenommen wurden, durfte ich nun also auch eines der schweizer Hotelzimmer testen.
Ich weiß nicht mehr wie lange ich in dieser popeligen Zelle verweilen musste.
„Kennst eine, kennste Alle oder wie war dat noch?“
Angetrieben von den Opiaten in meiner Blutbahn verfiel ich einen unterschwelligen Schlaf.
Kurzzeitig schreckte ich immer mal wieder auf, ausgelöst von meinen typsichen wirren Halbträumen oder lauten Geräusche, bis sich schließlich das schwere Schloss der Stahltür bewegte und die Tür sich öffnete.
Der, so um die 30 bis 40 Jahre alte Beamte, forderte mich auf mitzukommen.
Was dann geschah, ich muss zugeben, war schon mehr als seltsam.
Ich bekam meine Sachen wieder und nach mehrmaliger Aufforderung, mich jetzt anständig zu benehmen, da sonst auch Handschellen angelegt werden können, ging ich mit den beiden, einer links einer Rechts von mir, nach draußen.
Der gleiche Zivil Wagen, der mich schon zuvor zur Wache chauffiert hatte, stand vor dem Revier.
Die beiden beförderten mich auf die Rückbank, stiegen ein und wir fuhren los.

Ähm.. Entschuldigung. Könnten Sie mir mal bitte sagen was jetzt passiert? Wo fahren wir hin?„, nervös rutschte ich auf der Rückbank Hin und Her und versuchte Augenkontakt über dem Rückspiegel, mit einem der Bullen aufzunehmen.

Dich wegbringen!„, ertönte es von vorne, inklusive darauffolgendem Geschwafel auf Schweizer Dialekt, welches ich nicht mal ansatzweise encodieren konnte.

Wegbringen? Wie? Warum? Wohin?“, erwiderte ich ohne darauf aber ’ne Antwort zu erhalten.

Es ratterte in meinem Kopf.
Wo zum Teufel wollen die beiden mich hinbringen? In den Wald, den „Junk“ entsorgen? Etwa in den Knast? Wegen so ’ner lächerlichen Kleinigkeit? Kann ja wohl nicht sein. Meine Bewährung müsste auch schon abgelaufen sein. Und außerdem sind wir hier in der Schweiz.

Schließlich stoppten wir am Zürcher Hauptbahnhof stiegen aus und einer der beiden schob mich Richtung Haupteingang.
Ich war verwirrt. Was zum Teufel wollten wir nun hier?
Vor dem Kartenautomat blieben schliesslich wir stehen.

So mein Freund! Du fährst nun zurück nach Deutschland. Und am allerbesten fährst du nach Hause, zu deiner Familie und machst etwas gegen deine verdammte Sucht! Solltest Du wieder hier auftauchen und wir erwischen dich, kommst du nicht mehr so leicht davon!„, er hielt mich fest an meinem Oberarm und schüttelte mich immer wieder, um dem ganzen noch mehr Ausdruck zu verleihen.

Die Bullen kauften mir also tatsächlich ’n Ticket und beförderten mich höchstpersönlich in einen Schnellzug Richtung Deutschland. Sie warteten, bis sich der Zug in Gang setzte und ließen mich nicht mehr aus den Augen.

Ich war mehr als erstaunt über das eben abgespielte Szenario. Ich meine, ich hätte mit allem gerechnet, nur nicht damit! Na ja, rückblickend betrachtet, spiegelte diese Aktion der Staatsmacht wahrscheinlich auch nur deren pure Überforderung und Ratlosigkeit, bezüglich des immer größer werdende Drogen-Problems, wieder.

Es dauerte keine zehn Minuten bis zur nächsten Haltestelle.
Tja, ich überlegte, schaute mich  kurz um und hüpfte hinaus. Ich sprintete auf die gegenüberliegende Seite und saß zwei Minuten später, mit ’nem Grinsen in der Fresse, in ’nem Zug Richtung Zürich.

Ohne Shore zurück auf deutschen Boden? Ohne nein! „, dachte ich mir. Das lief einfach nicht und während mir dies durch den Kopf ging, trauerte ich weinerlich dem, in meiner Hosentasche, zerrissenen Päcken Shore nach.

Na ja, ich muss zugeben dass mir das Grinsen aber spätestens nach einer Bestandsaufnahme meines aktuellen Zustands, wieder ganz schnell verging.
Keine Kohle, kein Dope und auch sonstiges mehr auf Tasche.
Der letzte Druck lag mittlerweile nun mehr als 8 bis 9 Std. zurück und ich wusste, wenn ich mir nicht schnell etwas einfallen ließ, mich der „Tuck“ (Entzug) ganz mies von hinten penetrieren würde.

 

Es war es spät. Das Dunkle der Nacht legte sich über Zürich und kühle Luft machte sich breit.
Mir war kalt, war ich doch nur mit einem Pullover bekleidet.
Fuck Man, wer hätte denn auch gedacht, dass ich noch mitten in der Nacht in dieser verdammten Stadt rumlaufen würde?
Die Sesamstraße war schon vorbei und ich müsste schon längst im Bett liegen. Abendbrot in Form eines fetten „Gute Nacht-Drucks“ zu mir genommen haben und mir von Chris die Ohren vollschnarchen lassen.
Wohlgemerkt, ein Bett in Form eines kalten Zeltbodens.
 

Hauptbahnhof Zürich. 

„Jetzt bloß nicht von den Scheiß Bullen erwischen lassen und irgendwie an verdammte Kohle kommen!“,  ich zog mir meine Kappe tief ins Gesicht und hetzte schnellen Schrittes, mit hochgezogenen Schultern, durch den Bahnhof.

Alle Geschäfte hatten schon zu, und im Hauptbahnhof etwas mitgehen zu lassen, wäre wohl keine schlaue Idee gewesen.
Während ich zur Szene lief, observierte ich die Umgebung.

Vielleicht ’n Fahrrad? Oder ein Autoradio? „, gedanklich spielte ich die Optionen durch, doch ich kannte mich hier nicht aus und es wäre wohl klar, wie das enden würde.

Ich hoffte also auf irgendeine glückliche Fügung und marschierte weiter.
Vielleicht würde ich ja ein paar Deutsche auf der Szene treffen. So könnte ich etwas vermitteln oder das Glück haben auf einen sozialen Gönner zu stoßen. Wobei wohl die Chance auf einen Sechser im Lotto größer wäre, denn „Sozial“ ist nun wirklich die Letzte aller Eigenschaften, die an so einem Ort die Runde machte.
Vielleicht würde ich ja auch einen Beutel in irgendeiner Ecke finden.
Doch genug spekuliert. Fakt war nunmal dass 99 % dieser Dinge nicht eintreffen würden, und man sich selber etwas ausdenken musste um seinen Arsch zu retten.

Ankunft Letten!
Mir war kalt, ich war genervt und extrem gestresst.
Alles was ich wollte, war mein Opiat Spiegel wieder in die richtige Höhe zu katapultieren.
Es war dunkel. An der einen Ecke einige Afrikaner die sich lautstark am Streiten waren, der Boden übersät mit Junks.
Ob diese gerade am Schlafen waren, ihren Kick genossen oder Bodenproben zwecks Nährwertanalysen ausbuddelten, interessierte hier kein Schwein.

Vielleicht einfach einem der Afros den Beutel Shore entreißen, welche er wie eine Tüte Gummibärchen öffentlich in der Hand hielt?„, gierig begutachtete ich den fetten Beutel aus der Ferne.

Aber nee! Auch wenn der Affe so langsam im Anmarsch war …. Das Risiko in Kauf zu nehmen, auf dem Letten abgestochen zu werden und auszubluten wie ein Schwein beim Schlachter? Nee, dafür war er „noch“ nicht heftig genug.
Was hätte ich jetzt für einen gut ausgebildeten Drogenspürhund gegeben?
Einmal mit dem Köter über den Platz spaziert und ich hätte wahrscheinlich die Möglichkeit gehabt in den kommenden Wochen zum Mitarbeiter des Monats aka Top-Dealer, auf dem Letten, aufzusteigen.
So ’nen Hund, hatte sich wohl schon der ein oder andere Junkie herbei gewünscht. Nicht auszudenken wieviele Drogen hier schon in Ecken, Ritzen und Rillen verloren gegangen sein müssten. Kleine, mit Koks oder Shore, abgepackte Päckchen oder Blomben, die bei der Flucht vor den Bullen ausspuckt oder weggeworfen worden sind und jetzt in irgendeiner Ecke, unter den Mengen an Abfall, der den Letten verschönerte, auf ein neues Opfer warteten. Abgesehen von den ganzen Drogenbunker, die man mit so einem Wunderhund hätte knacken können.

Ich setzte mich auf die alten Bahnschienen und beobachtete das rege Treiben auf der Szene.
Ich quatschte jeden an, der auch nur einigermaßen etwas verloren und nach „Suche“ aussah. Doch nichts. Zum einen war es stockdunkel und die Leute die in diese Kategorie vielen, schienen genau zu wissen wo sie hingehen müssen.
Auch die verschiedenen Dealer, die ich ansprach, ließen sich nicht auf eine kleine Spende ein.
Eine erneute Inventur meiner persönlichen Sachen, gab immer noch nicht mehr als vorher her. Das Einzige an mir, was einen gewissen Wert darstellte, war der recht neue Marken Pullover, den der gute McFly noch vor ein paar Wochen, aus der kleinen Boutique in Überlingen für mich entwendet hatte.
Und da sich auch nach einer weiteren halben Stunden keine Möglichkeiten ergaben, die Panik vor dem Affen immer größer würde, tauschte ich ihn doch tatsächlich bei dem langen Afro gegen ein Päcken Braunes ein.
Meinen verfickten Pullover also! Na ja, immerhin noch besser als irgendeinen anderen radikalen Scheiss zu bauen. So `n  Mist, wie bei der damaligen „Handtaschen-Bank-Aktion“, schwor ich mir nicht nochmal durchzuziehen. Ich bin bis heute froh, dass es nicht geklappt hatte, denn das war und bin ich einfach nicht! Aber dennoch.


Beschaffungskriminalität
Ich, du, er sie es wird kriminell, um sich seine „illegalen“ Drogen zu beschaffen. 

Tja Man, die Panik vor dem Affen, dem üblen abgefuckten Entzug! Genau diese Umstände lassen Kurzschlussreaktionen entstehen. Lassen Abhängige unüberlegten, kontraproduktiven Scheiß produzieren, nur um irgendwie diesen anschleichenden Affen zu überlisten. Taten die Sie, währen sie nicht voll drauf, wahrscheinlich nicht mal im Traum durchziehen würden. Für Außenstehende absolut nicht nachvollziehbar, doch für Betroffene einfach nur der letzte Ausweg. So viel Übles, welches doch so simpel, mit einer etwas schlaueren Drogenpolitik hätte verhindert werden können und kann.

So schoss ich mir also den Markenpulli der Firma XYZ, aufgekocht und aufgelöst in einer meiner Lieblingsvenen.
Fucking Bingo! Mission erfüllt – Sucht befriedigt und Hirn gefickt!
Pullover war nun also weg. Wäre ja jetzt im Prinzip auch nicht allzu schlimm gewesen, wenn ich wenigstens noch ein T-Shirt drunter angehabt hätte. Oder wenigstens ein verficktes Unterhemd, meine Fresse!
Doch außer meinem nackten Oberkörper war da nun nichts mehr.
Würde der permanente Überfluss an Opiaten meinen Körper nicht davon abhalten, Standard-Krankheiten wie Erkältung, Husten, Schnupfen oder leichtes Fieber auch nur ansatzweise wahrzunehmen, würde ich mich mit Sicherheit, die kommenden Tage wie ein Häufchen Elend fühlen. Denn es war kalt. Oh ja man, verdammt kalt wurde es in dieser Nacht. Und so stolzierte ich also tatsächlich, mit freiem Oberkörper durch Zürich.

Auch wohl einer der Momente, wo man ja eigentlich definitiv merken sollte, wie sehr einem so eine Abhängigkeit doch im Griff hat. Wenn man die Klamotten die man an deinem Leib trägt hergibt, nur um etwas von dem braunen Pulver, in seine  Venen jagen zu können. Ja Man, spätestens dann sollte auch dem Letzten aller „Schnelldenker“ klar geworden sein, dass hier so etwas gar nicht mehr nach Plan läuft.
Na ja, rückblickend betrachtet ist das definitiv auch der Fall! Doch damals waren wir so in diesem Film drinnen. Selbst wenn man uns die „Abgefucktheit“ links und rechts um die Ohren gepfeffert hätte, wäre damals unsere Antwort ein fettes Grinsen, inklusive einer, aus den Fingern herbeigezogene Rechtfertigung!
Aber ich sage es noch mal. Heutzutage ist so ein Junk-Lebensstil schon fast komfortabel, im Vergleich zu damals.

Was nun? Ich wollte zurück nach Konstanz, doch die passende Idee um dort hinzukommen wollte mir partout nicht einfallen.
Ich war pleite und noch dazu fehlte mir nun auch ein Kleidungsstück, um meinen ausgelaugten Oberkörper zu bedecken.
So trampen? Ich meine, okay ….  Vielleicht mit ’nem durch trainierten Sixpack und ’ner Fresse die eines Armani Models, hätte sich eventuell irgendeine unbefriedigte Hausfrau dazu herabgelassen, mitten in der Nacht, für ’nen halbnackten männlichen Tramper, in die Eisen zu steigen. Doch alles was ich aktuell anbieten konnte, war mein Naturaler, vom Konsum gezeichneter, mit Einstichen verschönerter, Astralkörper. Es mag zwar für alles so seine Nachfrage geben, aber dennoch kam ich nach kurzer Überlegung zu dem Entschluss, es dann doch lieber sein zu lassen.
Wahrscheinlich wären spätestens nach ’ner halben Stunde sowieso die Bullen angerückt und hätten mich wieder einkassiert. Und darauf zu hoffen, dass die mich glatt noch mal in ’nen Zug Richtung Deutschland, inklusive  finanziertem Ticket setzen würden, wäre wohl etwas sehr weit her geholt gewesen.

 

So marschierte Ich also wieder Richtung Stadt einwärts. Immer geradeaus. Planlos und ohne Ziel.
Irgendein Platz wo ich die restliche Nacht verbringen könnte, um am darauffolgenden Tag die Steigerung meines Bruttosozialproduktes in Angriff nehmen zu können.
Als ich um die Ecke kam, sah ich am Ende der Straße eine Kirche. Ich lief drauf zu und betrat das Anwesen.
Es war eine kleinere Kirche, auf einem mittelgroßen Grundstück. Eine Wiese und viele Bäume grenzten diese von den anliegenden Häusern ab. Und nein Leute, weder Jesus noch ein anderer Heiliger kam darauf auf die Erde geschwebt, um mich kleinen Sünder zu segnen. Mir meine Sünden, meine Sucht und den Teufel, mit einem heiligen Halleluja auszutreiben.
Nee Man, wäre zwar auch ’ne coole Wendung in meiner Biografie, aber an Glaubwürdigkeit würde es wahrscheinlich nicht ganz zu beitragen.
Es war „ganz“ anders.

Ich schlich über das Grundstück, als mich ein helles Licht magisch anzog.
Und dann sah ich ihn.
Den hinter der Kirche liegenden, kleinen Holzschuppen, den Gott mir praktisch offenbarte. Oh ja, in dieser dunklen, kalten und aussichtslosen Nacht. Da stand dieser Schuppen, hell angeleuchtet vom Sterne Betlehems, der in all seiner Pracht, unmittelbar darüber schwebte. Und als ich hineintrat, offenbarte sich mir ein Bild, von Schönheit kaum zu überbieten.
Mehrere Engel, die im Chor mit Ihren lieblichen Stimmen ein Gesang von sich gaben. Ein Gesang voll göttlicher Einheit und Vollkommenheit.
Ich trat hinein. Ein heller Blitz traf mich, und dann  

ARGh!!!!….STOP!!!! GENUG JETZT!!!! ………

Falscher verfickter Film hier! Und auch wenn gerade Weihnachten war …. So ist es wirklich nicht abgelaufen. Wirklich!!

Der Schuppen war da, mir war Schweine kalt und ich war Hunde müde. Und außerdem dachte ich mir….. Falls man schon irgendwo erwischt wird, dann doch am besten an einem Ort, an dem Vergebung groß geschrieben wird. Immerhin sollten sich hier die Leute noch am sozialsten verhalten.
Der Schuppen war voller Geräte. Zwei Rasenmäher, Schaufeln, Besen, und sonstiges Werkzeug. Und tatsächlich fand ich auch eine alte Decke, die zusammengerollt, auf einer der beiden Regale, lag. Ich machte mir etwas Platz auf dem Boden und rollte die Decke aus. Auf eine Hälfte legte ich mich drauf und mit der anderen, deckte ich mich zu. Die Shore wirkte immer noch gut und so fiel ich schnell in den Schlaf.

Geräusche ließen mich, nach einigen Stunden wieder aufschrecken. Mein Nacken schmerzte und ich fror wie Sau.
Ich griff nach der letzten gedrehten Kippe, die ich mir extra für den Morgen aufbewahrt hatte und zündete sie mir an. Ich überlegte, während ich die kleine Spinne, die unmittelbar über mir an ihrem Netz arbeitete, beobachtete.
Zum Glück war es kein Sonntag, an dem der Pfarrer seine Schäfchen zur wöchentlichen Gebetsstunde aufrief.
Wäre wohl ein etwas seltsamer Anblick gewesen. Ein halb nackter junger Man, der aus der Scheune des Pfarrers heraus gestolpert kommt. Hier eine vernünftige und logische Erklärung zu finden? Definitiv kein einfaches Unterfangen.
Oder hätte ich mich etwa selbst als Wunder deklarieren können? Gezeugt aus dem Nichts, erschaffen in der Hinterhof Scheune, auf heiligen Boden.
MadMike, der neue Messias. Folget und huldigt Ihn. Oder wie oder was?! WTF?!

Ich rappelte mich auf, öffnete die Tür für einen kleinen Spalt und spingste hinaus. Die Luft war rein und vorsichtig schlich ich hinaus. Eigentlich wollte ich schnell die Fliege machen, doch dann entschloss ich mich einfach mal beim Pfarrer anzuklopfen.

Direkt neben der Kirche stand ein kleines Häuschen. Ich atmete kurz tief ein und betätigte die Klingel, mit der Aufschrift „Pfarrhaus“. Es dauerte etwas doch schließlich öffnete ein Man, mittleren Alters, die Tür. Die noch restlichen, grauen Haare zu einem Scheitel gekämmt und ein dicker, schon fast weißer Bart verzierte sein Gesicht. Der Kleidung nach zu urteilen, schien er wirklich der Pfarrer zu sein.
Wahrscheinlich kam es nicht allzu oft vor, dass Leute mit freiem Oberkörper bei ihm anklopften. Zumindest sagte mir dies sein etwas fragender Gesichtsausdruck inkl. weit geöffnetem Mund.

Meine Story war folgende:
Gestern war ich mit einigen Leuten aus Frankfurt angereist. Wir feierten etwas. Dann brach ein Streit aus, und das Ende vom Lied war, dass meine Kollegen mich glatt hier stehen ließen . All meine Sachen, mein Geld, waren noch im Auto und jetzt muss ich irgendwie wieder zurück auf deutschen Boden.
Warum ich obenrum nichts mehr anhatte?
Na ja, war halt so. Wir waren betrunken und ich bin so aufgewacht.

Es dauerte etwas, bis das faltige Gesicht des Pfarrers zu Leben erwachte und sein offener Mund anfing, sich zu bewegen.
Mit den Worten „Einen Moment„, schloss er die Tür vor meiner Nase und verschwand wieder.
Etwas ratlos stand ich vor der Tür.

„Sprintet er jetzt etwa geradewegs zu seinem Telefon und ruft die Bullen?“, ratlos stand ich da und es rattette in meinem Kopf. 

„Was heißt Bullen? Der wird wahrscheinlich direkt in der Psychiatrie anrufen und nachfragen, ob sich heute jemand aus der Gummizelle gegraben hat.“, ging es weiter.

Nervöse suchte ich meine Hosentaschen nach Kippen ab, obwohl ich genau wusste dass da keine mehr zu finden waren und gerade, als ich wieder die Fliege machen wollte, öffnete sich die Tür erneut.
Der Pfarrer drückte mir ein weißes T-Shirt in die Hand, das ich locker auch als Kleid tragen hätte können.
Er setzte sich auf die kleine braune Holzbank, welche direkt neben dem Eingang stand, und fing an mir für ein paar Minuten einen Vortrag über Dies und Jenes zu halten. Über Tugenden, über das Leben und sonstige Weisheiten.
Total übermüdet stand ich vor ihm, haute ab und zu ein „Nicken“ und ein „Ja“ heraus und gab mir wirklich Mühe, ihm einigermaßen zu folgen.
Und als er schließlich fertig war, gab er mir doch tatsächlich noch einen 50 Franken-Schein und einen Zettel, auf dem irgendetwas stand.

„Am Ende der Straße gibt es eine Metzgerei. Dort kannst du den Zettel abgeben und bekommst etwas zu Essen. Ich hoffe du belügst mich nicht mit deiner Geschichte“, er musterte mich noch mal eingehend, schloss dann die Tür hinter sich und war weg.

„Halleluja und ein Amen hinterher!“, ich dankte dem Herrn, zog mir das XXXL Shirt über und lief, wirklich total überrascht über diese Aktion, los.

In der Metzgerei bekam ich ’n Mettbrötchen und ’ne Cola in die Hand gedrückt.
Es schien wohl doch öfters vorzukommen, denn die Mitarbeiter dort, wussten sofort Bescheid, als ich den Zettel überreichte.

Natürlich könnt Ihr Euch denken, wo die 50 Schweizer Franken letztendlich landeten. Und Ihr denkt damit auch richtig. Obwohl ich ein kurzen Moment Zweifel hatte diesen, von Gott gesegneten Geldschein, für solch eine Schandtat zu nutzen, stand ich ’ne halbe Stunde später wieder auf dem Letten. Ich drückte ihn irgendeinem abgefuckten Dealer in die Hand und bekam dafür mein Wasser und Brot.
Ich meine, schon beim ersten Anblick des Geldscheins, blitzte das Wort „Cocktail“ in meinem Hirn auf. Natürlich kein Alkohol, denn dafür war es doch noch „viel zu Früh“ am Morgen. Nee Man, es war der gute alte Cocktail aus Braunem und Weißen, der mich praktisch in Lichtgeschwindigkeit zurück auf den Letten beförderte.
Ich kochte auf, dinierte und verpisste mich danach so schnell es ging.
Ich legte es nicht drauf an, länger als nötig, auf dem Letten zu verweilen. Das Risiko einzugehen, die kommende Nacht evtl. noch ohne meine Hose, in Zürich verbringen zu müssen, war mir dann doch eindeutig zu hoch.
 

Fortsetzung folgt……
MadMike  09.01.2017

 

-Rechtschreibfehler können gegen Bonuspunkte in eurem örtlichen Psychologie Zentrum für demenzkranke Menschen, eingelöst werden-

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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